Don Curry hält sich für einen ziemlich konsequenten Menschen. Wenn er sich etwas vornimmt, dann soll das auch verwirklicht werden. Ihm ist bewusst, dass nicht alles sofort funktionieren kann, aber mit ein wenig Geduld und Beharrlichkeit lassen sich die meisten Ziele erfolgreich erreichen. Ein Scheitern ist nicht vorgesehen...

Ob ein Scheitern vorliegt, wenn man das Frühstück nicht komplett verzehrt? Das passiert Don Curry immer wieder, zumindest dann, wenn er sich die Mahlzeit nicht selbst am Buffet zusammenstellen kann, sondern ein gesetztes Frühstück serviert bekommt - wie zum Beispiel auch im Rain Garden Restaurant. Natürlich kann man dieses Frühstück nicht mit der kunstvollen Kulinarik eines Hich Hotels oder des Kayalar Terrace vergleichen, es spielt zwei Ligen darunter, aber es bot Don Curry einen guten Start in den Tag und mit dem frisch gebackenen Pide-Brot konnte es zumindest in diesem Bereich klar überzeugen. Don Curry genoss außerdem die relaxte Atmosphäre direkt am Strand, der sich ganz langsam zu füllen begann. Wie eine Fata Morgana schwebte die Meeresfestung sichtbar und doch scheinbar unerreichbar über den Wellen des anbrandenden Meeres. Der Wirt bot ihm an, er könne auch erst am Nachmittag aus dem Hotel auschecken und bis dahin die Zeit in Kizkalesi gut verbringen, doch Don Curry musste weiter - leider!

Wie gestern bereits angedacht wollte er zunächst noch einmal die römischen Grabreliefs von Adamkayalar ansteuern. Auf dem Hinweg machte er einen kurzen Abstecher zu einem außergewöhnlich gut erhaltenen römischen Turm, dessen massive Steinquader die Jahrtausende bestens überstanden haben. Nur vom hölzernen Innenaufbau des Turms war nichts geblieben. Den Anfang des Abstiegs zu Adamkayalar kannte Don Curry bereits vom gestrigen Versuch. Heute wollte er weiter vordringen. Er hatte im Internet fantastische Bilder von den Reliefs gesehen und wollte entsprechende Fotos selbst erstellen. Immer steiler gestaltete sich der Abstieg. Schließlich landete Don Curry bei einer Art Treppe, die die Römer wohl selbst noch in den Fels gemeißelt hatten, vor gut 2000 Jahren. Die Stufen gab es noch, doch sie waren durch Abnutzung und Witterungseinflüsse derart uneben und teils abgebrochen, dass sie wenig vertrauenerweckend schienen. Dennoch bildeten sie die einzige Möglichkeit, an einer nahezu senkrechten Felswand weiter hinabzukommen. Don Curry zögerte. Natürlich wollte er die Grabreliefs sehen, aber das Risiko dieses "Weges" erschien ihm letztlich untragbar. Er war völlig allein an diesem Morgen dort; ein einfaches Wegrutschen oder der Verlust des Gleichgewichts hätte unabsehbare Folgen gehabt. Es gab keinerlei Möglichkeit, sich irgendwo fest zu halten. So gab Don Curry abermals auf, ein ganzes Stück tiefer als gestern, aber dennoch wohl immer noch weit vom Ziel entfernt. Mühsam kraxelte er zurück zum Parkplatz und beschloss, dann wenigstens die benachbarte Hügelkuppe zu besteigen, um vielleicht von dort oben einen Blick auf die Reliefs werfen zu können. Die Hügelkuppe trug einstmals eine kleine Siedlung in der Römerzeit, deren Ruinen gut sichtbar herumstanden, aber zugleich auch die gesamte Kuppe bedeckten. Wege gab es keine. Wer voran kommen wollte, musste über und zwischen den Ruinen herumklettern. Schließlich stand Don Curry am Rand der Kuppe, entdeckte in der Tiefe die Römertreppe, auf der er kürzlich erst umgekehrt war, aber die Reliefs blieben ihm weiter verborgen. Ob sie ganz unten im trockenen Flusstal zu finden waren? Dann hätte Don Curry nicht einmal ein Drittel des Abstiegs bewältigt. Egal, Don Curry brach ab. Er hat Adamkayalar nicht erreicht...

