Eine ausgestreckte Hand am Fensterbrett
In einem Eisenbahnzug sitzen, es vergessen, leben wie zu Hause, plötzlich sich erinnern, die fortreißende Kraft des Zuges fühlen, Reisender werden, die Mütze aus dem Koffer...


Veröffentlicht: 05.06.2025
Es gibt geschichtliche Ereignisse, die sind eigentlich nicht weit weg – zeitlich gesehen, meine ich. Sie sind vor nicht mal 50 Jahren passiert oder sogar in der Zeit, als ich schon auf der Welt war, fühlen sich aber an wie Lichtjahre entfernte Erzählungen. Einfach, weil ich keine aktive Erinnerung daran habe. Der Vietnamkrieg ist so ein Beispiel: erst seit 50 Jahren vorbei – und doch, ja, vielleicht auch wegen der geografischen Distanz – Lichtjahre entfernt.
An meinem allerletzten Vietnam-Tag rückt diese Geschichte plötzlich ganz nah. So wie schon bei den Củ Chi-Tunneln, aber heute fast noch direkter, näher, eindrücklicher. Im "Kriegsrestemuseum", das sich genau mit dieser dunklen Vergangenheit beschäftigt. Alle Google-Rezensionen raten davon ab, mit Kindern herzukommen – und es ist sehr schnell klar, warum.
Es gibt Exponate: Waffen, nachgebildete Gefängniszellen, eine Guillotine. Vor allem aber gibt es: Fotos. Viele Fotos. Fotos von allem.
Und irgendwann steht man einfach nur noch da, fassungslos, sprachlos, vielleicht auch hilflos, inmitten dieser Bilderflut, dieser Dokumentation der Grausamkeit. Ich finde keine passenden Worte. Vielleicht gibt es sie auch einfach nicht. War es eine gute Idee, so etwas am letzten Tag zu machen? Wahrscheinlich nicht. Aber wann ist schon der richtige Zeitpunkt, sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen?
Und so stehe ich da, mit vollem Kopf und schwerem Herzen, am Ende dieser Reise.
Ein Teil von mir wäre gerne noch tiefer eingetaucht – in dieses faszinierende, widersprüchliche Land. Es gibt so viel zu entdecken, so viel zu verstehen und zu lernen. Nach fast 4 Wochen kann ich immer noch nicht vernünftig "Danke" auf vietnamesisch sagen. Und gleichzeitig, wie immer wenn ich weg bin, wächst da dieses leise Ziehen in mir, das nach Hause ruft. Ich freue mich wieder auf Daheim. Auf Gespräche ohne Bildschirm, Umarmungen, mein eigenes Kissen. Auch wenn der liebe Hund mich bei meinem letzten Essen hier flehentlich angesehen hat, doch bitte nicht zu gehen (das interpretiere ich doch richtig, oder?).
Wie immer darf alles sein, auch gleichzeitig. Deswegen lasse ich was von mir da und nehme ein bisschen neue Version von mir mit nach Hause. Neben all den vielen Eindrücken. Danke ihr wunderbaren Menschen fürs Lesen und Begleiten!
