Go East - Mit dem Fahrrad zu Ev. Gemeinden in Osteuropa
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28. Tag -5. August: Wisla Tag 2 und ukrainische Gastfreundlichkeit

Ein langer Tag beginnt (Deshalb ist der Text heute auch etwas länger). Schon kurz vor 8 Uhr holte mich Waldemar Szajthauer, der ev. Pfarrer von Wisla-Zentrum, in den Gemeinderaum und erläuterte mir die historische Entwicklung der Kirche in Wisla. Noch heute kann von einer evangelisch-volkskirchlichen Struktur gesprochen werden. Rund 65% aller Einwohner der Stadt gehören zum evangelisch-augsburgischen Bekenntnis. In allen fünf Stadtteilen gibt es eine Ev. Gemeinde mit einem eigenen Pfarrer. Desweiteren gibt es noch einige evangelisch-freikirchliche Gemeinden und eine katholische Gemeinde. Zu seiner Gemeinde im Stadtzentrum gehören ca. 3400 Mitglieder. Am Sonntag gibt es immer zwei Gottesdienste, zu denen zwischen 250-300 Besucher kommen. Allerdings gibt es kein typisches Kirchencafe, weil die Gemeindeglieder sich untereinander privat viel treffen. Es gibt alle möglichen Gemeindekreise und im Sommer zahlreiche Konzerte. Für jeden Haushalt gibt es einen umfangreichen Gemeindebrief, welcher aber nicht, wie bei uns ausgetragen wird, sondern im Pfarrbüro selbst abzuholen ist (Foto). Jeden Werktag ist dieses und nach dem Gottesdienst geöffnet. Mitten in der Fußgängerzone gibt es noch ein großes Gemeindehaus (Foto). Die gesamte untere Etage ist aber an verschiedene Geschäfte vermietet. Ebenso gehört ein kostenpflichtiger Parkplatz zur Kirchengemeinde, der von den zahlreichen Touristen genutzt wird. Mit diesem Einnahmen werden die zahlreichen Ausgaben der Gemeinde bestritten. Die größte Herausforderung bzw. Problem sind die explosionsartig gestiegenen Energiekosten. Gegenwärtig weis der Pfarrer noch nicht wie die Heizkosten für die Sonntagsgottesdienste im Herbst und Winter bezahlt werden können. Eine weitere Herausforderung ist ein neu gestalteter Kinderbereich unter dem Dach. Nach fast 2 Stunden Gespräch und Rundgang verabschiedeten wir uns. Für heute 16 Uhr vermittelte er noch einen Besuch im nahen Heilbadstädchen Ustron. Schon in anderen Städten, wo ich die Tage zuvor unterwegs war, wurde mir ein Besuch der Ev. Gemeinde in Wisla-Malinka empfohlen.

Ich packte meine Sachen zusammen und versteckte sie im Pfarrgarten, weil noch nicht klar war, wo ich die nächste Nacht verbringen werde. Zum ländlich geprägten Ortsteil Malinka waren noch mal rund 140 Höhenmeter zu überwinden, aber ohne meine 4 Packtaschen war das fast ein „Klacks“. Was ich dann gesehen und erfahren habe, hat mich förmlich „umgehauen". Aber der Reihe nach:

In Malinka angekommen fuhr ich an einem großen und modernen Holzneubau auf einem Hügel am Ortsrand vorbei. Rund 100 Meter davon entfernt fand ich die Kirche (Foto), das Pfarrbüro und einen Schaukasten. Aber niemand war da. Ich setzte mich auf den Straßenrand, trank etwas und sah, wie junger Mann aus dem Holzneubau in meine Richtung zur Kirche lief. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er, Bogdan, zur Gemeinde gehört und auch Zugang zu dem Kirchenschlüssel hat. Er öffnete mir die Kirche, sagte aber, dass sie nicht mehr genutzt wird, weil sie für die Gemeinde viel zu klein geworden ist und zeigte auf die neu erbaute Kirche, welche der massive Holzneubau ist, die ich als solche zuerst nicht erkannt habe (Foto). Erst im letzten September wurde sie eröffnet und geweiht. Wenn ich möchte, können wir sie uns auch anschauen. Natürlich wollte ich. Wir betraten die neueste Ev. Kirche von Polen. Nun verstand ich, warum ich diese Gemeinde unbedingt kennenlernen sollte. Ich war tief beeindruckt von dieser modernen und zugleich auch optisch ansprechenden Kirche, die von außen nicht gleich als Kirche zu erkennen ist. Dann haben wir einen langen Rundgang gemacht. Der große Kirchsaal hat über 600 Plätze (Foto). Auf der leicht erhöhten Bühne befindet sich Altar, Pult und ein großes Holzkreuz. Verschiedene Scheinwerfer an der Decke können die gesamte Bühne ausleuchten. Bogdan erzählte, dass zur Gemeinde in Wisla-Malinka rund 1000 Mitglieder gehören und an einem normalen Sonntag - außerhalb der Ferienzeit - zwischen 400-500 Gottesdienstbesucher, zumeist junge Leute und Familien mit zahlreihen Kindern kommen. Kindergottesdienst gibt es in drei Gruppen, wenn ich es mir richtig gemerkt habe. Es gibt allerdings keine übliche Orgel, dafür zeitgemäße Worship Gottesdienstmusik, die durch die fünf Gemeindebands gestaltet wird. 5 Kirchenbands an einer Gemeinde ? Ich konnte es kaum glauben. In einem überbordenden Technikraum (Foto) wird ein guter Sound für die Gottesdienst und den Live-Stream abgemischt. Einen weiteren Raum gibt es für den Online-Videoschnitt, ein Raum für den Audioschnitt. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gibt eine sehr ansprechende Cafe-Louge, für das Kirchencafe nach dem Gottesdienst, einen großen Seminarraum, weitere mobile Gemeinderäume, eine riesige Gemeindeküche mit allerlei Gerätschaften, einige Gästezimmer mit Duschen. Multifunktional, war das große Stichwort. Bogdan erzählte das er zum Technikteam gehört, das alleine schon über 10 Leute umfasst.  Leider war der Pfarrer nicht da. Er ist mit 150 Kindern der Gemeinde zum Sommercamp an der Ostsee, aber ich könnte in der Kirche trotzdem übernachten.

