Die Kür - Kurische Nehrung
Mittwoch, 26. Juni: Ganz fertig sind wir doch noch nicht. Direkt vor Klaipeda liegen das Kurische Haff und die Kurische Nehrung. Diese zieht sich bis nach Kaliningrad und der...


Veröffentlicht: 28.06.2019
Nun sitzen wir auf der Fähre nach Kiel, die Räder stehen still im Autodeck neben zwanzig anderen. Die Ostseeroute mit den baltischen Staaten ist wegen der guten Erreichbarkeit, des guten Radwegenetzes und der radlerfreundlichen Topographie äußerst beliebt.
Ganz anders weit im Norden, wo unsere Radtour in Kirkenes am 19. Mai begann. Auf 1800 km bis an den Grenzübergang bei Vyborg sind uns drei Radfahrer begegnet, die auf dem Weg zum Nordkap waren. Dies hatten wir auf der Anreise noch gut organisiert mit dem Bus besucht. Auch ein Höhepunkt unserer Reise, obwohl der kahle Felsen nicht besonders viel zu bieten hat. Schon die Anreise bot viel Neues und Interessantes. Am beeindruckendsten für uns beide die Fahrt durch den Trollefjord im Mittsommernachtslicht. In guter Erinnerung bleiben auch die Lofoten und Vesteralen sowie die Stadterkundungen von Trondheim und Tromsö, letztere am norwegischen Nationalfeiertag mit traditionellem Umzug. Fahnenschwingend und in den farbigen Nationaltrachten gekleidet, spaziert die Bevölkerung herum und pflegt einen gesunden Umgang mit ihrer Kultur und Folklore. Wunderschön auch der Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel der Lyngenalpen.
So richtig los ging es in Kirkenes, wo wir ziemlich aufgeregt das Schiff verließen. Wegen der Wettervorhersage (2 Grad) hatten wir uns warm angezogen, doch sehr bald kamen wir ins Schwitzen, was an frühlingshaften Temperaturen und an den ersten steilen Rampen lag. Diese sollten uns die gesamte Reise durch Finnland begleiten.
Die erste Unterkunft hatten wir gebucht, da es die einzige war, die in angemessener Entfernung zur Verfügung stand. Und wir werden diesen Ort und das Haus nicht vergessen. Es war wohl die schönste Unterkunft der Reise (auch die teuerste) - unser Haus am See. Die Unterkünfte waren bis auf eine Ausnahme gut und dank der Digitalisierung konnten wir schon im Voraus gute und günstige Guest Houses oder Hütten buchen, die wir dank Navi auch schnell fanden. Dadurch kam es nicht zu „wilden Nächten“ im Zelt. Das Zelt benützten wir insgesamt nur fünf Mal, den eigenen Kocher gar nicht, da es fast überall Kochmöglichkeiten gab oder wir ins Restaurant gingen.
A propos Restaurant - die finnischen Gaststätten sind dünn gesät, haben zumeist nur am Mittag geöffnet und bieten in der Regel einfaches Essen in Kantinenatmosphäre. Lediglich in Helsinki haben wir beim,Essen so etwas wie Gemütlichkeit empfunden.
Gleich am zweiten Tag mussten wir eine längere Strecke zurücklegen, um wieder zu einer Unterkunft zu gelangen. Diesen Rhythmus mit um die 100 km Tagesentfernung hielten wir die ganze Zeit durch. Das Leben ist dadurch einfach strukturiert: Nach der Morgentoilette ausgiebig frühstücken, alles wieder packen und sich gegen 9.30 Uhr aufs Rad setzen. Bis zum Mittag und zur ersten Pause rund 50 km radeln und sich nach einem Kaffee sehnen. In Finnland gibt es überall, wo es einen kleinen Laden hat, auch eine Theke mit frischem Filterkaffee zur Selbstbedienung - und meist auch ein süßes Gebäck. Eine angenehme Abwechslung! Am Nachmittag ein längerer Halt zur Stärkung mit Brot, Käse, Gurke und Obst. Je nach Möglichkeit oder Notwendigkeit wird noch eingekauft. So verbringen wir rund sechs Stunden im Sattel. Am Abend wird gekocht und (auch in Finnland) Bier getrunken, gelesen, geplant und diskutiert sowie Blog geschrieben.