Leicht frustriert startete er zum nächsten Ziel durch: Kanlidivane, eine antike Siedlung rund um eine Einsturzdoline. Laut Google Maps lag dieses Ziel nur rund 10 Minuten entfernt. So meldete das Navi auch bald: "Sie haben ihr Ziel erreicht." Don Curry sah dort tatsächlich Ruinen, aber nicht die von Kanlidivane. Er folgte der Straße rund 10 km ins Inland, fand dort weitere Ruinen, aber nicht die von Kanlidivane. Sollte er schon wieder scheitern? Er fuhr zurück, versuchte es auf Stichstraßen. Immer wieder erhoben sich Ruinen aus der verwilderten Natur, aber nicht die von Kanlidivane. Der Frust stieg erheblich an, denn Don Curry musste nun zum zweiten Mal aufgeben. Ein Ziel war zu schwer zu erreichen, das nächste zu schwer zu finden. 

Er fuhr gen Osten, seine Grundrichtung für die kommende Zeit. Im nächsten Ort stand plötzlich ein Schild "Kanlidivane 3 km". Er bog ab und fand nach 3 km tatsächlich Ruinen: die Ruinen von Kanlidivane. Auch wenn Don Curry in Anatolien bereits mehr als genug Ruinen begutachten konnte, diese waren wieder einmal anders. Allein schon die Lage ließ sie unvergleichlich erscheinen, denn in der Mitte der Ruinenansammlung gähnte ein dutzende Meter tiefes Loch, eine Einsturzdoline. Um dieses Naturphänomen hatten sich schon früh Menschen angesiedelt, es als Kultort für rituelle Opfer genutzt. Ein mächtiger Turm aus hellenistischer Zeit ragte als ältestes Bauwerk direkt am Rand der Doline auf, als wollte man irgendein Ungeheuer bewachen, dass dort unten leben würde. Sicherlich gab es einst Tempel dort für die Kulthandlungen, doch die übrigen Ruinen stammten vor allem von 4 verschiedenen Kirchen aus byzantinischer Zeit, die sich nebeneinander um den Einsturztrichter ausbreiteten. Mehrere eindrucksvolle Grabbauten komplettierten das bemerkenswerte Ensemble, das Don Currys Nerven wieder auf ein Normalmaß zurückregulierte. 

Entlang der dicht bewohnten Küste kam Don Curry schließlich zu seinem nächsten Ziel: der Paulusstadt Tarsus. Das heutige Tarsus präsentiert sich als moderne, weitläufige Großstadt, die nicht mehr viel von ihrer Geschichte aufzeigen kann. Don Curry fuhr zunächst zum Tarsus-Wasserfall am Rande der Stadt, den es mit Sicherheit bereits zu Paulus Zeiten dort gegeben haben muss. Vielleicht zu Paulus Zeiten, aber nicht im Oktober 2021. Das intensiv als Parklandschaft mit vielen Brücken und Aussichtsplattformen gestaltete Gelände wurde von einem Rinnsal durchflossen, das an der eindrucksvollsten Stelle ca. 30 cm über einen Stein in die Tiefe fiel. Im Frühjahr oder nach starken Regenfällen mag das ja anders sein. Nichtsdestotrotz waren die zahlreichen Restaurants mit "Wasserfallblick" gut besucht. Don Curry gönnte sich nach langer Zeit mal wieder ein Mittagessen: Hühnchen aus dem Ofen mit Salat, Coke Zero und Wasser - insgesamt 5,40 €. Vorsichtig wagte er sich anschließend in die Altstadt, wo er zwei Paulusziele ansteuern wollte. In beiden Fällen stellte er Insignia in sicherer Entfernung ab, um nicht in irgendeiner Altstadtgasse hängen zu bleiben. Sein erstes Ziel bildete der Paulus-Brunnen, ein angeblich antiker Brunnen, der sich heute an der Stelle befindet, an der das Haus des Paulus einst stand. Tatsächlich zeigte man unter einer Glasschicht die Fundamente eines Hauses direkt neben dem Brunnen. Warum der Brunnen allerdings 2 m höher lag als die Fundamente des Hauses erschloss sich Don Curry nicht wirklich. Genauso zwiespältig blieb sein Eindruck beim nächsten Ziel, der Pauluskirche, die Ende des 19. Jhdts. als orthodoxe Kirche erbaut wurde, später aber vom Staat übernommen und restauriert wurde und heute als Paulus-Gedenkstätte dient. (Auf vorherige Anfrage seien religiöse Handlungen möglich, ergänzte das Hinweisschild). Sicher, die Kirche zeigte sich gut eingerichtet, bot einige farbenfrohe Fresken an Bögen und Decke - aber Paulus kam hier außer im Namen nirgends vor, nicht mal als Statue oder Fresko...

