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Paraguay: Dörfer Teil 1 (San Bernardino, Luque, Aregua, Itaugua)

Von Filadelfia fuhren wir erst mal nach San Bernardino, und suchten uns dort eine Unterkunft. San Bernardino liegt am Lago Ypacarai und gilt als der bevorzugte Erholungsort der wohlhabenden Bürger von Paraguay. Das hatte nichts anderes zu bedeuten, als dass unser hiesiges Hotel noch teurer und noch mieser war, als alle vorherigen. Mit dem jungen „Hausherren“ hatten wir es eigentlich gut, hatten mit ihm auch einen netten Abend im Garten bei interessanten Gesprächen verbracht. Wie sich herausstellte war er der Sohn der Besitzerfamilie und dieser Familie schien es wirklich gut zu gehen, immerhin hatten sie neben diesem Hotel noch ein weiteres in Asuncion und der Sohnemann nahm Flugstunden auf dem nahegelegenen Flughafen und machte auch allgemein einen eher verwöhnten Eindruck, prahlte mit teuren Autos und so. Trotzdem bekamen wir zufällig ein Gespräch der Familie mit, bei dem sich die Eltern beschwerten, dass wir viel zu wenig für das Zimmer bezahlen würden, da wir im Internet ein Last-Minute-Sonderangebot gefunden hatten. Fairerweise hatten wir das Zimmer nicht mal im Internet gebucht, sondern bei Ankunft denselben Preis ausgehandelt, ansonsten hätten sie ja noch 15% an die Buchungsplattform zahlen müssen. In Anbetracht der Tatsache, dass wir zu diesem Zeitpunkt die einzigen Gäste im Hotel waren und dass unser Zimmer bzw. Bruchbude mal wieder sämtliche Preis-Leistungs-Anforderungen bei weitem unterbot, war das schon eine ganz schöne Frechheit. Noch frecher fanden wir, dass das Frühstück am zweiten Tag dann nur noch halb so gross ausfiel wie am ersten Tag (sprich nur noch 1 Brötchen und eine Scheibe Schinken pro Person), ausserdem liess sich unsere Zimmertür nicht abschliessen, das Internet ging nicht, und als wir auscheckten, hiess es plötzlich, das Kreditkartenterminal funktioniere nicht, obwohl wir schon vor Buchung explizit gefragt hatten, ob Kartenzahlung möglich sei. Das war nun definitiv zuviel des Guten und wir beschwerten uns und verlangten, dass wir einen Preisnachlass in der Höhe der Bankgebühren für einen Bargeldbezug erhalten würden. Als Antwort bekamen wir zu hören: Warum seid ihr denn überhaupt 2 Nächte geblieben wenn es euch nicht passt? Na, vielen Dank. Tatsächlich hätten wir auf dem Rückweg ein paar Tage später nochmals ein Hotel in der Gegend gebraucht, haben dann aber einen Umweg in Kauf genommen, um in ein anderes Hotel zu gehen. Lieber hätte ich im Chiquitito-Mobil geschlafen, als nochmals dorthin zurück zu gehen.


In San Bernardino gibt es ansonsten nichts zu sehen. Im Ort gibt es lediglich teure Hotels und Restaurants.


Von San Bernardino aus fuhren wir zu einigen Dörfern in der Umgebung.


Als wir uns in der Touristeninformation in Asuncion über die Sehenswürdigkeiten im Land informiert hatten, hatten wir dort einen Verkaufsstand gesehen, der Filigranschmuck aus Silber anbot. Wir erkundigten uns danach und erfuhren, dass dieser Schmuck in Luque hergestellt wird. Interessehalber und weil wir dachten, dass das ein hübsches Weihnachtsgeschenk für die Frauen in der Familie abgeben würde, fuhren wir also dorthin. Jörg hatte auf seinem geliebten MapsMe-App einen Schmuckladen gefunden, der „Don mateo“ hiess. In Ermangelung von offiziellen Parkplätzen parkierten wir unseren Hyundai einfach entlang der vielbefahrenen Hauptstrasse, so wie das offenbar hier üblich ist, und machten uns auf die Suche nach dem Laden von Don mateo. Den gab es aber irgendwie nicht. Also fragten wir einen Herrn an der Strasse, ob er wisse, wo wir Don mateo finden würden. Tatsächlich kannte er ihn, ging ein paar Schritte mit uns und klingelte dann an einer Haustür. Wenige Augenblicke später wurde die Türe geöffnet, Don mateo begrüsste uns und lud uns ein, einzutreten. Und so fanden wir uns in seinem Haus wieder, die Ehefrau begrüsste uns in der Küche, der Sohnemann grunzte nur ein kurzes Hola, während er mit hochgezogenem T-Shirt auf dem Schaukelstuhl vor dem Fernseher gammelte.
Mateo, der natürlich ein gutes Geschäft witterte, kam sogleich mit riesigen Reisetaschen in die Küche und breitete Unmengen an Schmuck vor uns auf dem Küchentisch aus.

