Go East - Mit dem Fahrrad zu Ev. Gemeinden in Osteuropa
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27. Tag - 4. August: Drama im Bus nach Wisla. Der "Hochburg" der Evangelischen, Tag 1

Als ich heute etwas „verspätet“ gegen halb 8 aufwachte, hörte ich Schritte neben meinen Zelt. Ich schaute raus und sah, wie eine Frau mich freundlich auf polnisch begrüßte und ein komplett fertiges Frühstück auf der nahen Terasse bereitstelle. Dazu jeweils eine Thermoskanne mit Tee und Kaffee zur Auswahl. Dann sollte ich unbedingt ins Pfarrhaus mitkommen und sie zeigte mir die Gemeindedusche und wollte meine Reisesachen zum Waschen haben. Ich war etwas verlegen, überlegte ob alles richtig abläuft, hörte schlussendlich auf mein Bauchgefühl und nutze das Angebot, denn an diesem Vormittag hatte ich eine geplante Videokonferenz mit einem Vertreter der Kirchenleitung der Böhmischen Brüder in Tschechien. Vor zwei Wochen kam dieser Termin in Prag leider nicht zu Stande und an diesem Vormittag wollte ich deshalb ohnehin nicht gleich weiterfahren, sondern erst zur Mittagszeit. Ich war sehr dankbar über soviel Gastfreundschaft, denn meine sauberen Sachen gingen langsam zu Neige. Gegen Mittag bekäme ich meine Wäsche trocken zurück.

Auf dem Hof wurde es zudem noch richtig lebendig, denn für die Kinder - die nicht mit dem Pfarrer zum großen Camp an die Ostsee mitfahren konnten - gab es ein fünftägiges Ersatzangebot. Nach der interessanten Videokonferenz konnte ich dieses Kinderprogramm mitverfolgen (Foto). Gegen Mittag wollte ich ja nach Wisla starten, aber ich wurde noch ermutigt am Seniorenmittagessen teilzunehmen (Foto), welche gerade von einer Halbtagsfahrt zurückkamen. Mir wurde bewusst, wie ein aktives Gemeindeleben organisiert werden kann, auch wenn der Pfarrer nicht anwesend ist. Dann musste ich aber doch Skoszow verlassen, weil ich den Bus nach Wisla nutzen wollte. Rund 400 Höhenmeter auf gerade mal 21km wäre mit meinen Rad kräftemäßig noch schaffbar, aber nicht mit einem vollbeladenen Fahrrad, das fast 50kg wiegt. Deshalb nutze ich die Möglichkeit mit dem Bus nach Wisla zu kommen. Der Busfahrer war nicht gerade freundlich und ich wurde etwas hektisch. Ich warf meine 4 Packtaschen auf die Abstellfläche, schob dann das Rad auf die Fläche und der Bus fuhr ab. Der Bus war vielleicht 3-4 Minuten unterwegs, da schoß mir durch den Kopf, das ich in der Hektik an der Haltestelle meine Lenkertasche mit Portemonnaie, Pass, Handy, Kamera und Übersetzungsgerät vergessen hatte.  Ich ließ das Fahrrad fallen, lief zum Busfahrer, rief laut mehrfach "Stopp" und "Bagasch" (polnisch Gepäck). Die Leute schauten mich irritiert an. Der bisher unfreundliche Busfahrer drehte noch einmal um, fuhr zur Haltestelle zurück und dort lag tatsächlich meine Lenkertasche. Ich holte rasend schnell die Lenkertasche, als ich wieder im Bus war rief ich mehrmals laut Danke auf Polnisch und der ganze Bus klatsche und die Mitfahrer lachten mich an. Nach vielleicht 10min hatte ich wieder einen normalen Puls. Was für eine krasse Erfahrung, dachte ich.

Die Kleinstadt Wisla in den Beskiden gilt als Evangelische „Hochburg“ in ganz Polen. In der sehr touristischen Stadt mit ca. 12.000 Einwohnern gibt es gleich 5 evangelische Kirchengemeinden in den verschiedenen Ortsteilen mit einem eigenen Pfarrer. Ca. 65% der Stadtbevölkerung ist evangelisch.

Ich fuhr mit dem Bus bis zur Endstation in Wisla-Glebce, wo es ebenfalls eine eigene Gemeinde gibt. Die alte Betonkirche wurde in den 90 Jahren zu klein (Foto), so hat die Gemeinde in der Nähe eine neue Kirche gebaut, wie durch eine Anwohnerin erfuhr. Zugleich erfuhr ich das der zuständige Pfarrer gerade im Urlaub ist, aber Pfarrer von der größten Gemeinde im Zentrum von Wisla, ist nicht verreist. Kurz vor 17 Uhr kam ich dort an. Die große Ev. Stadtkirche und das Pfarrhaus liegt mitten in der Fußgängerzone. Welch ein „Zufall“ kam gerade der sehr gut deutsch sprechende Vikar der Gemeinde zur wöchentlichen Bibelstunde. Wir kamen schnell ins Gespräch. Kurz vor Beginn holte er mich die Erlaubnis, dass ich im Gemeindegarten zelten darf. Ich nahm dann an der Bibelstunde teil. Ich verstand zwar nichts von den inhaltlichen Ausführungen des Vikars, aber nach ca. 40min begann ein Geprächsteil. Zum Abschluss wurde noch das Lied „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“ gesungen und ich konnte auf Deutsch mitsingen, das die Besucher erfreute.  Auf meine Frage an: "Wie es für evangelische Christen das Leben in Polen ist", lautete die klare Antwort einer Teilnehmerin: "Super". Leider wurd das Foto von der Runde  nichts. Im Anschluss erläuterte mir der Vikar noch die besondere kirchliche Situation von Wisla mit seiner Evangelischen Mehrheit. Kurz danach musste er aber weiterfahren, weil er nicht in der Stadt wohnt und mit seiner Frau an diesem warmen Sommerabend noch was vorhatte. Ich baute mein Zelt auf und fuhr noch einmal los zum einkaufen. In der Fußgängerzone flanierten die Touristenmassen. Zwei Frauen machten mitten in der Fußgängerzone ein musikalisches Straßengebet für die Ukraine (Foto). Ich verweilte kurz, radelte dann zurück, aß etwas und schrieb an meinen Bloq. Erst in der Abenddämmerung kam der Pfarrer der Stadtkirche im Zentrum – der auch sehr gut Deutsch konnte – und wir unterhielten uns noch eine halbe Stunde durch die Besonderheiten der Ev. Kirche in Wisla und wir vereinbarten einen Rundgang für den nächsten Vormittag. Wieder ging ein ereignisreicher Tag mit interessanten Begegnungen zu Ende. Nach den Tagen der verschiedenen Besuche in den Städten, wo die Ev. Kirche in der Minderheit ist, fühlte ich mich etwas heimisch.

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