Koffer zu, Rucksack auf: Wir packen gerade unsere Sachen, verlassen das Hotelzimmer und starten endlich das Auto – heute steht die legendäre Road to Hana auf dem Programm! Bevor wir uns aber in die unzähligen Kurven und zu den versteckten Wasserfällen stürzen, steht noch die wichtigste Morgenroutine an. Und die hat es hier in sich.
Beim Schnorcheln auf Maui wird einem schnell klar, warum die Insel beim Umweltschutz eine Vorreiterrolle einnimmt. Hier reicht es nicht mehr, wenn auf der Tube einfach nur „Reef Safe“ steht – denn dieser Begriff ist rechtlich kaum geschützt. Maui hat deshalb alle chemischen UV-Filter komplett verboten. Als ich mich auf die Reise vorbereitet habe, musste ich erst einmal lernen, die Rückseite der Packungen zu lesen: Nur Produkte, die zu 100 % auf mineralischen Filtern wie Zinkoxid basieren, dürfen hier an den Strand.
In der Realität bedeutet das allerdings: Das Prozedere morgens dauert gefühlt ewig! Wer schon einmal versucht hat, reine Zinkcreme aufzutragen, weiß, wovon ich rede. Das Zeug lässt sich extrem schlecht verteilen, man reibt und schrubbt, und am Ende sieht man im Spiegel meistens aus wie ein blasser Geist. Aber auch wenn das morgendliche Einbalsamieren im Hotelzimmer echte Muskelarbeit ist – es ist ein kleiner Aufwand für uns, der für die zerbrechliche Unterwasserwelt von Maui den entscheidenden Unterschied macht.
Der Motor summt, die Fenster sind unten und die warme, salzige Pazifikluft strömt ins Auto. Die ersten Meilen auf der Road to Hana führen uns vorbei an Zuckerrohrfeldern und verlassenen Plantagen, bis die Straße uns direkt an die spektakuläre Küste Mauis führt.
Erster Halt: Das Spektakel am Hoʻokipa Beach Park. Nur wenige Minuten hinter dem Surferstädtchen Paia wartet der erste Pflichtstopp: Hoʻokipa. Dieser Strand ist das unangefochtene Mekka der Surfer. Vom Aussichtspunkt auf den Klippen blicken wir hinab auf die gigantischen Wellen, auf denen Profis scheinbar mühelos reiten.
Doch das wahre Highlight wartet unten am Strand: Hoʻokipa ist berühmt für seine Honu – die hawaiianischen grünen Meeresschildkröten. Im weichen Sand liegen ein Dutzend dieser sanften Riesen, um sich in der Morgensonne aufzuwärmen. Obwohl wir dies schon beobachten konnten, ist es immer aufregend.
Wir lassen die Küste hinter uns und tauchen tiefer in den Regenwald ein. Die Straße wird schmaler, die Kurven enger. Wir halten am Straßenrand an, denn hier stehen sie: die berühmten Regenbogen-Eukalyptusbäume.
Es wirkt fast surreal. Die Stämme dieser gigantischen Bäume sehen aus, als hätte ein Künstler sie mit Pinselstrichen in Neon-Grün, Orange, Rot und Violett bemalt. Dieser natürliche Effekt entsteht, wenn sich die Rinde zu verschiedenen Zeiten im Jahr abschält. Ein absoluter Traum für jedes Fotomotiv.
Nur ein kurzes Stück weiter biegen wir auf den unscheinbaren Parkplatz des Waikamoi Ridge Forest Trail. Während die meisten Touristen hier achtlos vorbeifahren, entscheiden wir uns für die kurze Wanderung – und werden belohnt.
Der Pfad ist eine Oase der Ruhe. Wir wandern auf einem Teppich aus Blättern, umgeben von riesigen Farnen, Bambus, duftenden Ingwerblüten und uralten Mahagonibäumen. Nach einem kurzen, knackigen Aufstieg erreichen wir eine Lichtung mit einer Holzbank. Von hier aus bietet sich uns ein spektakulärer Blick über das dichte, grüne Blätterdach des Regenwaldes bis hinunter zum tiefblauen Ozean.
