Tag 37 - Don Currys Bier wird konfisziert

Don Curry bevorratete sich bereits in der ersten Reisewoche mit den Erzeugnissen türkischer Braukunst. Besonders unübersichtlich gestaltete sich die diesbezügliche Auswahl nicht: außer den verschiedenenen Efes-Sorten und den Tuborg-Varianten gab es noch Bomonti, die einst von zwei Schweizer Brüdern gegründete älteste Brauerei des Landes, die inzwischen aber auch zu Efes gehörte. Im Laufe der Reise wurden die Vorräte nach zwischenzeitlicher Dezimierung rechtzeitig aufgefüllt, so dass bei Bedarf immer ein kühles Bier für den Abend bereit war. Doch heute sollte diese vorausschauende Planung zum Problem werden.

Auf das Frühstück verzichtete Don Curry heute, um kurz nach Beginn der Öffnungszeit sein erstes Ziel erreichen zu können - Anitkabir, die Gedenkstätte Atatürks in Ankara. Als er kurz nach 9:00 Uhr auf das Gelände fuhr, wurde er wie alle anderen Besucher zunächst einmal gestoppt, um auszusteigen, den Kofferraum zu öffnen und zu beantworten, ob er Gewehre, Messer oder Alkohol dabei habe. Don Curry musste gestehen, dass er im Auto zwei Dosen Efes Extra mit sich führe. Die seien vorübergehend konfisziert, erklärte der Sicherheitsbeamte. Außerdem müsse Don Curry seine Reisetasche zu einer bereitstehenden Durchleuchtungsapparatur wie auf Flughäfen schleppen, um sie kontrollieren zu lassen. Don Curry fügte sich in sein Schicksal, beförderte die Reisetasche zum Durchleuchter und gab die beiden Bierdosen reumütig ab. Dabei versuchte er sich an unzählige Terroranschläge, Attentate und Massaker zu erinnern, die durch Bierdosen ausgelöst worden waren, doch irgendwie funktionierte sein Gedächtnis in dieser Hinsicht nicht besonders gut. Zumindest bekam er einen Schlüssel ausgehändigt, der Zugang zu den sicherheitsverwahrten Bierdosen ermöglichte, mit dem Hinweis, das Abholen nicht zu vergessen. Die Reisetasche mit der verheimlichten Raki-Flasche konnte er unterdessen zu seinem Auto zurücktragen.

Auf dem Parkplatz hatten sich bereits dutzende feierlich gekleidete Menschen versammelt. Als Don Curry an ihnen vorbei den Hauptweg Richtung Mausoleum gehen wollte, wies ihn ein Security-Mann darauf hin, dass hier gleich eine Zeremonie beginne und er den anderen Zugang wählen müsse. Also ging Don Curry um das umfangreiche Gebäude-Ensemble herum, um den hinteren Zugang zu nutzen. Abermals kam ein Security-Mensch auf ihn zu, sprach ihn mit "Efendi" an und machte klar, dass er nur die linke Treppenseite benutzen dürfe, keinesfalls die rechte. Beim Betreten des Vorhofs zum Mausoleum erblickte Don Curry die inzwischen rund 200 feierlich gekleideten Personen, die mit einem Kranz würdevoll über den Hauptweg zum Grabmal Atatürks schritten. Er selbst bestaunte in Nebengebäuden inzwischen Atatürks Auto, seine kleine Yacht und die Flakkanone, die seinen Sarg gezogen hatte. Als die 200 feierlich Gekleideten im Mausoleum verschwanden, spielte eine Trompete eine rührselige Melodie, während der sämtliche Menschen auf dem Vorhof in ihrer Bewegung innehielten. Anschließend strömten die feierlichen 200 aus dem Mausoleum heraus, stellten sich zu einem Gruppenfoto auf und entschwanden. Nun konnte Atatürks Grabstätte von allen besucht werden; Don Curry war ganz vorn dabei. Wären nicht farbenfrohe und volkstümliche Bemalungen an Decke und Säulen zu entdecken gewesen, hätte dieser hohe und weite Raum einfach nur kalt und leer gewirkt; nichts darin außer einem riesigen Sarg. Selbst der gerade abgelegte Kranz der 200 Feierlichen war bereits beseitigt. Doch die Elemente der Volkskunst erinnerten deutlich daran, dass hier nicht nur ein längst verstaubter Machthaber lag, sondern ein wirklicher "Vater des Volkes". Und das Volk kam zu ihm! Kaum hatte Don Curry das Mausoleum verlassen, füllte sich der Vorplatz immer mehr, auch auf dem Hauptweg strömten Studentengruppen, Schulklassen, Kindergartengruppen, Abordnungen aus verschiedenen Bezirken des Landes, Frauen in Volkstrachten, 50 junge, stramm marschierende Offiziere - sie alle wollten zu Atatürk, und es war klar, dass sich inzwischen eine lange Schlange vor dem Mausoleum bildete. Don Curry verließ bereits den Parkplatz, tauschte den Sicherheitsverwahrungsschlüssel gegen zwei extrem gefährliche Bierdosen ein und beschleunigte aus Ankara hinaus Richtung Norden. 

