Tag 35 - Don Curry fährt 10.000 Kilometer

Don Curry errechnete bereits nach Fertigstellung des Reiseprogramms die zu erwartende Kilometerzahl, die bewältigt werden musste: insgesamt rund 10.000 km. Doch Pläne und Wirklichkeit klaffen häufig auseinander. Auch wenn Don Curry sich in groben Zügen an das angedachte Programm gehalten hat, kam es doch fast jeden Tag zu Veränderungen; manches wurde spontan zusätzlich besucht, anderes musste aus Zeitgründen wegfallen. Manchmal musste ein Ziel sogar zweimal angefahren werden, weil beim ersten Besuch zu wenig Zeit blieb.

So stand am heutigen Tag spontan noch einmal das Ihlara-Tal auf Don Currys Programm. Vorher wollte er aber noch eine Kirche bei Güzelyurt aufsuchen: die sogenannte Hohe Kirche, die weithin sichtbar auf einem Einzelfelsen deutlich über ihre Umgebung aufragt. Sie stammt nicht aus der Zeit, als Christen in Anatolien um ihr Leben fürchten mussten, sondern wurde in der heutigen Form erst 1894 erbaut, als orthodoxe Kirche für die christliche Minderheit aus Güzelyurt und Umgebung. Nach der Vertreibung der griechischen Bewohner vom türkischen Boden, verlor die Hohe Kirche ihre Gemeinde und ihre gesamte Innenausstattung. Sie ist heute noch immer ein beeindruckendes Bauwerk, innen aber vollkommen schmucklos und leer. 

Etwas enttäuscht von diesem verödeten Kirchenbau kehrte Don Curry ins Ihlara-Tal zurück; diesmal fuhr er gleich das Dörfchen Belisirma an, parkte vor einem der zahlreichen Restaurants am Fluss und versuchte, ob die gestrige kaum genutzte Eintrittskarte nochmals gültig sei. Das war sie leider nicht. Don Curry zahlte abermals 5,50 €. Heute breitete sich das Tal in vollem Sonnenschein vor ihm aus und Don Curry erfreute sich an seiner abwechslungsreichen Wanderung am Flussufer entlang. Problemlos fand er beide gestern bereits verschlossenen Kirchen, die die erneute Anreise wirklich wert waren. Anschließend gönnte er sich in einem direkt über dem Fluss errichteten Pavillon, der mit Teppich, Polstern und einem 30 cm hohen Tisch ausgestattet war, einen frisch gepressten Granatapfelsaft und einen doppelten Tee. Direkt neben ihm schwammen Enten und Gänse vorbei, in der Hoffnung gefüttert zu werden. 

Don Curry stieg noch zu drei weiteren Felsenkirchen hoch. Bei einer von ihnen befand sich eine ausgedehnte Nekropole. Danach wurde es Zeit für ein Mittagessen. Er wählte eines der einfachen Restaurants am Flussufer, verzichtete aber auf die Möglichkeit, auf Polstern liegend zu speisen, sondern bevorzugte einen ordentlichen Tisch. Er bestellte mal wieder Köfte, dazu ein großes Wasser; ein Tee wurde ihm gleich vorweg serviert. Da der Grill exra für ihn angeworfen werden musste, dauerte es etwas, bis die Köfte fertig wurden; sie kamen dann mit Rohkost, Zwiebeln und einem ganzen knusprigen Fladenbrot. Da dies hier Touristengebiet war, zahlte Don Curry immerhin 7 € für das simple Mahl, aber er war gut gesättigt.

