Travelotta

Mein schonungslos ehrliches, unzensiertes Reisetagebuch. Lesen auf eigene Gefahr.

Chillán #2, Pucón und Huerquehue

Freitag, 07.02.2020

Eine Busfahrt, die ist lustig, eine Busfahrt, die ist schön… Viele Chilenen beschweren sich über das Busfahren hier, aber ich finde es voll in Ordnung. Also ging es heute mit dem Bus über Talca zurück nach Chillán, wo Juan's Mama mich abgeholt hat. Wir waren noch zusammen einkaufen, danach bin ich ein bisschen durch die Nachbarschaft spaziert wegen Bewegungsdrang. Es ist sehr amerikanisch, eine breite, gerade Straße mit ähnlichen Häusern an der Seite aufgereiht. Am Ende der Straße ist ein Spielplatz und eine Wiese mit Kühen und Pferden. Juan's Mama meinte, sie war noch nie am Ende ihrer Nachbarschaft. Das sind 5 Minuten zu Fuß…

Am Abend habe ich mich mit Camilo zum Kochen verabredet, der erste vegetarische Chilene, den ich getroffen habe. Wir haben Quinoa mit Pilzen und Guacamole gemacht und ich durfte verschiedene Biere aus seiner eigenen Brauerei verkosten. Zwei davon waren mit Trauben, sehr spannend und köstlich. Er kompostiert, kauft Sauerteigbrot und hat diverse Social Entrepreneurship Projekte am laufen. Sehr beeindruckend und inspirierend. Außerdem hat er mit 29 Jahren bereits eine 13-jährige Tochter, die bei ihm lebt, und ein eigenes Haus. Man sagt ja, "if you're the smartest person in the room, leave the room." Hier war ich aber sehr gut aufgehoben und kann mir noch einige Scheiben abschneiden von Camilo.

Samstag, 08.02.2020

Endlich ging es wieder in die Berge! Mit Cristian und seiner Freundin Consuelo, die ich auf der ersten Geburtstagsfeier in Chillán kennengelernt habe, bin ich nach Las Trancas gefahren und wir sind zur Laguna de Huemul hochgewandert. Die beiden sind Zahnärzte und haben sich vor kurzem ein schickes, kleines Haus in Chillán gekauft. Der Weg war unfassbar vielseitig - ein Stück grüner, frischer Wald, einiges an schwarzem Vulkangestein, und in der zweiten Hälfte ein steiler, staubiger Anstieg. Die Sonne knallte auf uns herunter bei knapp 40°C, am meisten hat Cristian's Hund Aiko darunter gelitten. Der Weg war ziemlich anstrengend wegen der Hitze, aber nach ein paar Stunden haben wir es geschafft und sind zur Belohnung kurz in die Lagune gesprungen, um uns abzukühlen. Auf dem Rückweg waren wir alle ziemlich müde, aber Aiko musste wegen seinen kurzen Beinen über die steilen Stellen getragen werden. Am Ende haben wir uns kühle Getränke und eine geteilte Pizza gegönnt, um uns wieder zu stärken.

Zurück in Chillán war bei Juan leider niemand zuhause, also haben die beiden mich kurzerhand zu sich mitgenommen. Da hier alle Menschen, die ich treffe, unbeschreiblich gutherzig sind, dürfte ich dort duschen, habe frische Klamotten bekommen und bin bis spät in die Nacht geblieben, als noch zwei Freunde vorbeikamen.

Gegen Mitternacht war Juan kurz da und ich bin zurück zum Haus, um mich umzuziehen, dann wieder zurück zu den anderen. Etwas später sind wir in die Stadt gefahren und waren in zwei Clubs/Bars, um etwas zu tanzen und zu trinken. Juan und ein paar Freunde sind auch noch dazugestoßen und so wurde es später, und später, und später. Ich weiß theoretisch, dass die Chilenen gerne bis in die Morgenstunden feiern, aber ich musste es eben auch mal erleben.

Gegen 5 Uhr in der Früh sind wir zurück zu Cristian's Haus gefahren und ein paar Leute waren im Pool. Ich war recht müde, wollte aber irgendwie sehen, was noch so passiert. Im Endeffekt ist nicht viel passiert - ein bisschen trinken, quatschen, tanzen - und plötzlich war es hell. Um 8 Uhr sind wir zu Juan nach Hause gegangen und haben noch ein paar Stunden geschlafen. Es war eine schöne Erfahrung, aber ich glaube, nächstes Mal geh ich trotzdem früher ins Bett.

