Vollmond und Raureif am Monte Scaletta
Das angekündigte Gewitter kam zwar erst sehr spät aber dafür umso heftiger. Mir blies es beinah das Zelt weg. Und der Donnerschlag folgte unmittelbar auf die Blitze.

Veröffentlicht: 13.09.2025











Nachdem die bitterkalte Nacht mit allen verfügbaren Klamottenschichten ganz gut überstanden war, kam morgens immer der schlimmste Moment bei sowas. Nämlich dann, wenn man aufstehen und aus dem Schlafsack raus muss. Die Sonne versteckt sich zu der Zeit noch hinterm Horizont und bummelt da vor sich hin, während die Temperaturen immer noch hartnäckig am Tiefpunkt verharren. Hat man dann zudem Pech, so wie heute, bläst ein Wind der die gefühlte Temperatur noch weiter in einen Abgrund jenseits des Tiefpunkts drückt. Die Wärme eines frisch gebrühten Instant-Kaffees lindert die Beschwerden etwas, aber man wünscht sich da halt doch nichts sehnlicher als den ersten wärmenden Sonnenstrahl.
Nachdem die Biomaschinerie einigermaßen Betriebstemperatur erreicht hatte und alles zusammengepackt war, erklomm ich die 150 Höhenmeter zum Colle delle Scaletta. Hier wartete nicht nur die Eingangspforte ins Valle Maira auf mich sondern endlich auch die lange herbeigesehnten Sonnenstrahlen. Ab jetzt konnte es nur noch besser werden.
Das Valle Maira hatte sich in den letzten Jahren von einem Geheimtipp zu einem nicht mehr ganz so geheimem Tipp entwickelt. Das Tourenangebot war riesig, und damit ist ja wohl klar dass ich sowas nicht einfach links am Wegesrand liegen lassen kann. Nach den vielen Bikepacking-Etappen sollten jetzt mal wieder ein paar entspannte Tagestouren für etwas Abwechslung sorgen. Also rein ins Vergnügen. Und das begann auch ganz unmittelbar mit der rauschhaften Abfahrt von diesem Pass runter ins Valle Alpino. Für Verlängerung sorgte dann noch der Zwischenaufstieg zum Colle Ciarbonet und einem äußerst knackigen Finale runter bis Saretto. Um 11 Uhr morgens war damit das Trail-Soll des Tages schon mehr als übererfüllt.
Immer noch am oberen Ende des Tals konnte ich anschließend entspannt auf der Fahrstraße runter rollen und mir erstmal anschauen was es da so alles gab. Erwartungsgemäß war das nicht allzu viel. Dünn besiedelte Weiler, halb verlassen und dem allmählichen Verfall preisgegeben. Die Landflucht machte auch vor diesem Tal nicht halt. Doch dann erreichte ich Acceglio, und konnte meinen Augen kaum trauen. Ein Bankomat! Im Middle of Nowhere. Damit hatte ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Meine Bargeldsorgen waren also bis auf weiteres gelöst. Ich rollte weiter und passierte eine weitere Fata Morgana - ein Alimentari der tatsächlich sieben Tage die Woche geöffnet hatte. Das waren ja paradiesische Zustände! Nicht weit davon entfernt, etwas eingegraben in einer Schlucht erwartete mich dann mein Campingplatz. Und das war jetzt endlich mal einer, an dem man sich gerne aufhalten wollte. Eine schöne Wiese, mit Picknicktischen. Ohne Parzellierung und Dauercamper. Dafür mit einer netten Bar und Brötchenservice. Und noch eine weitere angenehme Überraschung erwartete mich - meine Pakete waren da. Schon letzte Woche überkamen mich nämlich starke Zweifel ob ich Nachschub an den essentiellen Lebensmitteln, die ich fürs Bikepacken brauchte - Chinanudeln und Porridge - in den kleinen Alimentaris überhaupt bekommen würde. Also habe ich das Zeugs kurzerhand online bestellt mit Lieferung an diesen Campingplatz. Und die Pakete sind da, mein Nachschubproblem ist rechtzeitig gelöst.