Ich überlegte hin und her, ob ich bis Sonntag nicht bleiben sollte, denn eigentlich war mein Plan in Skoszow zu übernachten, wo mich Alfred, der Pfarrer, eingeladen hat und heute abend zurückkommt, aber noch die tagesaktuelle Bestätigung fehlte. Mit Bogdan tauschte ich die Telefonnummern aus und wir verabschiedeten uns. Ich radelte wieder ins Zentrum von Wisla. Wie toll ist es, wenn es immer nur bergab geht, dachte ich. Im Zentrum angekommen schmiedete ich meinen Plan: Errreiche ich in der nächsten Stunde Alfred, fahre ich zu seiner Gemeinde in Skoszow mit der geplanten Zwischenstation in Ustron, erreiche ich ihn nicht, radle ich mit Gepäck zurück nach Malinka.

Kurz vor 15 Uhr erreichte ich Alfred, ich solle doch kommen und er freut sich auf mich. Aber er kommt erst gegen 20 Uhr mit der Kinder- und Jugendgruppe zurück. Damit stand mein Entschluss fest: Auf nach Skoszow. So belud ich mein Rad und wieder ging es 10km fast nur bergab, aber ich hatte ständig die Bilder der sehr lebendigen Gemeinde von Malinka vor meinen Augen.

In Ustron konnte ich noch die Kirche besichtigen. Die Pfarrfrau öffnete mir die Kirche. Als ich erfuhr dass ihr Mann vor einem Jahr an Corona gestorben ist, drückte ich mein Beileid aus und vermied weitere umfangreiche Fragen. Was ich noch erfuhr, dass in Ustron immerhin 30% zur Ev. Kirche gehören. Nach dieser Zwischenstation radelte ich weiter nach Skoszow, wo ich ja schon eine Nacht verbracht hatte. Gegen 19 Uhr kam ich dort an. Aus dem Pfarrhaus kamen zwei Mädchen und es stellte sich heraus, dass sie zur 9 köpfigen ukrainischen Familie gehören, die seit März im Gemeindehaus wohnt. Danach baute ich mein Zelt wieder im Pfarrgarten auf. Als die Eltern mitbekamen, dass ich, wie Alfred, auch pfarramtlich arbeite, nötigten sie mich intensiv in ihren Wohn- und Speisezimmer zu übernachten. Aber ich lehnte ab, weil ich es unpassend fand. Mehrmals versuchten sie es nochmal, dass ich bei ihnen übernachte, aber ich nein, weil ich keine Umstände machen wollte. Die Einladung zu einem Glas Tee - bis Alfred kommt - nahm ich an und setzte mich an den großen Wohnzimmertisch. Keine 5 Minuten später standen Nudeln und eine ukrainische Suppe auf den Tisch. Der Vater und der Sohn waren so erfreut, dass sie ein ukrainisches Volkslied für mich vorsangen. Mit meinen Übersetzungsgerät konnten wir uns etwas verständigen und sie zeigten mir auf einer Karte die Region aus der sie stammen. Dann zeigte mir der Vater ein Video über einen russischen Raketenangriff auf seine Stadt und ein zweites Video, wie sie ihr zu Hause verlassen haben und nach Polen gefahren sind. Ich war tief gerührt und mir fehlten für einige Minuten die passenden Worte. Als Dank für das Essen wollte ich etwas später ein Bier für den Vater anbieten. Aber er lehnte nun seinerseits ab, weil Christen - wie der älteste Sohn sagte - in der Ukraine kein Alkohol trinken dürfen. Es stellte sich heraus, dass die Familie zur Evangelischen Pfingstgemeinde gehört und deshalb grundsätzlich keinen Alkohol getrunken wird. Wir unterhielten uns noch eine Weile und baten sie mich für ihre Kinder zu beten, was ich sogleich gemacht habe. Weit nach 22 Uhr kam dann Alfred endlich an und begrüßte die Familie und mich herzlich, so, als würden wir uns schon lange kennen. Ich half mein Ausräumen des umfangreichen Gepäcks aus dem Auto und wir unterschielten uns über meine Reise und über das Sommercamp, das er organisiert hat. Dann sagte Alfreds Frau, dass das Gästezimmer fertig bereitet ist. Ich gab mich „geschlagen“ und schlief die Nacht dann doch nicht in meinen Zelt. Wieder ging ein Tag mit vielen und sehr unterschiedlichen Eindrücken zu Ende und ich schlief rasch ein.
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