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Letzter Tag: von der Gleichzeitigkeit von nicht zu vereinbarenden Lebenssituationen und Gefühlen - Heimkehr und Resümee

Veröffentlicht: 11.05.2025

Wir sind wieder daheim – nach einer knappen Woche konnten wir zurück nach Hause, in unsere sicheren Wohnungen, zu unseren Familien, von denen wir uns vor ein paar Tagen verabschiedet haben – in dem Wissen, dass wir uns bald wieder sehen werden. Wir sind in ein Flugzeug eingestiegen, haben zu Essen und trinken bekommen, konnten in Athen problemlos umsteigen und haben dann in München unser Gepäck vollständig wieder erhalten. Wir konnten sogar Geschenke mitbringen. Keine*r von uns musste einen Schlepper bezahlen oder nachts in ein Schlauboot steigen und das Leben riskieren, wieder und wieder bis es klappt. Wir sind einfach nach Hause gekommen und alles war wie immer. Nach einer Woche – nicht nach Jahren oder nie mehr, weil es zu gefährlich ist, die Familie nicht mehr lebt oder wo ganz wo anders oder der Ort vom Krieg zerstört ist.

Wir können auch wieder zur Arbeit gehen und müssen nicht mit 1/5 der Kolleg*innen auskommen, weil der Staat die zugesicherte Finanzierung nicht auszahlt und der Spendengeber dank Trump nicht mehr einspringen kann. Auch sind wir nicht nur 2 Sozialarbeiter*innen für 1700 Menschen und darauf angewiesen, dass spendenfinanzierte NGOs mit Freiwilligen Aufgaben des Staates übernehmen. Die gesamte Versorgung und Ausstattung der Camps wird durch die EU gezahlt – und dennoch müssen private NGO mit der Hilfe von Freiwilligen einspringen, um absolut grundlegende Services übernehmen. Darunter fallen bspw. Gesundheitsversorgung, Essensausgabe für Kranke oder weil das ausgegebene Essen ungenießbar ist, Kleidung in dem Camp. Psychologische, sozialarbeiterische, edukative Unterstützung werden auch nur von NGOs geleistet und nicht staatlich refinanziert und finden v.a. außerhalb des Camps statt. Seltsamerweise ist vor Ort von der EU nur die Asylverfahrensberatung. Ansonsten sind die Camps 'closed facilities' und hermetisch abgeriegelt. Der Zutritt ist für Freiwillige, Journalist*innen, Anwälte etc. nicht gestattet.

Wir müssen es auch nicht aushalten, wenn wieder ein Schiffsunglück passiert ist und Tote betrauern. Dabei wird der Regierung nicht nur vorgeworfen nicht nur nicht geholfen hat, sondern für das Unglück in Form von push backs verantwortlich zu sein. 

Aber auch wir müssen hier bei uns weiter dafür einsetzen, die Zivilgesellschaft  und den Staat an ihre Verantwortung zu erinnern, auf Missstände hinzuweisen und für mehr Offenheit und Unterstützung zu kämpfen.

Wir haben auf dieser Reise so viel Herzlichkeit, Gastfreundschaft, Vertrauen und Solidarität gesehen in einer Lebensrealität, die kaum auszuhalten ist. Wir haben erlebt, wie es immer wieder Menschen gibt, die sich nicht unterkriegen lassen und weiter Tag für Tag die Würde jedes einzelnen Menschen sehen und versuchen zu unterstützen – auch wenn es manchmal ‚nur‘ ein Lächeln oder eine Umarmung sein kann. Menschen, die da sind, wenn sonst keine*r mehr da ist. Organisationen, die untereinander kooperieren, obwohl sie alle mit massiven finanziellen Kürzungen kämpfen. Die versuchen, auf das eine Antwort zu finden, was gerade am dringendsten ist – für die Menschen, nicht für ihre Organisation.

Wir haben die Schönheit Griechenlands und des Meeres genossen und uns berühren lassen, von den Begegnungen, Erzählungen, Orten. Die Ortsnamen haben ein Gesicht bekommen und sind lebendig geworden, die Zahlen von Geflüchteten sind zu individuellen Lebensgeschichten geworden. Wir sind verbunden, durch die Schicksale der Menschen mit denen und für die wir tätig sind. Und wir sind mit all jenen verbunden, die nicht aufhören hinzusehen und zu sprechen über das, was wirklich an den Außengrenzen der EU passiert.

Es war eine Woche voller intensiver Begegnungen und Eindrücken und vieles muss sich erst setzen und braucht Zeit, bis es eingeordnet werden kann. Zynismus und Herzlichkeit existieren unmittelbar nebeneinander und gleichzeitig. Diese Woche hat bei allen Eindruck hinterlassen, den Blick geweitet, neue Energie geben und eine Gewissheit, dass unsere Arbeit wichtig und sinnvoll ist – und v.a. dass wir nicht allein sind. Wir können diese Aufgaben auch nur gemeinsam angehen - jede*r auf ihre eigene Art und mit eigenen Mitteln. Und bei allen Schwierigkeiten, sollen wir die schönen Momente im Leben genießen.

Ευχαριστώ an alle, die sich Zeit für uns genommen haben, uns erzählt haben von ihrer Arbeit und den Menschen. Wir werden an euch denken.

Antworten (1)

Heidi vor 11 Monaten
Sehr berührend. Vielen Dank!

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