Beim Kauf des Ihlara-Tickets bekam er den Hinweis, dass sie auch für die Kathedrale von Selime gültig sei. Als er das Tal verließ, erinnerte ihn der Ticket-Kontrolleur nochmals daran. Selime stand zwar nicht auf seinem Programm, lag aber exakt auf dem Weg. Also plante Don Curry einen kurzen Zwischenstopp ein. Als er sich Selime näherte, sah er schon von weitem die zahlreichen Feenkamine, die hier eher wie große spitze Zuckerhüte aussahen. Vor der umfangreichsten Ansammlung dieser Zuckerhüte parkte er; hier war die Kathedrale von Selime ausgeschildert, die natürlich wieder mal ganz oben gefunden werden musste. Beim Aufstieg bemerkte er, dass nahezu alle Zuckerhüte ausgehöhlt wurden und verschiedenen Zwecken gedient hatten: es gab einen Stall, eine Kelterei, verschiedene Lagerräume für Getreide und ein Kloster. Oberhalb des Klosters gelangte er zu einem Platz, von dem gleich drei große Zuckerhüte erreicht werden konnten, eine Kapelle, eine Kirche und die Kathedrale. In der Kathedrale hatte man sogar mächtige Felssäulen stehen lassen, so dass sie wirklich wie eine klassische dreischiffige Kirche aussah; hier gab es auch noch ein paar Freskenreste. 

Don Curry beobachtete während seiner Entdeckungstour auch eine Gruppe junger Frauen, fast alle in schwarzer Vollverschleierung, die nur Teile des Gesichts unbedeckt ließ. Aber sie verhielten sich genauso wie ihre sonstigen Altersgenossinnen: zückten ständig ihre Smartphones, machten Selfies, stellten sich in Pose, wenn die anderen sie fotografierten und kircherten viel miteinander. Don Curry freute sich, dass die strenge äußere Verkleidung nicht auf den Menschen darunter abfärben muss.

Mit Schrecken blickte Don Curry dann auf seine Uhr. er hatte viel zu viel Zeit beim erkunden dieses unerwarteten Höhlenschatzes verbracht. Schnell kürzte er sein weiteres Tagesprogramm radikal: er fuhr nur ganz kurz in das nahe Aksaray, um das Schiefe Minarett zu bestaunen, das sich tatsächlich sehr deutlich Richtung Straße neigte; dann sauste er durch nach Ankara.

Größtenteils auf Autobahnen unterwegs kam er recht gut voran, erst der Abendstau auf der 5-spurigen Ringstraße um Ankara bremste ihn gehörig aus. So erreichte er mal wieder nach Einbruch der Dunkelheit sein Hotel mitten in Ankaras Altstadt. Es war in einem alten Han untergebracht, einem mittelalterlichen Gasthaus für die großen Karawanenwege. Den eigentlich offenen Innenhof schloss man bei der Umgestaltung mit einem gewaltigen Glasdach ab, so dass er am Tage immer noch lichtdurchflutet seinen ursprünglichen Charakter behielt. Das ganze Hotel und jedes einzelne Zimmer wirkte fast wie ein Museum, weil überall Kunstwerke aus dem gesamten asiatischen Bereich der ehemaligen Karawanen herumstanden oder die Wände schmückten. So teilte sich Don Curry sein Zimmer mit einem lebensgroßen Buddhakopf, einer indonesischen Holztür mit aufgemalten Tigern und drei weiteren Kunstwerken. Außerdem genoss er von seinen Fenstern aus einen atemberaubenden Blick über das lichtfunkelnde Ankara, das sich weit zu Füßen des Altstadthügels ausbreitete.

Den Altstadtbummel ersparte er sich heute. Er nutzte lieber das Hotelrestaurant "Safranhan", bestellte gegrillte Filetstücke vom Huhn mit Pommes und dazu ein Bomonti-Bier. Da es auf der Restaurantterrasse mit noch schönerem Ankarablick schnell sehr frisch wurde, zündete ein aufmerksamer Kellner den direkt am Tisch stehenden Heizpilz an. Allerdings begann danach Don Currys Essen ziemlich rauchig zu schmecken.

Kurz vor Ankara hatte er auf der Kilometeranzeige von Insignia bereits bemerkt, dass er bereits heute den zehntausendsten Kilometer während seiner Reise gefahren war. Einige würden noch kommen...

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