Zu seinem Hotel war es nicht mehr weit. Nach dem sehr günstigen Rain Hotel in Kizkalesi, hatte Don Curry mal wieder ein echtes Kontrastprogramm aufgeboten: Er übernachtete im Hilton. Schon die Einfahrt in den Hotelbereich in Adana gestaltete sich exzentrisch. Wie bei einem Hochsicherheitstrakt wurde Don Currys Auto mit Unterbodenspiegeln abgesucht und auch der Kofferraum kurz gecheckt, ob da nicht ganz obenauf eine Bombe liegen würde. Direkt am Eingangsbereich eilten zwei Bedienstete auf ihn zu; einer nahm sein Gepäck an sich, der andere erbat den Autoschlüssel und fuhr Insignia etwas aus dem Weg. Nach einem ausführlichen CheckIn mit mehreren Formularen, begleitete der Gepäckpage Don Curry smalltalkend zum Aufzug, fuhr in den 14. Stock und zeigte ihm das Zimmer mit prachvollem Ausblick über die ganze Stadt. 

In der beginnenden Dämmerung wollte Don Curry zumindest noch einen kleinen Eindruck von der Millionenstadt Adana gewinnen. Er steuerte zunächst die riesige 1998 eingeweihte Sabaci-Moschee an, die inzwischen von der Istanbuler Camlica-Moschee bezüglich der Größe auf Platz 2 in der Türkei verwiesen wurde. Dennoch beeindruckt sie mit ihren 6 Minaretten und der ausgedehnten Zentralkuppel. Im Inneren begann gerade das Abendgebet, bei dem die rund 10 Telnehmenden angesichts des gewaltigen Raumes ziemlich verloren wirkten. Durch einen kleine Park am Flussufer erreichte Don Curry bald das historisch bedeutsamste Bauwerk Adanas, die Hadrianbrücke, die seit der Römerzeit noch immer ihren Dienst tut, inzwischen aber für Autos gesperrt ist. Beide Monumente, die Brücke und die Moschee kann Don Curry ganz wunderbar von seinem Hotelzimmer bestaunen. 

Dort zurückgekehrt wollte er noch einen Vorteil seiner gediegenen Unterkunft nutzen: den Room Service. Angesichts des fortschreitenden Verfalls der Türkischen Lira mögen die im Hilton verlangten Preise zwar für Einheimische gewaltig sein, sie konnten Don Curry aber keinesfalls abschrecken: für ein scharfes Adana Kebab mit Pommes, einer großen Flasche Wasser und 1 Flasche türkischen Rotweins zahlte er inklusiv Servicegebühr 28 €, davon den größeren Teil für den Wein. Don Curry genoss sein Mahl mit herrlichem Blick auf Adana und versöhnte sich allmählich mit seinem morgendlichen Scheitern. 

Nicht alles im Leben kann erreicht werden, nicht jeder Wunsch geht in Erfüllung. Umso dankbarer darf man für all das sein, was trotzdem gelingt und zu einem guten Ende führt. Don Curry wird noch so viel Unglaubliches bestaunen können auf seiner Reise. Denn die geht ungehindert weiter..

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