An unserem ersten Tag in Athen erhielten wir tiefgreifende Einblicke in die Flüchtlingsarbeit vor Ort. Wir besuchten das Victoria Community Center sowie die Organisationen Caritas Athens und Caritas Hellas. Beide leisten wertvolle Arbeit für Menschen auf der Flucht - oft unter schwierigen Bedingungen, unterfinanziert und mit wenig staatlicher Unterstützung.
Victoria Community Center
Unweit des Viktoria-Platzes befindet sich das Victoria Community Center, ein offener und niedrigschwelliger Begegnungsort für Menschen mit und ohne Fluchthintergrund. Das Zentrum wird von der Schweizer Organisation Glocal Roots betrieben und koordiniert ein Netzwerk aus acht Partnerorganisationen unter einem Dach. Es entstand ursprünglich auf Lesbos und wurde nach Athen verlegt, als sich die Bedürfnisse dort verlagerten.
Das Zentrum hat von Montag bis Freitag geöffnet und wird täglich von rund 200 Menschen besucht – darunter viele aus Afghanistan, Syrien, Palästina, dem Sudan und Ägypten, aber auch einige griechische Staatsbürger\*innen.
Im Mittelpunkt steht das Community Café, in dem täglich warme Mahlzeiten sowie Tee und Kaffee ausgegeben werden – zubereitet vom Saffron Kitchen Project. Es ist nicht nur ein Ort der Verpflegung, sondern auch der Begegnung. Besonders bemerkenswert ist, dass alle willkommen sind – unabhängig von Aufenthaltsstatus oder Nationalität.
Darüber hinaus bietet das Zentrum:
- Sprach- und Computerkurse (Griechisch, Englisch)
- Beratung durch eine Sozialarbeiterin
- Zweimal wöchentliche anwaltliche Sprechstunden mit Dolmetschenden
- Einen geschützten Frauenbereich mit Kinderbetreuung, Yoga, Kleiderausgabe und Nähatelier, in dem zwei Frauen mit Fluchthintergrund fest angestellt sind
- Ein kultureller Mediator zur Unterstützung in der Kommunikation im Café
Viele Freiwillige, vor allem Studierende aus Europa, unterstützen das Team vor Ort. Finanziert wird das Projekt über Spenden, Stiftungen und private Beiträge.
In unserem Gespräch mit Cinja Köhler, Projektleiterin des Zentrums, wurde deutlich, wie ernst die Lage vieler Geflüchteter in und um Athen ist. Die Camps sind oft weit außerhalb gelegen, schlecht ausgestattet und bieten weder medizinische Versorgung noch Bildungsangebote oder Sprachkurse. Viele Menschen können sich nicht einmal die Fahrt nach Athen leisten, um Zugang zu Angeboten wie dem Victoria Center zu erhalten. Staatliche Unterstützung gibt es kaum - selbst anerkannte Geflüchtete erhalten keine systematische Hilfe zur Integration.
Besonders bedrückend: Immer mehr Geflüchtete werden aus anderen EU-Ländern nach Griechenland rücküberstellt, treffen hier aber auf ein System, das sie nicht auffängt. Eine negative Asylentscheidung bedeutet den Verlust aller Rechte - keine Arbeit, keine Hilfeleistungen.
Caritas Athens & Caritas Hellas
Am Nachmittag besuchten wir Caritas Athens und Caritas Hellas (Vergleich Caritas München und Caritas Deutschland)- zwei Organisationen mit jahrzehntelanger Erfahrung in der humanitären Arbeit. Hier erhielten wir Einblicke in die strukturellen und politischen Herausforderungen, mit denen NGOs in Griechenland täglich konfrontiert sind.
Im Gespräch mit Begonia, einer langjährigen Freiwilligen bei Caritas Athens, und Maria Alverti, Direktorin von Caritas Hellas, wurde uns das Spannungsfeld zwischen wachsendem Bedarf und schrumpfenden Ressourcen deutlich.
Caritas agiert in Griechenland als kleine katholische Minderheit in einem überwiegend orthodox geprägten Land - oft mit großer Zurückhaltung und diplomatischem Geschick, selbst wenn staatliche Unterstützung ausbleibt.
Caritas Athens hilft täglich hunderten Geflüchteten mit Lebensmitteln, Kleidung, Sozialberatung und Gutscheinen. Es werden wöchentlich rund 170 Lebensmittelpakete ausgegeben, und etwa 150 Personen pro Monat werden sozialarbeiterisch betreut. Die Finanzierung erfolgt u. a. über kirchliche Träger, die griechische Lebensmittelbank Boroume, Stiftungen und private Spenden.
Caritas Hellas selbst hat sich im Zuge der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015 stark weiterentwickelt. Ursprünglich vor allem im Bereich der Armutsbekämpfung tätig, ist sie heute in zahlreichen Projekten der Integrationshilfe, Nothilfe und Bildung aktiv, auf den Inseln und dem Festland.
Gleichzeitig stehen Organisationen wie Caritas unter Druck, da die griechische Regierung sich zunehmend aus der Verantwortung zieht und EU-Gelder vorrangig an NGOs statt an staatliche Stellen vergeben werden. Das EU-finanzierte Bargeldhilfesystem wurde eingestellt, da Griechenland es nicht zuverlässig bezahlte.
Ein kulinarisch-sozialer und geschichtsträchtiger Abschluss
Nach den intensiven Eindrücken des Tages ließen wir den Abend mit einem Spaziergang zur Akropolis ausklingen - einem der bedeutendsten historischen Wahrzeichen Europas. Die monumentale Anlage thront über Athen und war im 5. Jahrhundert v. Chr. das religiöse Zentrum der Stadt, allen voran mit dem berühmten Parthenon-Tempel zu Ehren der Göttin Athene. Heute steht die Akropolis symbolisch für Demokratie, Kultur und Widerstandskraft - ein passender Ort zur Reflexion über Schutz, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Verantwortung.
Anschließend aßen wir im Tastes of Damascus Restaurant, einem Lokal mit syrischer Küche, das Geflüchteten und Zugezogenen Arbeits- und Ausbildungsplätze bietet. Ein Ort, der Hoffnung und gesellschaftliches Engagement auf genussvolle Weise verbindet – und ein würdiger Abschluss eines wunderbaren ersten Tages.