Sonntag, 09.02.2020

Mittags brachen wir gemeinsam auf - Juan's Familie fuhr zu seinem Opa und hat mich auf dem Weg am Busbahnhof abgesetzt. Dort habe ich ein Ticket für den nächsten (und einzigen) Bus nach Pucón gekauft und mich danach in den Supermarkt nebenan gesetzt, da der Bus erst 2,5 Stunden später abfuhr. Dort gab es Essen, WLAN und eine Sitzgelegenheit für mich.

Die Busfahrt war gemütlich und als ich um halb elf abends ankam, wurde ich von meinem neuen Host Edwin (Wino) vom Busbahnhof abgeholt. Wino ist Guide für so ziemlich alles und lebt schon immer hier in Pucón. Fast jeden Tag führt er Touristen den schwierigen Weg zum Vulkan Villarica hinauf, und danach kümmert er sich noch um seine Hühner, Bienen, den Garten und geht noch eine Runde laufen. Er nimmt nämlich auch Teil an Trailrunning und Ironman Rennen.

Bevor wir zu ihm nach Hause gefahren sind hat er allerdings noch drei Franzosen, die in seiner Tourismusagentur ein Praktikum machen, in die Berge gefahren, damit sie eine mehrtägige Wanderung mit Camping dort starten können. So habe ich auch gleich die Umgebung ein bisschen gesehen, auch wenn ich langsam müde wurde. Alles ist wunderschön grün und frisch, mit vielen Bergen, Flüssen, Seen und Vulkanen drumherum. Der Vollmond stand hell über der Kulisse und beleuchtete den Franzosen den Zeltplatz. In Wino's Hütte angekommen ging es dann recht schnell ins Bett.

Montag, 10.02.2020

Wino ist um 05:30 Uhr bereits aufgebrochen, um Touristen den Vulkan hinaufzuführen. Ich nutze den Tag, um mir Pucón anzusehen und Pläne für die nächsten Tage zu schmieden. Aber zuerst schaue ich mich auf dem Grundstück um und bin ein bisschen verliebt. Sehr nah am Ortszentrum, direkt an der Hauptstraße, liegt hinter einem Zaun eine kleine, grüne Oase, mit Obstbäumen, Hühnern, zwei Bienenstöcken und einer (vermutlich selbstgebauten) Hütte. Es sind noch zwei weitere Einheiten auf dem Grundstück, die vermietet sind. Unsere Hütte ist auch fast ein Tiny House. Im Erdgeschoss ist ein großer Raum mit kleiner Kochnische, einem schönen Holztisch und einer Sofaecke. Außerdem ist hier das kleine aber feine Bad. Eine kurze Treppe führt in das Obergeschoss, wo Wino sein Bett hat und um die Kurve, durch einen Schrank abgetrennt, steht noch ein Einzelbett, wo ich schlafe. Da Wino etwas kleiner ist als ich ist alles sehr niedrig und ich muss immer schauen, dass ich mir den Kopf nicht anhaue. Aber es ist super gemütlich, schlicht und süß, mit viel Holz und wenig Schnickschnack.

Gegen Mittag gehe ich in den Ort Pucón und laufe einfach etwas planlos die Hauptstraße entlang. Es ist sehr touristisch hier mit einem großen Angebot an europäischer Küche und Reiseveranstaltern. Es gibt sogar einen verpackungsfreien Laden. Entsprechend ist es ziemlich gut besucht, überall Touristen. Am Ende der Hauptstraße mache ich eine kleine Pause am Hafen, mit einem schönen Blick auf den Lago Villarica, und nehme mir die Zeit für eine Meditation. Tief entspannt geht es weiter zur nächsten Bucht, in der sich ein langer Strand mit schwarzem Sand befindet. Es sieht nett aus, ist mir aber viel zu überfüllt, und so drehe ich nach kurzer Zeit wieder um und setze mich stattdessen mit einem Mote con Huesillo in den Park. Auf dem Rückweg geht's noch in den Supermarkt und die Frutería, damit ich die nächsten Tage nicht hungern muss.

