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Paraguay: Dörfer Teil 2 (Atyra, Tobati, Caacupe, Villarrica)

Am nächsten Morgen fuhren wir weiter Richtung Atyra. Der Ort gilt als Zentrum für Kunsthandwerk aus Leder. Gefunden haben wir allerdings nur einen kleinen Markt im Paseo Peatonal Indio Jose, der nicht allzu viel hergab. Aber wir fanden hier tatsächlich endlich einen neuen Ledergürtel in Jörgs Grösse, da seiner langsam den Geist aufgab. Der Weg hatte sich also schon allein deswegen gelohnt.
Das Städtchen soll ausserdem als die sauberste Stadt Paraguays gelten, sie war jedenfalls wirklich sauber. Ansonsten ist es ein ruhiger, beschaulicher und sehr grüner Ort, wo es nicht sehr viel zu tun und zu sehen gibt. Wir fuhren kurz bei der Franziskanerkirche mit ihrem massiven Holzaltar vorbei und machten eine kleine Zigarettenpause im hübschen Park. Das örtliche Museum für religiöse Kunst liessen wir aus, genug der religiösen Kunst für uns.


Anschliessend fuhren wir weiter nach Tobati. Der Ort ist bekannt für seine Lehmwerkstätten, in denen Ziegelsteine und Dachziegel hergestellt werden. Die meisten davon liegen genau an der Strasse. Die Bandbreite der Fabriken reicht von einfachster, manueller und mit Pferdekraft unterstützter Produktion bis zu grösseren halbautomatischen fabrikähnlichen Unternehmen. Da es allerdings Sonntag war, wurde nicht gearbeitet und es war dementsprechend nichts los. Aber die alten Ziegelbrennereien gaben wenigsten hübsche Fotomotive ab. Unser Besuch in Tobati warn entsprechend kurz, wir fuhren mehr oder weniger einfach nur durch.


Unser nächster Stopp war in Caacupe, welches „bekannt“ ist wegen seiner Basilica de la Virgen de Caacupe“. Die Kirche ist besonders wegen ihrer Grösse, die irgendwie nicht so ganz in das kleine Kaff passt, ziemlich beeindruckend, vom „Design“ her haben wir allerdings schon schönere Kirchen gesehen. Trotzdem scheint dies eines der touristischen Highlights von Paraguay zu sein, jedenfalls trafen wir hier auf jede Menge einheimischer Touristen und sogar einen deutschen. Man musste hier sogar ein Parkticket von einem netten, alten Herren im Park kaufen, wohingegen man seine Karre im übrigen Paraguay ja einfach dort abstellt, wo es gerade etwas Platz hat.
Für Katholiken ist die Jungfrau Maria besonders wichtig, eine 60cm grosse, prächtig gekleidete Statue auf einem überlebensgrossen pyramidenförmigen Sockel aus Stein, der mit zahlreichen Handabdrücken verziert war. Und tatsächlich stellten sich die Gläubigen an, um den Sockel zu berühren und ein Gebet zu sprechen. Die Kuppel der Kirche kann man besteigen und hat innen einen schönen Blick auf das innere der Kirche und aussen auf das Städtchen Caacupe. Im Treppenhaus sind die Wände bemalt und erzählen die Legende der Virgen, die von einem zum Christentum bekehrten Guarani-Indianers angefertigt worden war und erst nach langer Odysee ihren Platz in Caacupe fand. Als interessante Info am Rande ist zu erwähnen, dass die Guarani die ursprüngliche Bevölkerung in der Gegend von Paraguay bildeten. Tatsächlich sprechen 95% der Paraguayer noch immer die Sprache Guarani. Die Guarani-Indianer fanden sich auch im heutigen Bolivien und Uruguay, wobei die Sprache dort kaum noch vertreten ist.
Jörg findet es ja generell witzig, in Kirchen irgendwelche übertriebenen „Predigerposen“ nachzuahmen, und rechtfertigt dieses Recht mit den hohen Kirchensteuern, die er an die Katholische Kirche zahlt. Als er allerdings auf dem Balkon der Kuppel mal wieder seine Arme in die Höhe schwang, und so tat als wäre er der Prophet persönlich, fanden das wohl die anderen Kirchenbesucher, die ihn natürlich von unten her wunderbar sehen konnten, nicht ganz so lustig.
Mir gefielen besonders die hübschen Buntglasfenster in der Basilica.


