Go East - Mit dem Fahrrad zu Ev. Gemeinden in Osteuropa
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25. Tag-2. August: Lebendiges Gemeindeleben in Pszczyna und eine überraschende Einladung

Nach den historisch-bedrückenden Nachmittag in der Gedenkstätte Auschwitz habe ich das nicht gerade reizvolle Industrieumland um Katowice wieder verlassen. Mein Tagesziel war die Region der Großstadt Bielsko-Biela im Vorland der polnischen Beskiden. Auf dem Weg dahin wollte ich Station bei der Ev. Gemeinde von Pszczyna - zu deutsch: Pless - machen. Die Stadt ist wegen des alten Schlosses mit dem großen Schloßpark sehr touristisch und wegen der deutschen Fürstin Daisey bekannt. Die erste Kirche direkt am Marktplatz ist die neobarocke Evangelische Kirche, die früher von den deutschen Evangelischen geprägt war. Nachdem der Küster die Kirche (Foto) öffnete und die Ausstellung mit alten deutschen Gesangbüchern zeigte (Foto) und mitbekam das ich kein gewöhnlicher Tourist bin und mich mehr für die Gemeindeaktivitäten interessiere, rief er den Pfarrer an, der nach 10 Minuten ankam. Miroslaw Czyz, der Pfarrer, konnte sehr gut Deutsch, denn er studierte einige Semester in Leipzig. Er berichtete das von den 29.000 Einwohnern der Stadt immerhin 1500 evangelisch sind. Vor Corona kamen davon rund 500 zum sonntäglichen Gottesdienst. Nach Corona „nur“ noch 350. Jeder Gottesdienst wird im Internet übertragen. Wieder einmal hat mich der gute Gottesdienstbesuch überrascht. Kindergottesdienst wird für zwei Altersstufen angeboten und jeden Freitag treffen sich rund 40 Jugendliche zur Jungen Gemeinde. Der Pfarrer zeigte mir die Wandtafel mit den zahlreichen Fahrten der Jugendlichen aus den letzten Jahren (Foto). Selbstverständlich gibt es Frauen- und Männerkreise, sowie einen großen Chor. In der Schulzeit gibt es den staatlichen Religionsunterricht im Gemeindehaus. Das reichhaltige Gemeindeleben spiegelt auch der professionell erstellte Gemeindebrief wieder.

Die größte Herausforderung - so meinte der Pfarrer - ist für den Gottesdienst und im allgemeinen Gemeindeleben wieder auf den Stand vor Corona zu kommen, weil die persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch und die erlebte Gemeinschaft wichtiger ist. Die zweite Herausforderung sind große Baumaßnahmen an der Kirche, um die Mauern trocken zu halten. Der Pfarrer sieht sich in seiner Rolle als Gemeindemangager. Wir kamen gut ins Gespräch über das Rollenverständnis der pfarramtlichen Arbeit und ich erzählte auch etwas von meiner Arbeit. Er wünschte sich mehr Zeit für die eigentliche Basisarbeit zu haben und nicht so viel Zeit für Verwaltung und Organisation zu verwenden. Nach rund 2 Stunden haben wir uns verabschiedet. Er sagte, er stelle mein Fahrrad hinter ein großes Lieferauto auf dem Kirchhof, damit es niemand klaut.

Ich schaute mir dann noch etwas die Stadt an, ging in ein Cafe und schrieb an meinen Bloq. Als ich zurückkam, konnte ich nicht weiterfahren, denn mein Rad war mit einem fremden Schloss angeschlossen. Der Küster war schon weg und ich erreichte den Pfarrer nicht. Dann entdeckte ich den Schlüssel in einer Tüte eingewickelt. Einen Tag später erfuhr ich per E-Mail, dass der Pfarrer nach unserem Gespräch vorsorglich ein Fahrradschloss zur Sicherheit gekauft hatte. Kurz vor dem Gespräch habe ich im Nebensatz erwähnt, dass ich zwar eine Schloss habe, aber der Schlüssel nicht mehr richtig funktioniert und ich Sorge habe, wenn das Rad angeschlossen ist, ich vielleicht den Schlüssel abbreche und deshalb das Rad auf dem Kirchhof nicht angeschlossen habe. Diese Handlung war eine besondere Art der Gastfreundschaft. Am Nachmittag radelte ich in Richtung Bielsko-Biela weiter und verfuhr mich mal wieder. In einem Vorort der Stadt fand ich eine Wiese in der Nähe einer großen katholischen Kirche. Bevor ich mein Zelt aufbaute, machte ich Abendessen. Auf einmal kam aus dem nahen katholischen Pfarrhaus oder Küsterhaus ein Mann. Ich und er war überrascht, er sah mein beladenes Fahrrad und ich habe aus Verlegenheit gefragt, ob ich mein Zelt auf der nahen Wiese aufschlagen darf. Kein Problem, so die Antwort. Als ich erzählte, dass ich auch als Pfarrer arbeite, aber eben Evangelisch, holte er mich ins Pfarrhaus, zeigte mir ein Bett wo ich schlafen kann, gab mir eine leckere Suppe zu Essen, stellte mir ein Bier hin und sagte im gebrochenen Englisch: 8 Uhr Frühstück. Über diese überraschende Wende des Abends war ich doch dann sehr froh und schlief gut ein.

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