Hungrig war ich natürlich auch, wie sollte es auch anders sein. So nahm ich den Restaurant-Tipp am Campingplatz dankend an, und ließ auch gleich für abends reservieren. Der Haken dabei - 182 Meter. Eigentlich hatte ich explizit gefragt ob man da abends kurz hinradeln kann. Klar doch, sind 3 Kilometer, erst flach und zum Schluss kurz steil hoch, wurde mir gesagt. Als ich es dann im Routenplaner eingab waren‘s 5 Kilometer und eben 182 Höhenmeter dahin. Das Los des Radreisenden halt. Nachdem ich später, nach der Dusche, eine halbe Stunde hochgekeucht war musste ich immerhin gestehen - es hatte sich gelohnt. Mich erwartete ein kleines Gourmet-Restaurant in einem liebevoll hergerichteten Bauernhaus und ein fantastisches Vier-Gänge-Menü. Insbesondere die lokale Pasta mit Pistazienkernen und das Panna Cotta waren absolut vorzüglich. Im Verlauf der nächsten Tage sollte ich noch auf einige weiterer solcher Retreats treffen, gut versteckt in den Bergen mit vorzüglichem Essen und hochpreisiger Unterkunft. Man konnte es sich hier also richtig gut gehen lassen. Tja, nur waren die so gut wie immer für den gemeinen Biobiker zum Abendessen mit einfach zu vielen Bonus-Höhenmetern verbunden. Aber hier hatte das einmal zumindest geklappt. Und zurück, im Dunkeln, mit vollem Bauch und etwas Alkohol im Blut, konnte ich es dann wenigstens ohne lästige Gegenanstiege zügig runterrollen lassen.
Es war also alles bestens im Valle Maira. Mit Ausnahme des Wetterberichts. Der prognostizierte nämlich nach einem weiteren Schönwettertag drei Tage Dauerregen. Das sah mal gar nicht gut aus. Den guten Tag nutzte ich gleich noch für den Monte Tibert. Einer der Klassiker im Tal, und ein Erlebnis epischen Ausmaßes. Erst bis auf 2400 Meter hoch, dann kilometerweit am Kamm oben entlang über den Dingen schwebend und auf einem unendlichen Trail wieder ganz tief ins Tal rein. Dieser Tag war schonmal gut genutzt.
Danach war ich in permanenter Habachtstellung für den Schlechtwettereinbruch. Anstatt ganz hoch auf die Gipfel wollte ich einige der vielen Pfade erkunden, die sich zwischen den Dörfern durch die Wälder schlängeln. So könnte ich bei einsetzendem Regen oder Gewitter relativ schnell ins Tal gelangen. Und es geschah - nichts. Kein einziger Tropfen kam runter. Stattdessen landete ich in von der Außenwelt nahezu abgeschnittenen kleinsten Bergdörfern. Meist lebten da sogar noch einige wenige Unverzagte in mittelalterlich anmutenden, aber liebevoll gepflegten Steinhäusern, umgeben von verwilderten Ruinen und ganz weit weg von allem anderen. Und die Trails dazwischen waren einfach wunderbar. Trailcare ließ natürlich etwas zu wünschen übrig. Ausgewaschene Rinnen, Stein, Geröll und auch mal ein umgefallener Baum gehören da einfach dazu und erfordern auch ein gewisses Mindestmaß an Fahrtechnik. Aber dann konnte man sich da ganz schön im Flow verlieren. So sammelten sich dann doch wieder 2000 Höhen- bzw. Tiefenmeter am Tag an. Und ein fettes Grinsen im Gesicht.
Der Wetterbericht hielt weiter unbeirrt an seiner düsteren Prognose fest und beharrte auf Regen. Also beschloss ich mir mal wieder zwei Tage in einer festen Unterkunft zu gönnen. Das war sogar verhältnismäßig teuer. Aber egal, besser als das im Zelt auszusitzen. Ich nahm ein Apartment, damit ich kochen und mir vor allem mal wieder ein vernünftiges, reichhaltiges Frühstück zubereiten konnte. Nach dem Umzug blieb es weiterhin trocken. Eine so falsche Wetterprognose hatte ich bisher auch noch nicht oft. An beiden Tagen konnte ich Touren unternehmen. Ich genoss es, anschließend einfach nur auf dem Balkon zu liegen, und mein kleines Reich für den Rest des Tages nicht mehr verlassen zu müssen. Der Alimentari für Nachschub war übrigens auch grad um die Ecke.
Im Prinzip war also alles gut. Beinahe zumindest. Denn in den letzten Tagen bemerkte ich beim Pedalieren dass da so ein leichtes Spiel in der Kurbel ist. Da kündigt sich wohl an, dass das Innenlager hin ist. Ein grausiges Deja-Vu überfiel mich. Genau das gleiche Problem, das ich vor fünf Jahren auch hatte. Aber diesmal wehre ich früh(er) den Anfängen. Also Hersteller angefragt wegen genauer Spezifikation des Innenlagers, dann Radwerkstatt in Barcelonnette vorgewarnt dass ich in vier Tagen bei Ihnen auf der Matte stehen werde, und online bei Probikeshop Frankreich das Teil mit Expresspost zur Abholung nach Barcelonnette geschickt. Mal schauen ob das jetzt alles so klappt wie erwartet.
