Go East - Mit dem Fahrrad zu Ev. Gemeinden in Osteuropa
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24. Tag-1. August: Tolles Kindercamp in Tychy und Beklemmung in Auschwitz

Nach dem verregneten Sonntag startete ich an diesem Tag in meine 4. Reisewoche. Heute wollte ich nun die Ev. Gemeinde in Tychy besuchen, die ich gestern nicht mehr erreichte. Tychy ist in ihrer jetzigen Gestalt eine sehr junge Stadt, die auch für die größte polnische Brauerei bekannt ist. Etwa 126.000 Menschen leben heute in der Stadt. 1970 waren es gerade mal 9000. Wegen der Expansion der Brauerei und der neuen Fiat Autoindustrie, ist der Bevölkerungsanzahl in den letzten 40 Jahren stark angestiegen. Das hatte auch zur Folge, dass 1992 eine komplett neue Ev. Kirche gebaut wurde.

Nach einem Stopp bei McDounalds zum Laden von Handy und Kamera, kam ich kurz nach 10 Uhr vor der Ev. Kirche von Tychy an. Sperrangelweit standen die großen Türen, der sehr modernen Kirche, offen. Im Kirchenschiff war ein große Schar von Kindern und Jugendlicher, die an einer langen Tischtafel saßen. Sogleich begrüßte mich der Pfarrer, bekam etwas zu Essen und zu Trinken und dann erklärte er mir, das an diesem Vormittag das fünftägige Kinder-Sommercamp begonnen hatte. 35 Kinder nehmen an dem Camp teil und nochmals ca. 15 Jugendliche Teamer. Desweiteren ist auch eine Gruppe der Lutherischen Kirche aus den USA mit ihrem Pastor zu Gast, die bei dem Camp mitwirkten. Was für ein Glück. Vielleicht sollte ich genau deshalb gestern die Stadt nicht mehr erreichen. So konnte ich etwas das Vormittagsprogramm miterleben. Wenig später startete dann auch das inhaltliche Programm und die Kinder wurden nach Altersgruppen aufgeteilt. Vom Pfarrer erfuhr ich noch, das die Kirche rund 400 Mitglieder hat. Zum Gottesdienst kommen jeweils rund 100 Besucher. In den letzten Jahren hatten Sie fast 100 Übertritte aus der Katholischen Kirche und deshalb prägen auch junge Familien die Gemeinde. Die größte Herausforderung ist gegenwärtig das Gemeindeleben und die vielen Aktivitäten wegen der stark gestiegenen Preise aufrecht zu erhalten. Selbstverständlich gibt es Kindergottesdienst und einen Live Stream über den eigenen Internetkanal. Direkt in der Kirchenwohnung lebt zur Zeit auch eine ukrainische Familie. Wieder war ich über die Lebendigkeit und den Aktivitäten der Evangelischen Christen in Polen beeindruckt.

Dann war es Zeit weiterzufahren. Mein zweites Tagesziel war die Gedenkstätte für die ermordeten Juden im rund 20km entfernten Ausschwitz, polnisch: Oswiecim. In der Stadt gibt es zwar keine Ev. Gemeinde mehr, aber diesen welthistorisch traurig-berühmten Ort, wollte ich unbedingt besichtigen. Ich kam gerade noch rechtzeitig zur letzten deutschsprachrigen Führung an, die immerhin 3,5h dauert. Die Gedenkstätte besuchen jedes Jahr rund 2 Mio. Menschen. Die Besichtigung teilt sich in sogenannte Stammlager Auschwitz 1 und auf das reine Vernichtungslager Auschwitz 2 auf, das rund 3km entfent ist. Über 1,1 Mio Menschen fanden an diesen Ort den Tod. Leider können geschriebene Worte – auch durch meine – die Schrecken dieses unheimlichen Ortes nicht fassen. Ich war zwar schon reichlich über diesen Ort sachlich informiert, aber diesen Ort dann selbst zu sehen, wie das zynische Eingangsschild „Arbeit macht frei", die Tausende Reste von Brillen, Schuhen und Koffern, war emotional sehr beklemmend. Diese Beklemmung steigerte sich ins Unbegreifliche in Auschwitz-Birkenau, als die Besichtigung an der sogenannten „Judenrampe", wo die Selektion stattfand, fortgeführt wurde. Vor den Resten der gesprengten Gaskammern zu stehen, lässt sich kaum beschreiben. An den Mahntafeln in über 25 verschiedenen Sprachen, sollte jeder Deutsche einmal sein und die Mahnung aufnehmen. Nach der Besichtigung der Gedenkstätte fuhr ich nicht mehr weiter und baute auf dem Zeltplatz des Katholischen Zentrums für Dialog und Gebet mein kleines Zelt auf und kroch mit dieser anhaltenden Beklemmung in mein Schlafsack.
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