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Etappe 6 - Rund um Bergen

Veröffentlicht: 11.09.2021

Die Sonne brennt und während Chris seine morgendlichen Schwimmrunden im eiskalten Fjord absolviert, brate ich Eier mit Speck und habe ihn im Blick.

Als wir mit dem Frühstücken fertig sind, machen wir uns entspannt auf den Weg. Es ist 14 Uhr mittags. Eigentlich wollen wir zur Stabkirche von Borgund, das älteste Holzgebäude Europas, aber auch die Westküste reizt uns und es ist schon spät. Also beschließen wir, ins näher gelegene Bergen zu fahren.

Nach einem kurzen Halt in dem kleinen Städtchen Eidfjord (hier legen die großen Kreuzfahrtschiffe an), fahren wir weiter. Die Landschaft ist beeindruckend. Rechts von uns steile Felswände, zerklüftet durch dunkelblaues fließendes Fjordwasser. Leider gehört auch alle paar Kilometer ein dunkler, bedrohlicher Felstunnel dazu. Die mag ich gar nicht, denn sie versperren die Sicht. Chris mag sie auch nicht. Denn sie verengen die Sicht. Und leider ist vor uns auch ein Porsche. Wir fragen uns, wer in dieser Landschaft so einen Sportwagen fährt? Ausnahmsweise erscheinen uns nämlich Geländewagen oder SUV´s recht berechtigt hier. So viel Gelände und überwiegend Schnee. Also nicht jetzt, aber sicher schon bald wieder.

Nach zwei Stunden sind wir in Bergen und anhand der App versuchen wir, einen geeigneten Stellplatz zu finden. Es ist unglaublich. In dieser Stadt scheint es so gut wie keine ausgezeichneten Tagesparkplätze zu geben und auch nur sehr wenige Campingplätze außerhalb. Noch weniger Stellplätze. Wo sollen denn Touristen hin, wenn sie kommen? Es ist ja schließlich alles voll mit Wohnmobilen und wir sind sogar schon außerhalb der Saison.

Nachdem wir zwei sehr gruselige und ungemütliche dürftig errichtete Stellplätze angefahren sind und es sich mal wieder zum Abend neigt, schaut Chris nochmal selbst ins Beifahrerinnen-Handy. Wenn er nach sieht, sieht alles ganz anders aus in der App. Gute Plätze finden sich plötzlich viel leichter. Warum auch immer…

Er findet tatsächlich was, am Hafen. Da könnten wir es noch versuchen, auch wenn es nochmal eine halbe Stunde Fahrt außerhalb ist. Wir wagen es.

Und so stellen wir uns allein und selig mit unserem Camper, der ja alles schon selbst zur Verfügung stellt, was man braucht, an einen malerischen kleinen Bootshafen in einem Vorort von Bergen. Im Abendlicht wandern wir durch den nebenan befindlichen Botanischen Garten, der an die Uni angeschlossen ist. Ich bin selig. So schön, diese Blumen und Bäume, kleine Wäldchen und Steine. Sogar einen See finden wir und auch, total schön- eine Toilette. Und da öffentliche Toiletten hier immer sehr gepflegt und einladend sind, probieren wir sie direkt aus.

Wieder zurück am Hafen entschließen wir uns, das Kochen zu sparen und lieber mit den Rädern zu einem Foodtruck ganz in der Nähe zu radeln. Also nochmal los, nur zehn Minuten Weg. Tadaaaa-der Stand hat geschlossen... Anstatt uns zu ärgern, freuen wir jedoch, dass wir nochmal raus gekommen sind und was von der Umgebung gesehen haben. Kinder werden gerade von ihren Eltern vom Fußballtraining auf dem Sportplatz abgeholt. Irgendwie so eine alltägliche Situation, die man ja auch von zu Hause kennt. Einfach so wie zu Hause hier. Also etwas.

Wieder zurück an der Zimtschnecke, zu der sich zwei weitere Camper gesellt haben, gibt es also Kreativ-Abendbrot: Reis mit Mais (Gruß an Sami!) und Wurstallerlei. Wir freuen uns, es schmeckt. Und wir beobachten, wie ein Papa mit seiner Familie mit dem kleinen Motorboot in den Hafen einkehrt. Es sieht sehr lässig aus, wie sein etwa 12 jähriger Sohn das Boot steuert und nach dem Aussteigen der Eltern und Schwester in den Stellplatz lenkt. So idyllisch wirkt das und wir lächeln dem Papa zu. Er lacht zurück und kommt direkt zu uns. "Habt Ihr Lust auf Fisch?" Er zeigt in den Eimer in seiner Hand. "Klar, immer!" rufe ich und schaue hinein. Vier frische Fische. Chris und ich schauen uns an und wir nicken fröhlich. "Wir nehmen zwei und gib doch die anderen zwei dem belgischen Pärchen hier nebenan."