Weiter geht das Kurvenabenteuer bis zum Puaʻa Kaʻa Wayside Park. Direkt neben dem Parkplatz stürzen zwei wunderschöne Wasserfälle in ein klares, natürliches Becken. Eigentlich ist das Schwimmen und Baden hier ausdrücklich nicht erwünscht, worauf auch Schilder hinweisen – die Strömungen und plötzlichen Sturzfluten (
Flash Floods) können hier lebensgefährlich sein.
Wir halten uns natürlich an das Verbot und nutzen den Halt nur für eine kurze Rast. Umso fassungsloser beobachtet man das Verhalten anderer Touristen: Trotz der klaren Verbote klettern etliche Leute ignorant über die Absperrungen, um im Becken schwimmen zu gehen. Für uns unverständlich, wie man für das perfekte Social-Media-Foto die eigene Sicherheit und die lokalen Regeln so missachten kann. Die Kulisse ist auch von den offiziellen Wegen aus wunderschön zu genießen.
Nur ein Stück weiter erreichen wir die Hanawi Falls – für mich einer der fotogensten Wasserfälle der gesamten Strecke. Das Wasser stürzt hier üppig über mehrere Stufen direkt unter einer historischen Brücke hindurch.
Hier erleben wir Hawaii-Action hautnah: Eine Gruppe Jugendlicher nutzt die steilen Klippen über dem Flussbecken als Sprungbrett. Mit spektakulären Sprüngen und lautem Jubel katapultieren sie sich aus schwindelerregender Höhe in die Tiefe. Die Energie ist ansteckend, doch die Gefahr springt immer mit.
Plötzlich hält der gesamte Atem an. Ein Mädchen verliert beim Absprung leicht das Gleichgewicht, kommt unglücklich auf dem Wasser auf und schafft es nur mit Mühe ans Ufer. Der Schock sitzt tief, die ausgelassene Stimmung ist sekundenlang wie weggeblasen. Zum Glück stellt sich nach dem ersten großen Schrecken und einer kurzen Atempause heraus: Es ist nichts Schlimmes passiert. Ihr geht es schnell wieder besser, und ein erleichtertes Aufatmen geht durch die Menge. Ein eindringlicher Reminder für uns alle, dass die Natur hier wunderschön, aber auch unberechenbar ist und Respekt verlangt
Nach den Erlebnissen am Wasserfall merken wir, wie die Konzentration langsam nachlässt. Im Reiseführer liest sich das alles ganz entspannt, aber die Realität hinter dem Lenkrad fordert volle Aufmerksamkeit. René steuert uns ununterbrochen durch die engen Haarnadelkurven und über die einspurigen Brücken. Das ist auf Dauer echt anstrengend. Der ständige Wechsel aus Kurven und dem dichten Grün, das am Fenster vorbeizieht, geht nach ein paar Stunden ganz schön auf den Kreislauf. Ein bisschen schwindelig wird ihm vom permanenten Stop-and-Go und den Fliehkraft-Wechseln zwischendurch sogar. Ich schaue mir die engen Straßen vom Beifahrersitz aus an und muss ehrlich zugeben: Ich traue mir das hier absolut nicht zu. Respekt an jeden, der hier fährt – ich bleibe lieber Co-Pilotin.
Wir halten zwischendurch immer wieder, damit die Konzentration aufrecht bleibt. Zum Glück haben wir keinen Grund zur Panik und die Situation ist völlig entspannt: Unser absoluter Rettungsanker ist nämlich, dass wir heute nicht mehr zurückmüssen! Wir haben hier zwei Übernachtung gebucht. Zu wissen, dass wir den Rückweg heute nicht mehr vor der Brust haben, nimmt augenblicklich jeglichen Stress aus der Fahrt.