An 33 Radtagen haben wir 3500 km zurückgelegt. In den großen Städten Helsinki, Tallinn und Riga verbrachten wir fünf Tage fast ohne Rad. Nach rund 1000 km legten wir in Kuhmo wegen starken Regens einen Ruhetag ein. Die körperlichen Anstrengungen waren bei Weitem nicht so groß wie die mentale Herausforderung, sich jeden Tag wieder auf diesen gleichen Ablauf einzulassen und sich der Einsamkeit der Umgebung und der Monotonie der Bewegung zu stellen. Wir haben da unterschiedliche Vorgehensweisen entwickelt, um damit umzugehen. Ich stelle den Tacho auf die Angabe mit Höhenmetern und schätze, dass bis zur Angabe ‚400 hm’ die 50-km-Marke erreicht ist. Oder man schaut das nächste Mal erst wieder auf die Kilometerangabe, wenn die Kurve am Horizont erreicht ist. Ja nicht dauernd auf die Uhr oder auf die Kilometerangabe schauen. Und am schlimmsten sind die letzten 10 km... Ich, Dominique versuche meine Gedanken fließen zu lassen und denke an meine Familie, meine FreundInnen und überlege mir Lösungsansätze zu unterschiedlichen Dingen, die mich beschäftigen....Wenn dies nicht gelingt, muss ich mich mit der vor mir liegenden Kilometerzahl beschäftigen und mir immer wieder sagen, dass ich auch zu Hause locker 20 km oder mehr schaffe!
Wir hatten großes Glück mit dem Wetter. Nördlich des Polarkreises war es deutlich wärmer als befürchtet, so dass die Thermounterhose in den Taschen blieb. Handschuhe und Stirnband benötigten wir aber noch an mehreren Tagen. Regentage hatten wir vier, von denen es nur an einem den ganzen Tag über geregnet hat. Im Süden Finnlands und im Baltikum gab es zahlreiche hochsommerliche Tage und keinen Niederschlag mehr. Und von Gegenwind blieben wir bis auf wenige Ausnahmen weitgehend verschont.
Und das Wichtigste: die Begegnungen mit den Menschen. Auf dem Schiff haben wir Anke und Steffen kennengelernt, und wir hoffen, dass es uns gelingt uns wiederzusehen. In Helsinki sind wir auf Will getroffen, dem wir auf der weiteren Tour noch zwei Mal begegnet sind und nun seine weitere Tour nach Krakau verfolgen. Er hat uns versprochen, uns in der Schweiz zu besuchen. Wir hatten erstaunlich viel Austausch mit Finnen, die sich als offener zeigten als angenommen. Wir denken da an den Postboten von Juntusranta, an den Musiker in Kuhmo, an die Frau, die uns das Nationalepos Kalevala mit Hingabe erklärt hat, an Pauli, den Gitarristen und Holzarbeiter in Lappeenranta, an Maja vom Campingplatz in Hossa und an die vielen hilfreichen Vermieter sowie die Helfer in vielen kleinen Dingen.
In den baltischen Staaten haben wir noch stark die Auseinandersetzung mit dem russischen Erbe und der neuen Rolle in Europa gespürt. Nach unserer Einschätzung haben sich die Esten am intensivsten damit auseinandergesetzt und sich deutlich von den Russen distanziert. In Lettland und Litauen ist der Einfluss der russischen Bevölkerung noch stärker spürbar und das Selbstbewusstsein der einheimischen Bevölkerung noch nicht so ausgeprägt. Radeln auf dem ITC heisst ständige Auseinandersetzung mit der Geschichte und den unsinnigen Kriegshandlungen im Grenzgebiet, mit den Gräueltaten der totalitären Regime in Ost und West.
Wir haben uns über die intensive Begleitung durch die Freunde und Verwandten zu Hause gefreut. Dies war für uns auch ein wichtiger Bestandteil der Reise. Wir verabschieden uns für dieses Jahr vom ICT, erholen uns noch zwei Tage in Hamburg bei Freunden, bevor es wieder nach Basel zurück geht. Wir werden die vielen Eindrücke mit uns mitnehmen und herumtragen und wer weiß, ob nicht schon bald die Lust nach der Fortsetzung des ITC in uns wach wird.