Im winzigen Dorf Kasaba, mitten im bergigen Hinterland der Schwarzmeerküste hatte sich eine Moschee aus dem 13. Jhdt. erhalten, deren Innenaufbau komplett aus Holz, ohne jeden Nagel gefertigt war. Don Curry bewunderte die teils bunt bemalten Säulen, Deckenbalken und Bestandteile der doppelstöckigen Logenkonstruktion. Als er über zwei Leitern mühsam bis auf den obersten Balkon unmittelbar unter der Holzdecke geklettert war, hielt ihn das laute Knarzen des Holzes und das Gefühl des leichten Schwankens des Balkons davon ab, ganz nach vorn zu gehen. Schließlich wollte er nicht riskieren, dass dieses historische Bauwerk wegen Einsturzes plötzlich von der Liste der UNESCO-Welterbe-Kandidaten gestrichen werden müsste. Als er die Moschee wieder verließ, schenkte ihm ein davor stehender telefonierender Mann drei Äpfel. War Don Curry der 10.000ste Besucher? Sollten die Äpfel ihn bewegen, in aller Welt Werbung für die Mahmut-Bey-Moschee in Kasaba zu machen? Er konnte nicht fragen, weil der Mann endlos weiter telefonierte. So sauste Don Curry mit den drei Äpfeln davon...

Allerdings sauste er wohl etwas zu sehr. Bald geriet er in eine frisch aufgestellte Radarfalle der Polizei und wurde prompt 500 m weiter herausgewunken. Zwei Verkehrspolizisten forderten ihn auf, das Auto zu verlassen und Führerschein und Personalausweis auszuhändigen. Dann versuchten sie anhand dieser Daten sein Vergehen in ihr Tablet einzutippen, um die Strafgebühren einfordern zu können. Das schien sich schwierig zu gestalten. Nach 10 Minuten riefen sie ihren Vorgesetzten zu Hilfe, der dadurch seine Radarüberwachung einstellen musste. Auch der Chef fand keine Möglichkeit, Don Currys Personalausweisnummer als ID-Number in das türkische Polizeisystem einzugeben. Nach weiteren 10 Minuten, in denen Don Curry geduldig und in aller Ruhe abwartete, gab die Polizeitruppe auf. "You can go", erklärte der Chef, und Don Curry fuhr ungestraft davon. Wie gut, dass Datenerfassung nicht immer kompatibel ist...

Nach einer weiteren Stunde Fahrzeit erreichte Don Curry die malerische Kleinstadt Safranbolu, seit 1994 UNESCO-Welterbe wegen ihrer zahlreichen typisch osmanischen Fachwerkhäuser, die bis heute die gesamte Altstadt prägen. Auch das Straßenpflaster gab sich zeitgenössisch authentisch und rüttelte Don Curry kräftig durch. Sein Hotel "Gulevi Safranbolu" umfasste gleich drei der alten Häuser, dazwischen hatte der Besitzer und Architekt Hassan einen geradezu märchenhaften Garten angelegt. Das einzig störende an der Einrichtung der 200 bis 300 Jahre alten Häuser lag für Don Curry in der Eigenart der Osmanen, lieber zu liegen als zu sitzen. So verfügte sowohl die ausgedehnte "Sitzgruppe" als auch sein Bett eine Höhe von maximal 30 cm. Eigentlich hätte man die Matratzen gleich auf den Boden legen können. Hassan versorgte ihn dafür mit guten Besichtigungstipps und nannte ihm das einzige Restaurant Safranbolus, wo es Bier und Wein gab. Und Raki, wie Don Curry schnell feststellte, denn außer ihm gab es im Restaurant nur drei jeweils Raki trinkende Männergruppen, die dazu verschiedene Mezze bestellten. Don Curry wählte lieber Hirtensalat, Hühnerspieße und Tuborg Amber, plus einen doppelten Efe Gold - Raki als flüssigen Nachtisch. Im Hotel leerte er noch eine der extrem gefährlichen Bierdosen...

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