Bis zum Rande der Ohnmacht
18. Tag: Heute bin ich nicht aus dem Bett gekrabbelt. Ich bin gesprungen. Es klopfte. Irgendwann zwischen Mitternacht und weiß ich nicht. Unsere Hunde sprangen im Fünfeck,...

Veröffentlicht: 15.02.2024






19. Tag: Ich habe gestern versprochen, Euch von Edith, Patje und Hermann zu erzählen. Wir trafen die Drei auf dem Wochenmarkt in Guardamar, der für uns ein Pflichttermin war - ich denke, ihr wisst, warum …
Nach ungefähr zwei Stunden Kampf durchs Getümmel - ich möchte wetten, kein Spieler hatte beim Super Bowl mehr Körperkontakt wie ich in dieser Zeit - hatte Icke Erbarmen mit mir und gestand mir eine kleine Pause zu - wohl auch nur, weil sie weiß, dass mein Cortado kein Cappuccino ist und nur fünf Minuten Verzögerung verspricht. Maximal. Aber diesmal hat sich meine Gute verschätzt.
Am Tisch neben uns nahmen eine Frau und zwei Männer Platz, die die Aufmerksamkeit der etwa 50 Gäste rundherum auf sich zogen. Der Grund: Einer der Männer war von oben bis unten tätowiert. Einschließlich des Gesichts und des ganzen Kopfes. Den vielen Schaulustigen ging es wohl wie uns: Weder Icke noch ich hatten bis zu diesem Zeitpunkt einen Menschen gesehen, bei dem jeder Quadratzentimeter der Haut – zumindest von der, die sichtbar ist – mit farbigen Tattoos bedeckt war.
Ich bat Icke, sie möge doch irgendwie ein Foto von dem Mann schießen, was sie auch tat. Aber wir hatten kein gutes Gefühl dabei. Heimlich, versteckt, ohne zu fragen – das war irgendwie nicht ok. Wir beschlossen, ihn um ein Foto zu bitten. Er reichte uns die Hand und stellte sich als Patje vor. Er freute sich riesig, ebenso seine Frau Edith und deren Bruder Hermann, der sogleich mit Icke ins Gespräch kam.
Die drei sind Belgier, wobei Hermann, der ein Transportunternehmen leitet – seit Dezember in Guardamar wohnt. Edith und und ihr Mann sind zu Besuch, auch, weil Patje die Sonne gut tut. „Er ist unheilbar krank“, erzählte mir die Frau leise. Das sei auch der Grund für die vielen Tattoos. „Sie sind sein Schutzschild“, sagt Edith, „eine Mauer, durch die niemand den richtigen Patje sieht, wie es ihm geht, was er denkt, wie er fühlt.“ Für ihn sei das in seiner Situation sehr wichtig.
Wir haben uns nur zehn Minuten unterhalten, Adressen ausgetauscht. Auch wenn es wahrscheinlich kein Wiedersehen geben wird, werden wir Patje und seine Edith nicht vergessen. Nicht nur wegen der Tattoos, sondern auch wegen ihrer zutiefst freundlichen, zugewandten Art, ihren offenen Augen. Und wegen dieser unbändigen Freude, die sie ausgestrahlt haben, dieser unbekümmerten Lust am Leben, die umso beeindruckender ist, wenn man um das schwere Schicksal weiß, das diese Menschen zu tragen haben.
