Mekong-Delta-Fragmente
Fun Facts über das Mekong-Delta: Shopping mal anders: Hier fährt mit dem Boot zum schwimmenden Markt, nicht zum Supermarkt. Leider sehe ich keinen, weil wir nur einen Tagestrip...


Veröffentlicht: 03.06.2025
































In einem Eisenbahnzug sitzen, es vergessen, leben wie zu Hause, plötzlich sich erinnern, die fortreißende Kraft des Zuges fühlen, Reisender werden, die Mütze aus dem Koffer ziehn, den Mitreisenden freier, herrlicher, dringender begegnen, dem Ziel ohne Verdienst entgegengetragen werden, kindlich dies fühlen, ein Liebling der Frauen werden, unter der fortwährenden Anziehungskraft des Fensters stehn, immer zumindest eine ausgestreckte Hand am Fensterbrett liegenlassen. Schärfer zugeschnittene Situation: Vergessen, daß man vergessen hat, mit einem Schlage ein im Blitzzug allein reisendes Kind werden, um das sich der vor Eile zitternde Waggon, anstaunenswert im Allergeringsten, aufbaut wie aus der Hand eines Taschenspielers.
Das ist ein Tagebucheintrag von Franz Kafka vom 31.07.1917. Heute ist der 03.06.2025, das sein 101 Todestag. Ich bin trotz Begegnung mit einem Skorpion sowie einer wilden Rollerfahrt durch schlaglochgetränkte Straßen noch am Leben - seit 5 Tagen auf der Insel Phú Quốc.
Hier ist es wirklich traumhaft schön. Die Saison ist schon vorbei, dementsprechend leer ist es in und um unsere Unterkunft (ein kleines Eco-Resort im Grünen). Wohl auch deshalb haben wir ein Upgrade erhalten: von unserem kleinen Bungalow auf eine zweistöckige "Villa", die mehr Wohnfläche als meine eigene Wohnung hat. Zweimal am Tag kommt jemand vorbei, um das Mückennetz am Bett hoch-/runterzumachen, Räucherspiralen gegen die Moskitos anzuzünden und uns neues Trinkwasser zu bringen. Soviel Luxus bin ich nicht gewöhnt, vielleicht werde ich das zu Hause ebenso vermissen wie das unfassbar gute Essen in den ganzen kleinen Straßenrestaurants und dass ich an jeder Ecke mir "Hello Madame" angesprochen werde (natürlich in Verbindung mit der Frage, ob ich eine Massage buchen möchte). An einem Tag sehen wir uns die Inselhauptstadt Duong Dong an (finde ich unspektakulär und dreckig), an einem anderen erkunden wir die Bienen- sowie eine Pfefferfarm. Bei letzterer spricht niemand ein Wort Englisch und der Pfeffer ist schon geerntet, deshalb werden uns beim Durchgang Früchte "angeboten" (=in den Mund geschoben) und ich darf zwei Mangos ernten, die wir geschenkt bekommen. Wir sind supermutig und trinken im abgelegensten Café Eistee und Mangosmoothies mit fragwürdigen Eiswürfeln...als Belohnung bekommen wir ein drittes Glas Smoothie (weil einfach noch was übrig ist). Es gibt Yoga im Grünen, Katzen zum streicheln und wunderbare Sonnenuntergänge. Der Versuch, den Seestern-Strand zu sehen scheitert an den schlechten Straßen und der fortgeschrittenen Uhrzeit, das Vorhaben noch weitere Orte zu besuchen an einem komplett verregneten Dienstag. Das macht aber nichts. Wir genießen unsere Luxus-Fensterbank, ich lese ein Buch aus dem Bücherregal des Resorts durch und unterhalte mich ein bisschen unserem Klo-Gecko Günther. Entspannung, im Meer über Wellen hüpfen, Nachrichten mit zu Hause austauschen. Durchatmen kurz vor dem Heimflug. Ein bisschen Kafka-Tagebuch lesen und diesen schönen, passenden Eintrag finden. In Gedanken lasse ich meine ausgestreckte Hand auf der Fensterbank liegen.