Zurück in der Hütte koche ich mir Quinoa mit Gemüse und mache mal wieder Hummus. Wino kommt am Nachmittag von der Vulkantour zurück und wir machen beide erstmal eine Siesta. Danach wird über die Pläne für die nächsten Tage fachgesimpelt und wir gehen noch eine kurze Runde Joggen. Haben den Sonnenuntergang am Strand zwar knapp verpasst, aber die Aussicht ist trotzdem der Hammer.

Dienstag, 11.02.2020

Heute geht es in den Nationalpark Huerquehue zum Wandern. Durch meine Trödelei am Morgen hätte ich fast den Bus verpasst, aber die Chilenen nehmen es zum Glück nicht übermäßig ernst mit der Pünktlichkeit. Am Eingang heißt es erstmal Schlange stehen und blechen, zwei Dinge, die ich nicht so gerne tue. Aber es soll wunderschön sein, also rein da.

Der Weg nach oben ist durchgehend ziemlich steil und anstrengend und verläuft ca. die erste Hälfte im Wald. Es ist zwar ziemlich warm, riecht aber frisch und ist schattig. Die Bäume und Blumen sind definitiv exotischer als in unseren Wäldern, obwohl es nicht so viel wärmer ist als bei uns. Das letzte Stück Wald ist lichter und noch steiler, sodass man die Hände nutzen muss. Als ich endlich aus dem Wald herauskomme, wird es noch mehr Kletterei, diesmal über große Steine. Ich schwitze und schwitze, aber wenige Hundert Meter entfernt liegt noch ein bisschen Schnee. Erst jetzt sehe ich die Umgebung, und es ist atemberaubend. Je weiter ich gehe, desto mehr gibt es zu sehen. Drei schneebedeckte Vulkane tun sich auf sowie diverse Seen und Lagunen in verschiedenen Blau- und Grüntönen. Als ich mich für eine Mittagspause in den Schatten eines Steins setze, merke ich langsam die kalte Luft und komme wieder auf Normaltemperatur. Ich liebe die Kraxelei auf dem Grat entlang, auch wenn es weiterhin recht anstrengend ist. Der Weg ist gut belaufen, aber nicht übertrieben voll.

Den Rückweg schaffe ich wesentlich schneller, da man bergab wieder gut die Schwerkraft für sich nutzen kann, aber am Ende merke ich meine Beine und Knie ein bisschen. Unten angekommen habe ich noch etwas Zeit, bis der Bus kommt, also sprinte ich noch zum Seezugang und springe rein, für eine schnelle Abkühlung und um den gröbsten Dreck schon mal abzuspülen.

Zuhause bin ich erstmal ein bisschen müde, habe dann aber doch noch etwas Abenteuerlust. Und da ich Pucón morgen vorerst wieder verlasse, teste ich mal die Hangout Funktion von Couchsurfing und werde direkt fündig. Cristián aus Temuco ist gerade in der Gegend zum Urlaub machen und will mit mir ein Bierchen trinken gehen (oder ähnliches, hangout eben). Wir spazieren zusammen durch die ziemlich belebte Stadt und suchen eine ruhige, authentische Bar mit Innenhof aus. Ich habe mir einen sehr leckeren Pisco Sour gegönnt, aber eine abgewandelte Version mit Avocado. Köstlich! Und ein paar Papas Bravas haben wir noch geteilt. Cristián ist Psychologe und arbeitet in einem Krankenhaus sowie mit Sportlern und als persönlicher Coach auch selbstständig. Wir können uns super entspannt über alles mögliche unterhalten und haben einfach einen angenehmen Abend. Danach sind wir beide recht müde und jeder geht wieder seines Weges. Alles in allem ein äußerst erfolgreicher Tag

#chile#pucón#nationalpark#wandern#party#laguna#vulkan

Kommentare

Alfred
Liebe Lena, ... beneidenswert, wo Du die ganze Energie her nimmst! Und dass Du so viele nette Menschen kennen lernst... weiterhin alles Gute auf Deiner "Ich-möchte-das-Leben-von-vielen-Seiten-kennen-lernen-Reise" Al

Dinge, die du vor Ort erleben kannst: