Nach den historisch-bedrückenden Nachmittag in der
Gedenkstätte Auschwitz habe ich das nicht gerade reizvolle Industrieumland um Katowice wieder
verlassen. Mein Tagesziel war die Region der Großstadt Bielsko-Biela im Vorland
der polnischen Beskiden. Auf dem Weg dahin wollte ich Station bei der Ev.
Gemeinde von Pszczyna - zu deutsch: Pless - machen. Die Stadt ist wegen des
alten Schlosses mit dem großen Schloßpark sehr touristisch und wegen der
deutschen Fürstin Daisey bekannt. Die erste Kirche direkt am Marktplatz ist die
neobarocke Evangelische Kirche, die früher von den deutschen Evangelischen
geprägt war. Nachdem der Küster die Kirche (Foto) öffnete und die Ausstellung mit alten deutschen Gesangbüchern zeigte (Foto) und mitbekam das ich kein
gewöhnlicher Tourist bin und mich mehr für die Gemeindeaktivitäten
interessiere, rief er den Pfarrer an, der nach 10 Minuten ankam. Miroslaw Czyz,
der Pfarrer, konnte sehr gut Deutsch, denn er studierte einige Semester in
Leipzig. Er berichtete das von den 29.000 Einwohnern der Stadt immerhin 1500
evangelisch sind. Vor Corona kamen davon rund 500 zum sonntäglichen
Gottesdienst. Nach Corona „nur“ noch 350. Jeder Gottesdienst wird im Internet
übertragen. Wieder einmal hat mich der gute Gottesdienstbesuch überrascht.
Kindergottesdienst wird für zwei Altersstufen angeboten und jeden Freitag
treffen sich rund 40 Jugendliche zur Jungen Gemeinde. Der Pfarrer zeigte mir
die Wandtafel mit den zahlreichen Fahrten der Jugendlichen aus den letzten
Jahren (Foto). Selbstverständlich gibt es Frauen- und Männerkreise, sowie einen großen
Chor. In der Schulzeit gibt es den staatlichen Religionsunterricht im
Gemeindehaus. Das reichhaltige Gemeindeleben spiegelt auch der professionell
erstellte Gemeindebrief wieder.
Die größte Herausforderung - so meinte der
Pfarrer - ist für den Gottesdienst und im allgemeinen Gemeindeleben wieder auf
den Stand vor Corona zu kommen, weil die persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch und die
erlebte Gemeinschaft wichtiger ist. Die zweite Herausforderung sind große Baumaßnahmen
an der Kirche, um die Mauern trocken zu halten. Der Pfarrer sieht sich in
seiner Rolle als Gemeindemangager. Wir kamen gut ins Gespräch über das
Rollenverständnis der pfarramtlichen Arbeit und ich erzählte auch etwas von
meiner Arbeit. Er wünschte sich mehr Zeit für die eigentliche Basisarbeit zu
haben und nicht so viel Zeit für Verwaltung und Organisation zu verwenden. Nach
rund 2 Stunden haben wir uns verabschiedet. Er sagte, er stelle mein Fahrrad
hinter ein großes Lieferauto auf dem Kirchhof, damit es niemand klaut.
Ich
schaute mir dann noch etwas die Stadt an, ging in ein Cafe und schrieb an meinen
Bloq. Als ich zurückkam, konnte ich nicht weiterfahren, denn mein Rad war mit
einem fremden Schloss angeschlossen. Der Küster war schon weg und ich erreichte
den Pfarrer nicht. Dann entdeckte ich den Schlüssel in einer Tüte eingewickelt.
Einen Tag später erfuhr ich per E-Mail, dass der Pfarrer nach unserem Gespräch
vorsorglich ein Fahrradschloss zur Sicherheit gekauft hatte. Kurz vor dem
Gespräch habe ich im Nebensatz erwähnt, dass ich zwar eine Schloss habe, aber
der Schlüssel nicht mehr richtig funktioniert und ich Sorge habe, wenn das Rad
angeschlossen ist, ich vielleicht den Schlüssel abbreche und deshalb das Rad
auf dem Kirchhof nicht angeschlossen habe. Diese Handlung war eine besondere Art der
Gastfreundschaft. Am Nachmittag radelte ich in Richtung Bielsko-Biela weiter
und verfuhr mich mal wieder. In einem Vorort der Stadt fand ich eine Wiese in
der Nähe einer großen katholischen Kirche. Bevor ich mein Zelt aufbaute, machte
ich Abendessen. Auf einmal kam aus dem nahen katholischen Pfarrhaus oder Küsterhaus ein
Mann. Ich und er war überrascht, er sah mein beladenes Fahrrad und ich habe aus Verlegenheit gefragt, ob ich
mein Zelt auf der nahen Wiese aufschlagen darf. Kein Problem, so die Antwort.
Als ich erzählte, dass ich auch als Pfarrer arbeite, aber eben Evangelisch,
holte er mich ins Pfarrhaus, zeigte mir ein Bett wo ich schlafen kann, gab mir
eine leckere Suppe zu Essen, stellte mir ein Bier hin und sagte im gebrochenen
Englisch: 8 Uhr Frühstück. Über diese überraschende Wende des Abends war ich
doch dann sehr froh und schlief gut ein.
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