Auf der Fahrt Richtung Osten verbringen wir eine unglaublich finstere und sternenklare Nacht direkt auf dem Jakobsweg. Die Milchstraße scheint zum Greifen nah.
Genauer gesagt, auf einem Pausenplatz an einem Abstecher des Camino für alle Pilger, die einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, um für ein paar Kilometer dem brausenden Verkehr und den stinkenden Abgasen der Nationalstraße zu entkommen.
Am Camino francés
Ich bin überrascht, über wie weite Strecken der Camino francés an der gut befahrenen N120 entlangführt. Die durch häufige Sperrungen einzelner Abschnitte der parallelen Autobahn ein noch höheres Verkehrsaufkommen aufzubieten hat.
Hier nun in der spanischen Kornkammer, zwischen abgeernteten und frisch geeggten endlosen Getreidefeldern verläuft der Jakobsweg über eine holprige, mit unendlich vielen, unendlich tiefen Schlaglöchern übersäte Ackerpiste.
Am Camino francés
Auf der Área de descanso ist gerade ein junger Australier angekommen und versorgt im Schatten der Platanen die unzähligen aufgeplatzten Blasen an seinen geschundenen Füßen.
Ein älterer deutscher Herr kommt dazu und wir plaudern ein wenig.
Er erzählt, dass er in Burgos gestartet ist und den Weg schon zum dritten Mal läuft. Ich wundere mich darüber, dass jetzt, Anfang Oktober noch so viele Menschen pilgern, doch er meint, das wäre die beste Jahreszeit.
Am Camino francés
Auch wenn es morgens erst sehr spät hell wird und man früh starten muss, wenn man noch einen Platz in einer der preiswerten, kommunalen Herbergen ergattern will. Aber jetzt ist der Andrang längst nicht mehr so groß, wie noch im September. Er schleppt sein Gepäck auch nicht mehr selbst, sondern lässt den Rucksack für ein paar Euros per Correos, der spanischen Post transportieren.
Schmunzelnd erzählt er von Freunden, die den Weg per E-Bike geradelt sind und denen die Ausstellung des Pilger-Zertifikats in Santiago verweigert wurde. Zu wenig Eigenleistung, wie es scheint.
Am Camino francés
Und Herr Pelegrino klärt uns auf, warum viele Asiatinnen zusätzlich zu einem breitkrempigen, überdimensionalen Hut ihre Gesichter komplett verhüllen, was auf uns in Vega de Valcarce ein bisschen spooky wirkte.
Der Grund ist, dass makelloser, blasser Teint ein zentrales Schönheitsideal und ein Zeichen von Wohlstand darstellt. Gebräunte Haut wird in vielen Teilen Asiens mit körperlich harter Feldarbeit und Armut assoziiert.
Sajazarra
Beide Pilgersleute füllen ihre Flaschen an der Quelle mit reinem, köstlichem und restlos chlorfreiem Agua und auch wir ziehen unserer Wege und wünschen zum Abschied ¡Buen camino!, wie wir es unterwegs gelernt haben. Wir wollen heute noch Burgos umfahren und in der Sierra de la Demanda Halt machen.
Am Camino francés
Dort angekommen umweht uns ein eisiger Wind und dicke dunkle Wolken verhindern, dass auch der kleinste Sonnenstrahl den Caravan erwärmt. Zum ersten Mal krame ich die langen Unterhosen hervor und der Held schmeißt die Heizung an.
Ach, wären wir doch am sonnigen Jakobsweg geblieben. Der strahlend blaue Himmel dort macht gute Laune, wir hätten die Klappstühle rausgeholt, mit den ständig vorbeiziehenden Pilgern Kaffee getrunken, Geschichten erzählt und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.
Embalse del Arlazón
Doch nun stehen wir auf 1200 Metern Höhe am kleinen Stausee und der Winter ist eingekehrt!