Als wir uns über die Herstellung der Schuckstücke erkundigten, führte er uns in die offene Waschküche, die auch als Werkstatt dient und gab uns eine 1,5-stündige Einführung in sein Handwerk. Und das war wirklich wahnsinnig interessant. Filigranschmuck wird aus feinen Silberdrähten hergestellt. Ich hatte mir gedacht, dass mateo die Drähte einkauft, um die Stücke herzustellen, aber da täuschte ich mich. mateo zeigte uns das Rohmaterial, also das Silber welches er beschafft, unter anderem aus der Silbermine in Potosi. Einfache Silberkügelchen, 98% Reinheitsgehalt. Er wägte eine kleine Menge Silber ab und gab ein klein wenig Kupfer dazu. Aus 30g Silber und 1g Kupfer kann er ungefähr 100m Draht herstellen. Anschliessend erhitzte er das Silber mit einem Bunsenbrenner, bis es flüssig war, und goss es in eine Holzform ab. So erhielt er einen kleinen rechteckigen Silberbarren. Anschliessend presste er den Barren unzählige Male durch eine handbetriebene Walze, um den Querschnitt zu verkleinern und so einen Draht herzustellen. Als der Draht zu klein für die Walze geworden war, ging es mit einer Zugmatrize mit Diamantbeschichtung weiter. Von Hand zog er den Silberdraht immer wieder durch die Zugvorrichtung. Natürlich gab er uns nur eine kurze Demonstration des ganzen Prozesses, und sogar wir selben durften Hand anlegen und ein bisschen Walzen und Ziehen. In Wirklichkeit muss der das Silber unzählige Male durch die verschieden grossen Matrizen ziehen, bis der Draht immer dünner und immer länger wird und irgendwann den gewünschten Durchmesser erreicht. Alles in mühsamer Handarbeit.
Aus dickerem Draht stellt er anschliessend die Kontur des gewünschten Schmuckstückes her. Den dünneren Draht dreht er mit einer geübten Handbewegung mittels einer Art Schraubenzieher auf und drückt ihn in die Aussenform. So entsteht der wunderschöne Filigranstil.

Von einem geschmolzenen Silberbarren stellte er anschliessend mit einer Feile Silberstaub her. Diesen mischte er mit Borax. Die entstehende Masse dient als Schweissmaterial, welches er auf das noch lose Schmuckstück auf und erhitzte dies anschliessend mit dem Gasbrenner, um die Silberdrähte zu fixieren. Das fertig geschweisste Schmuckstück legte er in eine Lösung aus Wasser und Chemikalien, die er ebenfalls mit dem Gasbrenner etwas erhitzte, um die Borax-Reste zu entfernen. Nachdem er das Schmuckstück mit Wasser abgespült hat, legt er es in eine Art Plastikdose, die mit Metallkügelchen gefüllt ist, und schüttelt diese, um das Silberstück zu polieren.

Und schwups....fertig ist das Filigranschmuckstück aus Silber. Die verschiedenen Designs stellt er jeweils in Serien zu 100 Stück aufs Mal her, um die Arbeit zu beschleunigen. Für eine solche Hunderterserie braucht er je nach Komplexität des Designs bis zu 10 Tage.

Don Mateo erzählt uns, dass er bereits über 54 Jahre Erfahrung in der Herstellung dieses Schmuckes hat. Mit 10 Jahren hatte er das Handwerk vom Nachbarn der Familie gelernt. Mittlerweile hat er sein Wissen an seinen Sohn weitergeben (der übrigens nach wie vor seinen Bauch im Schaukelstuhl vor dem Fernseher an die Luft streckt und überhaupt keinen motivierten Eindruck macht). Heutzutage beherrschen ungefähr 40 Personen in Luque dieses Handwerk.