Anschliessend fuhren wir weiter, es kam eine längere Etappe nach Villarica. Solche Road-Trips, vor allem in solchen Ländern, bieten ja immer mal wieder spassige Anekdoten. Genaugenommen kann ich gar nicht mehr zählen, wie oft ich auf dieser Reise meinen Führerschein schon hätte abgeben müssen, wenn es nach CH-Gesetz gegangen wäre.
Von Paraguay ist mir am meisten in Erinnerung blieben, als wir mal wieder aus einem Dörfchen herausfuhren und uns plötzlich mit Tempo 30 in einer scheinbar endlosen Auto-Kolonne wiederfanden. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir begriffen, dass es sich beim „Verursacher“ der ganzen Misere um einen Leichenwagen handelte, gefolgt von der Trauergesellschaft in ihren Autos mit Pannenblinkern. Es herrschte allerdings viel Gegenverkehr, so dass es schwierig war, an den vielen Autos vorbeizukommen. So fuhren wir eine ganze Weile in einer langen Schlange dahin, bis es den anderen Paraguayern langsam anfing, zu blöd zu werden. Einer nach dem anderen scherte nach rechts aus und überholte auf dem Pannenstreifen. Irgendwann, frei nach dem Motto „in Rom mach es wie die Römer“, tat ich einfach dasselbe. Ich wartete, bis sich eine Lücke auftat, fuhr auf den Pannenstreifen raus und überholte die Trauergesellschaft. Beziehungsweise einen Teil davon. Denn plötzlich kam eine Brücke und der Pannenstreifen war zu Ende. Blöd. Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr, was ich mir genau dabei gedacht habe, als ich einfach meinen Vordermännern folgte, die sich einfach wieder nach links genau zwischen den Leichenwagen und das darauf folgende Auto drängelten, dann nach links auf die Gegenfahrbahn fuhren, den Gegenverkehr zur Seite drängten und auf dem Mittelstreifen zwischen dem Gegenverkehr und dem Leichenwagen denselben überholten. Bevor mir richtig klar war, was ich gerade getan hatte, war die ganze Sache schon vorbei und mein Puls ziemlich gestiegen. Nein, meinen Führerschein hätte ich nach einer solchen Aktion in der Schweiz definitiv nicht mehr.


Abends kamen wir dann in Villarica an, und fuhren zu unserer Unterkunft, die einem alten, dickbäuchigem Herrn gehörte, der ständig draussen auf der Veranda sass, und seinen Terere schlürfte. Die Auffahrt auf den Platz war so steil und so eng, dass ich es, müde wie ich nach der langen Fahrt war, nicht mehr schaffte, den Hyundai durch das Eingangstor zu manövrieren, so dass Jörg das ausnahmsweise übernehmen musste. Der Typ wird sich wohl, gemäss seinem belustigten Gesichtsausdruck, als wir die Plätze tauschten, das Übliche gedacht haben: jaja, die Weiber, können halt nicht einparken. Aber das war mir egal, lieber das, als einen Schaden am Auto.


Nachdem wir das Gepäck ausgeladen hatten, spazierten wir noch ein wenig durch den Ort. Wir hatten gelesen, dass man hier Kutschfahrten mit Pferdetaxis unternehmen kann, aber wir trafen auf keine solchen. Wir kamen am Markt vorbei, wo es lastwagenweise Wassermelonen und sonstige Früchte und Gemüse zu kaufen gab. Nachdem es endlich aufgehört hatte, in Strömen zu regnen, setzten wir uns noch ein wenig in den Parque Manuel Ortiz Guerrero, wo es einen grossen Teich gab und auch 3 Capybaras lebten. Einfach zuckersüss. Gerade als wir über die kleine Brücke gehen wollten, kamen sie uns entgegen und trabten an uns vorbei. Auch ein kleines Kätzchen sass dort auf der Treppe und es war unmöglich auszumachen, wer sich ob dieser Begegnung mehr erschreckte: die Katze, die sofort einen Meter hoch aufsprang, oder die Capybaras, als sie von der Katze laut angefaucht wurden. Für alle Menschen rundherum war die ganze Sache jedenfalls ziemlich lustig anzusehen.

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