Am Morgen ist die Spitze des Pico San Millán auf 2131 Metern weiß gepudert und auch auf dem Tourmalet in den Pyrenäen hat es geschneit. Wie gut, dass der Held im letzten Augenblick die Schneeketten für die Rückfahrt über die Pässe eingpackt hat!
Doch im Tal zu unseren Füßen beginnen die Ausläufer des lieblichen Rioja. Diese Gegend gefällt uns sehr.
Sanfte Hügel, malerische Tafelberge, romantische Dörfer, traditionelle Bodegas, so weit das Auge reicht.
Und wo der Wein gedeiht, scheint auch die Sonne.
La Rioja
Doch zuerst begrüßen uns endlose Weiten mit riesigen Äckern voller blutroter Paprika. Ich steige aus, um ein Foto von den gigantischen Feldfrüchten zu machen und es juckt mich in den Fingern, mir ein oder zwei in die Tasche zu stecken. Doch sie sind viel groß, keine Chance auf einen unauffälligen Mundraub im Affekt. Außerdem steckt mir die Erinnerung an den böse geifernden Hund am Feigenbusch noch in den Knochen, auch wenn ich es nur ungern zugebe.
Rioja-Paprika
Wir übernachten auf einem Mirador hoch über Haro, der heimlichen Weinhauptstadt, mit fantastischem Blick über das Rioja. Morgen findet in der Altstadt ein Wochenmarkt statt und ich bin guter Dinge, dort ein paar der herrlichen, knallroten Pimentos, quasi direkt vom Acker legal zu erwerben.
Nur für Trecker
Mit dem Sonnenaufgang lässt uns Geknaller und Geballer jäh aufschrecken. Auch in Spanien ist Jagdsaison, doch wir fragen uns schon, auf welches Getier immer wieder und wieder mit Schrotflinten geschossen werden kann, ohne dass es die Flucht ergreift. Von den Bergen ertönen zusätzlich vielfache Echos und kurze Zeit später reist die nächste Jagdgesellschaft in stark motorisierten Allradwagen an.
La Rioja
Wir machen uns auf den Weg zum Mercadillo, werden aber bei der Abfahrt vom zuständigen Forstmeister aufgehalten, der uns mit strenger Miene und verkatertem Gesicht anschnautzt, wo wir denn herkämen.
Zum Glück verstehe ich die Frage und antworte wahrheitsgemäß, dass wir gerade vom offiziellen Parkplatz losgefahren sind, den er wegen des gestern reichlich genossenen Riojas ganz vergessen zu haben scheint. Señor Guardabosque reagiert mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem unwirschen "¡Vale!" und lässt uns ziehen.
Sajazarra
Was dachte er denn? Nein, wir fahren nicht die verbotene, steile Hoppelpiste in den Wald hinauf. Außerdem haben uns die Jägersleute schon mit sehr bildhaften Gesten darauf aufmerksam gemacht, dass hier gleich scharf geschossen wird: "¡Arriba, arriba! ¡Caza, vale, vale, vale!"
Hoffen wir das Beste für die kleine Wandergruppe, die im Morgengrauen fröhlich lachend auf ihre Tour in die Berge gestartet ist, dass sie sich Abends nicht in der waidmännischen Beute wiederfindet.
Haro
Der Wochenmarkt in Haro entpuppt sich als große Enttäuschung. Keine Riesenpaprika, kein Käse, kein Feigenbrot. Nur ein paar Stände mit der üblichen Damenmode, bestehend aus bunten Kittelschürzen und bedruckten Torero-Boleros.
Haro
Ein paar Trauben stoppeln wir dann aber noch von den Weinstöcken am Wegesrand. Die Ernte scheint in diesem Jahr zu gut ausgefallen zu sein, denn viele Reben wurden hängen gelassen oder einfach auf den Boden unter die Pflanzen geworfen. Zur Düngung, wie ich während der Weinleseeinsätze bei der französischen Kooperative erfahren habe.
Vino tinto
Und so wird die Erntemenge geregelt und verhindert, dass die Preise bei Überproduktion fallen.
¡A su salud!
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