Don Curry erfreute sich nahezu durchgehend an den gut ausgebauten und oft ziemlich leeren Straßen Anatoliens. Schwierig wurde es nur dann, wenn er gezwungen war, durch eine der türkischen Millionenstädte zu fahren, wie Istanbul, Adana oder zuletzt Ankara. Dann verbrachte er stets viel Zeit im Stau und musste immer wieder mit überraschend kreativen Verkehrsmanövern der anderen Autos, Busse, Motorräder oder Fußgänger rechnen. Dann waren extrem starke Nerven gefragt.

In Safranbolu brauchte er die nicht. Als einziger Gast hatte er den gesamten Frühstücksraum für sich, bekam sein kleines Buffet direkt auf seinem Tisch serviert und konnte noch eine Eierspeise seiner Wahl dazu bestellen. Außerdem gönnte ihm die Frau des Architekten eine ganze Kanne Tee, in allen bisherigen Hotel hatte er stets die winzigen Gläser nachbestellen müssen.

Geruhsam verließ Don Curry das verwunschene Hotel und die aus der Zeit gefallene Stadt. Vier Stunden brauchte er für die Strecke nach Istanbul, meist auf Autobahnen oder ähnlich großzügigen Straßen. Sein Ziel würde allerdings mitten in der Altstadt Istanbuls liegen. Das machte ihm durchaus Sorgen. Es sollte sich bald zeigen, dass diese Sorgen gut begründet waren. Das Elend begann, als Don Curry den Tunnel unter dem Bosporus durchfahren hatte und nur noch 3 km von seinem Hotel entfernt war. Nicht nur der Verkehr wurde immer dichter, auch die Straßenführung entsprach mehrmals nicht den Angaben von Google Maps. Mal war eine Einbahnstraßenregelung geändert, mal eine Straße wegen Bauarbeiten komplett unbefahrbar. Zentimeterweise arbeitete sich Don Curry durch Istanbuls Altstadtverkehr. Als besonders herausfordernd zeigte sich das Parkverhalten der Einwohner, die gern in zweiter oder dritter Reihe mit Warnblinkern einfach ihr Auto abstellten, um ein Geschäft zu besuchen oder anderes zu erledigen. Im sowieso schon zähfließendem Verkehr sorgte das für weitere Staus, wenn drei prallgefüllte Fahrspuren sich immer wieder auf zwei oder gar nur eine Fahrspur reduzieren mussten. Nach fast zwei Stunden im Istanbuler Stadtbereich war er seinem Hotel endlich ganz nah. Doch egal von welcher Seite er es ansteuerte; die Zufahrt war gesperrt, der gesamte Bereich zur Fußgängerzone geworden. Nach 3 Umkreisungen des Bereichs reichte es Don Curry endgültig und er eignete sich die kreative türkische Fahrweise ein. Er fuhr einfach in die ausschließlich für Straßenbahnen erlaubte Strecke hinein und konnte sich dem Hotel bis auf 100 m nähern. Dann parkte er mitten zwischen den Straßenbahngleisen so, dass die Trams seitlich vorbeifahren konnten. Er nahm seine Reisetasche und ging zu Fuß zum Hotel.

Als er dort beim Einchecken seine Parksituation schilderte, wurde ein Page aufgefordert, ihn im Auto zu begleiten und zum Hotel zu führen. Don Curry kannte bereits von seinen bisherigen Annäherungsversuchen die gesamte Fahrtstrecke bis zu der Stelle, wo die Fußgängerzone begann. Hier stieg der Page aus und fragte von Geschäft zu Geschäft, wer den Poller per Funksignal herunterfahren könne. Irgendwann war er erfolgreich, und Don Curry konnte nun mitten durch die Fußgängerzone zum Hotel fahren und sein Auto abstellen. Er würde es heute nicht mehr bewegen.

Gewissermaßen als Ausgleich für die erlittenen Strapazen gönnte ihm das Hotel eines der wenigen Balkonzimmer im obersten Stockwerk. Don Curry staunte nicht schlecht, als er vom Balkon einen absolut unverstellten Blick auf die Hagia Sophia genießen konnte. Auch die Blaue Moschee konnte gut gesehen werden, litt aber unter der Einrüstung eines ihrer Minarette.

Nach ausgiebigen Blicken von oben stürzte sich Don Curry in die Altstadt, um die ihm von zwei bisherigen Besuchen längst vertrauten Highlights wieder einmal in Augenschein zu nehmen. Beginnen wollte er mit der Blauen Moschee, in die er auch problemlos eintreten konnte; allerdings zeigte sie sich innen komplett eingerüstet. Außer grauen Plastikplanen, hinter denen gearbeitet wurde, enthielt die Moschee nichts für's Auge. Don Curry begnügte sich daraufhin mit dem großen Grabbau für den Erbauer der Blauen Moschee, Sultan Ahmet, und seiner umfangreichen Familie. 

Gespannt war Don Curry vor allem auf die Hagia Sophia, die vor einigen Monaten wieder offiziell Moschee geworden war. Manches hatte sich dadurch deutlich verändert. Während im Vorraum noch die alten Mosaiken von Maria und Jesus sichtbar geblieben waren, hatte man sie im Zentralraum durch weiße Stoffbahnen verdeckt. Der herrliche Marmorfußboden lag nun unter einem flächendeckenden grünen Teppich verborgen; dafür hingen nun zahlreiche kunstvoll gestaltete Radleuchter von der Decke und füllten den Raum mit mehr Licht als je zuvor. Eines zumindest unterlag keiner Veränderung: die Hagia Sophia war prall gefüllt mit Besuchern, die sich pausenlos mit Fotografieren beschäftigten. Nur ein paar Muslime schritten zum Abendgebet ganz nach vorn in die Nähe des Mihrabs. Aber dieses Abendgebet gestaltete sich in absoluter Stille - kein Vorbeten, keine Antworten, nur die üblichen Gebetsbewegungen. Wollte man die Touristen beim Besichtigen nicht stören? Don Curry beschloss, zu späterer Stunde noch einmal zurück zu kehren, denn die Hagia Sophia war nun 24 Stunden lang kostenlos betretbar.

Er schlenderte noch etwas durch die Altstadt, setzte sich dann auf die Terrasse eines Restaurants zum Abendessen und bestellte eine leckere Suppe und Constantine Kebab mit Huhn. Letzteres stellte sich nicht als neue kreativ Kebab-Kreation heraus, sondern was das klassische Iskender Kebab, auf dem noch 4 frittierte Kartoffelspalten obenauf lagen. Allerdings kostete zumindest in diesem Teil Istanbuls alles mindestens doppelt soviel wie im Rest des Landes; mit Coke Zero und Tee zahlte Don Curry 18 €. Kurz nachdem er wieder seinen Hotel-Balkon aufgesucht hatte, um das nächtliche Istanbul abzulichten, setzte strömender Regen ein, gepaart mit stürmischen Windböen, die mehrere Sonnenschirme des gerade besuchten Restaurants umwarfen. Da der Regenguss nicht nachließ, gab Don Curry seinen Plan eines Spätbesuchs der Hagia Sophia auf. Er würde es am frühen morgen tun, bevor er sich nochmals in das Istanbuler Verkehrschaos stürzen musste...


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