Mit dem Wissen, dass das Etappenziel ganz nah ist, verfliegt Renés Müdigkeit fast wie von selbst. Kurz vor Hana biegen wir endlich in die Zufahrt zum spektakulären Waiʻānapanapa State Park ein. Während die meisten Touristen hier nur mit einem streng getakteten Ticket herhetzen dürfen, rollen wir völlig tiefenentspannt an. Der Grund? Wir haben den absoluten Jackpot geknackt und eine der heiß begehrten Hütten direkt im Park gebucht!
Wir steuern direkt unsere Cabin an, um uns erst einmal in Ruhe umzusehen. Als wir unsere rustikale, kleine Hütte mitten im Grünen betreten, fällt der gesamte Fahrstress der letzten Stunden sofort von uns ab. Die Hütten sind zwar einfach eingerichtet, bieten aber alles, was man braucht, und vor allem eine eigene Veranda mitten in der Natur. Von hier aus hören wir durch die Palmen hindurch bereits das kraftvolle Rauschen des Pazifiks.
Nachdem wir die Hütte ausgiebig begutachtet und unsere Sachen abgestellt haben, hält uns nichts mehr drinnen. Wir machen uns auf den Weg in den Park und laufen vor zu dem Aussichtspunkt, der einen atemberaubenden Blick über die gesamte Bucht freigibt. Der Kontrast ist einfach surreal: Pechschwarzer Lavasand, der in der Sonne glänzt, umrahmt von leuchtend grünem Dschungel und dem wilden Ozean.
Am Ufer zeigt die Natur ihre ganze Kraft. Die Wellen klatschen mit einer unglaublichen Wucht gegen die schroffen Lavasteine. Das Wasser schießt in riesigen Fontänen meterhoch durch die Felsspalten in die Luft – ein gigantisches Spektakel! Unsere Kinder stehen ganz nah am Rand, unterschätzen die Reichweite und werden von einer riesigen Gischtwelle von oben bis unten komplett nassgespritzt. Das laute Kreischen und Lachen der Kids hallt durch die Bucht und macht die Stimmung hier einfach perfekt.
Als am späten Nachmittag die Tagestouristen den Park verlassen müssen, wird es schlagartig ruhig. Wir sitzen auf den Felsen, schauen auf das tosende Wasser und wissen: Jeder einzelne anstrengende Kilometer am heutigen Tag hat sich gelohnt. Heute Nacht schlafen wir mitten im wilden Herzen Mauis.
Nach dem Abenteuer an den Klippen meldet sich der Hunger. An den Hütten gibt es feste Grillstationen, also werfen wir den Grill an. Während das Fleisch brutzelt und der Duft von Barbecue durch die tropische Luft zieht, klopfen wir uns innerlich selbst auf die Schulter: Wir haben bei der Vorbereitung alles richtig gemacht!
Man muss wissen: Die Hütten im State Park sind extrem spartanisch. Es gibt dort absolut nichts – keine Bettwäsche, keine Handtücher, kein Geschirr. Aber wir waren vorbereitet. In unseren zwei großen Koffern haben wir gefühlt den halben Hausrat aus
Deutschland über den Pazifik geflogen. Für das Abendessen haben wir uns vorab im Supermarkt extra noch eine günstige Pfanne besorgt, damit beim Kochen nichts schiefgeht.
Als es ans Schlafengehen geht, schlägt die Stunde unserer besten Reise-Hacks. Richtige Kopfkissen gibt es in den Cabins nämlich nicht. Unsere Lösung? Wir haben befüllbare Nackenkissen dabei! Eigentlich sind die für den Flug gedacht, um Platz im Gepäck zu sparen, indem man Kleidung hineinstopft. Hier in der Hütte funktionieren wir sie kurzerhand zu super bequemen Kopfkissen um. Zusammen mit den extra mitgebrachten Bettlaken verwandeln wir die nackten Matratzen im Handumdrehen in ein richtig gemütliches Bett.
Gut gesättigt und stolz auf unsere Camping-Skills kuscheln wir uns ein. Durch die Fenster hören wir das gleichmäßige Brechen der Wellen am schwarzen Sandstrand und das Zirpen der Grillen im Regenwald. Was für ein perfekter Abschluss für diesen ereignreichen Tag!