Wir waren wahnsinnig beeindruckt von dieser Kunstfertigkeit und insbesondere auch von der Tatsache, dass es sich hier wirklich um 100% Handarbeit handelt. Gerne kauften wir Don Mateo einige Stücke ab, die sich sehr schön als Weihnachtsgeschenke für Freunde und Familie eigneten.

Beim Abschied gab uns Don Mateo noch seine Karte mit und meinte, er könne seine Stücke auch nach Europa senden, falls wir dort ein Geschäft aufmachen wollten. Mal sehen. :-)


Nach dem Besuch in Luque fuhren wir weiter nach Aregua, welches auf der gegenüberliegenden Seite vom Lago Ypacarai liegt, und bekannt ist für seine Keramik. Tatsächlich befinden sich schon am Ortseingang entlang der Hauptstrasse die ersten Verkaufsstände. Im Dorfzentrum gibt es einen hübschen Markt, wo man alles erdenkliche aus Keramik käuflich erwerben kann. Ein lebensgrosser Keramik-Schwan gefällig? Oder eine monströse Christus-Statue für in den Garten? Und da gerade Vorweihnachtszeit war, gab es natürlich auch Krippen in allen erdenklichen Grössen, von Miniatur bis beinahe lebensgross. Wunderschöne Blumentöpfe, die bei uns ein Vermögen kosten würden, kann man hier für ein paar Franken erstehen. Leider passen sie einfach nicht so gut ins Gepäck. Trotzdem konnten wir nicht widerstehen und liessen uns dazu verleiten, 2 coole Keramikpapageien zu kaufen. Wir würden noch wochenlang über diese vollkommen bescheuerte Idee fluchen, nämlich jedes Mal wenn wir die riesigen und natürlich zerbrechlichen Dinger im Bus stundenlang mittransportieren müssen.
Da es wirklich unerträglich heiss war, machten wir in Aregua keinen Schritt zu Fuss. Das Auto hatten wir in typisch paraguayanischer Art direkt auf der Strasse neben dem Markt parkiert. Und so luden wir unsere Papageien ein und fuhren zur Dorfkirche Areguas, die auf einem Hügel thront. Die Aussicht von der Kirche sollte auch ganz hübsch sein, war aber nichts besonderes.
Das Dörfchen Aregua mit seinen Kolonialhäusern und kopfsteingepflasterten Gassen ist ansonsten wirklich sehr nett.

Abschliessend fuhren wir noch zum Lido am Seeufer, einer Anlage mit Picknicktischen, Sonnenschirmen, Sanitärenanlagen, einem Badestrand und Essens- und Getränkeständen. Es war nicht viel los, nur wenige Leute waren vor Ort, und die netten Herren am Eingang haben uns sogar den Eintrittspreis erlassen. Hier tranken wir auch zum allerersten Mal selber Terere, den wir an einem Stand kauften und er schmeckte uns wirklich, obwohl der kalte Tee etwas bitter ist. Wir kamen noch mit der Dame am Klohäuschen ins Gespräch und sofort holte sie voller Freude ihren erst kürzlich angeschafften zahmen Papagei aus dem Käfig uns setzte ihn mir auf die Hand. Das putzige Kerlchen begrüsste mich mit einem gekrächzten „Hola“.


Anschliessend fuhren wir noch nach Itaugua, welches als Zentrum für die Herstellung von Nanduti gilt, und wo man angeblich auch Werkstätten besuchen könnte. Nanduti ist eine art Spitze, welche aus feinen Fäden gefertigt wird und in der Technik einem Spinnennetz ähnelt. Leider haben wir aber keine solchen Werkstätten gefunden, nur einige Läden die Platzdeckchen aus Nanduti anboten, die uns auf Nachfrage von Einheimischen empfohlen wurden. An Platzdeckchen haben wir keinen Bedarf, nie gehabt und werden wir auch in Zukunft nicht haben.
Auch ansonsten ist das Kaff Itaugua ziemlich trist und nicht besonders sehenswert. Wir schauten bei der Kirche vorbei und hingen ein wenig im Park herum, bevor wir weiterfuhren.


Abends fuhren wir zurück nach San Bernardino und verbrachten den Abend am Ufer des Sees und schauten uns den Sonnenuntergang an. Wir hatten im Internet gelesen, dass das Wasser wohl so dreckig ist, dass man besser nicht im See baden sollte. Taten wir dann auch nicht.



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