Ich freue mich total über das unerwartete Geschenk und wir verpacken die zwei Fische direkt gut und fest, sodass sie im Kühlschrank frisch bleiben. Die Freude ist groß über das unerwartete Geschenk und zum Dank bekommt der liebe Papa von den Belgiern eine Flasche Duvel Bier überreicht, das wir mit einer Flasche bayerisches Helles als Handelsgut versuchen zu toppen… Der norwegische Papa schaut skeptisch, bedankt sich aber herzlich.

Kurz darauf verabreden wir uns lose mit den Belgiern (Stefan und seine Partnerin) zum Fischgrillen am nächsten Abend an gleichem Ort und Stelle. Wir versprechen aber nix: Jeder Tag bleibt ungeplant und spontan.

Zum Zähneputzen wandern wir noch einmal hinauf zur schönen Toilette im Botanischen Garten, wie praktisch. Und als wir sie verlassen, wartet schon der riesengroße runde Mond auf uns und scheint uns den Weg durch das Feld zurück zum Hafen, hinein in die gemütlich beleuchtete warme Zimtschnecke.

Am nächsten Morgen zeigt sich, wie gut es klappen kann, wenn man spontan ist- auf dem Weg nach Bergen sieht Chris an einer größeren Bahnstation ein noch größeres Parkhaus. Und daneben einen noch größeren Parkplatz. Warum nicht einfach hier halten und dann mit der Bahn in die Stadt? Gesagt getan.

Sollte es wirklich so einfach sein?

Während wir das Auto gut verschließen, beginnt es plötzlich laut zu piepen. Alaaaarm! Chris wird blass. Was ist das? Es ist unsere Versorgungsanzeige. Und egal auf welchen Knopf wir drücken, sie geht nicht mehr aus. Wie nervig. Und nun? Wie kann das denn sein? Wir überlegen- ist die Batterie vielleicht alle? Oder gar kaputt? So können wir natürlich nicht los. Wir müssen den Vorbesitzer der Zimtschnecke anrufen, soviel ist klar. Keiner kennt das Auto besser als er. Irgendwann hört das Piepen auf und wir ziehen trotzdem los.

In der Bahn müssen wir wieder Masken aufsetzen. Komisch, das ist alles so weit weg schon. Wir haben lange kein Corona und keine Regeln dazu mehr erlebt. Das fällt schon auf. Aber die Augen sind frei und so können wir schön aus dem Fenster schauen. Irgendwie sieht hier alles aus wie in der Schweiz.

Nach einer Dreiviertelstunde kommen wir in Bergen Senter (Center) an und gehen gleich zur nächsten Bahn. Der Bergbahn, die uns nach oben für einen Blick über die Stadt führt: auf den Berg Flöyen. So hat es der ausführlich studierte Reiseführer empfohlen und der diesen ausführlich studierende Reiseleiter im Programm aufgenommen. Wir müssen nicht allzu lang warten und erhalten sogar einen guten Platz in der Bahn. Wer unsere Bergbahn in Dresden kennt, weiß, wie wir uns fühlen, als wir nach oben gleiten, bei gleichzeitiger Sicht ins sich öffnende Tal. Der Blick wird frei und die Stadt tut sich zu unseren Füßen auf. So stehen wir dann auch eine Weile oben am Aussichtspunkt und fotografieren und freuen uns über den stahlblauen wolkenlosen Himmel und die gute Sicht. Dies ist nämlich keineswegs selbstverständlich: An rund 300 Tagen im Jahr regnet es in Bergen.

Natürlich nutze ich die Chance und kaufe noch einen leckeren Kaffee im anliegenden Touristencafé. Das Lachsbrötchen, das Chris sich kauft, darf ich auch essen, es besteht nämlich zu mindestens 51% aus Eiersalat mit Senf.

Als wir genug gesehen haben, gleiten wir mit der Bahn wieder hinab und sind froh- inzwischen ist die Warteschlange an der Bahn nämlich doppelt so lang. Und für Menschen wie uns, die Menschenmengen wirklich gar nicht leiden können, kann so ein Zustand ein eigentlich schönes Erlebnis für uns sehr schnell in einen gefühlten Albtraum verwandeln.

Also weiter, spazieren durch Bergen. Wir wandeln durch die im Hintergrund dann doch nicht mehr so schick sondern eher ärmlich und heruntergekommenen Gassen. Viele alte Holzhäuser, viele Geschäfte mit Leerstand. Ein paar Trödelläden und interessante Graffitis.

Aber was darf in solchen von alternative Szene geprägten Orten nicht fehlen? Ein individuell betriebenes Ökokaffee mit selbstgemachtem Brot, bunten Stühlen und gutem Barrista-kaffee. Da setzen wir uns dann auch gleich hin und Chris freut sich sehr, wie ich meinen Kaffee genieße. Wir kaufen noch ein frisches Sauerteigbrot für den nächsten Morgen und schlendern dann weiter.

Wenn diese Erzählung hier nun einige Spannung vermissen lässt, dann liegt das daran, dass es tatsächlich ein recht langweiliger Tag war in Bergen. Die Stadt ist nicht schlecht, die Aussicht auch sehr schön. Aber irgendwas hat uns gefehlt. Meist ist es das, was auch in einem selbst fehlt, was man selbst dem Moment nicht gibt. Völlig ok, muss es auch geben. Eigentlich sind wir auch völlig unromantisch nur auf der Suche nach einem Rucksack. Ich habe nämlich meinen guten alten Wanderrucksack von Deuter, der mich 15 Jahre lang als junge Bergziege jedes Jahr in die Alpen begleitet hat, zu Hause vergessen. So ein Ärger. Wie so was passieren konnte ist mir schleierhaft. An die Tupperdose ohne Deckel hatte ich ja schließlich auch gedacht. Und wir wollen ja auch wandern gehen, haben sogar unser neues Hilleberg-Zelt dabei.

Gut ist es, dass es in Bergen wirklich viele Sportgeschäfte gibt, die wir gezielt dank der guten Recherche des Reiseleiters, auch alle ablaufen. Blöd ist, dass es nirgendwo den tollen Rucksack gibt, den ich bereits spontan in Göteborg eine Minute vor Ladenschluss gesehen habe und nun um jeden Preis einfach "genau den" haben mag...

Zwischendurch schaue ich immer noch auch mal nach Gummistiefeln, die wollte ich nämlich auch kaufen, "wenn man schon mal im Norden ist." Ich finde auch welche, aber für 200Euro? Während ich überlege, geht Chris schonmal zum nächsten Sportgeschäft.

Nachdem ich immerhin noch frisches Obst in einem kleinen Späti kaufe (das Spektakuläre daran ist, dass dieses Obst wirklich frisch zu sein scheint, also nicht so wie sonst hier jede Weintraube einzeln in Plastik verpackt. Und die Gurken sind noch echt verbogen), beschließen wir, die Stadt zu verlassen. Stattdessen hält unser Zug auf dem Rückweg auch bei einer Shoppingmall und ein Rucksack ist ja das, was uns dieser Tag doch einfach schenken soll.

Wie es sich für echte verkappte Konsumenten gehört, wird dann auch endlich alles besser in diesem großen Outlet. Wir finden innerhalb der uns verbleibenden Stunde ein schickes Kleid im Stil eines Norwegerpullis, Gummistiefel und: KEINEN Rucksack.

Wir sind aber glücklich. Und dann fahren wir zurück zum Auto, das nicht piept und an dem noch alles dran ist und das wir ja doch auch noch lieb haben. Kurzentschlossen fahren wir wieder zurück zum Hafen, das war doch schön dort. Und es lohnt sich auch. Zwar sind Stefan und Partnerin aus Belgien nicht da, dafür aber der liebe Fischerpapa von gestern. Und während ich die zwei Fische vom Vortag zerlege, bekommen wir noch einmal einen von ihm geschenkt. Eine Stunde später und viele, wenn auch nicht alle Fischgräten weniger, sitzen wir gemütlich am Wasser, schauen den Booten zu und essen frisches norwegisches Fischgeschnetzeltes à la Steffi. Eine weitere halbe Stunde später hat Chris schon die Hälfte seiner Portion geschafft- so klein sind die Häppchen, die er ganz sorgsam und vorsichtig verspeist. Naja, bis zum Nächsten Mal lerne ich dann auch noch, wie man Fisch richtig filetiert.

Am nächsten Morgen hören wir ein vertrautes Piepen. Ein neuer Tag mit unserer Zimtschnecke beginnt…

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