13.Kapitel: Mit den Rehen im Himmel
Heute konnte ich nun endlich nach Nara fahren, einer kleinen alten Stadt 40 Minuten südlich von Kyoto, die im 8.Jahrhundert einmal die Hauptstadt von Japan war. Als ich zum ersten...


Veröffentlicht: 14.11.2025




























Ich habe die frühen Morgen wiederentdeckt. Immer auf Reisen streife ich durch die Städte und Orte im Morgengrauen wenn sie erwachen. Alles ist leer und friedlich, die Straßenkehrer fegen die Blätter zusammen, der Zeitungbote verteilt die Tageszeitungen, Eltern bringen bringen ein Kind zur Schule oder zum Kindergarten, alle Geschäfte sind noch geschlossen, das Licht ist besonders und nur einzelne Radfahrer eilen irgendwohin. Im Park sitzen schon vereinzelt Menschen auf Bänken und begrüßen in Ruhe den Tag gemeinsam mit den ersten Rehen, die schon heruntergekommen sind.
Ich habe beschlossen, heute auf den Berg zu steigen, auf dem die Tiere ihre Abende und Nächte verbringen. Das untere Drittel ist ganz mit Gras bedeckt, völlig kahl, weil alles bis fast auf den Boden abgefressen ist. Darüber sieht man eine Berglage mit leuchtenden Farben, ich nehme an sehr junge Kirschbäume, die jetzt rot und gelb geworden sind, und darüber die Bergspitze, dicht bewaldet bis oben, in sattem Grün.
Also los. Es geht steil bergan, viele Treppenstufen. Und es ist immer dasselbe: Wenn ich losgehe, denke ich: „Na klar schaffe ich das!“ voller Unternehmungslust. Auf halber Höhe dann: „ Bin ich denn völlig vom wilden Affen gebissen? Das ist doch ganz und gar meschugge! Ich kann nicht mehr!“
Aber da will man ja schon nicht mehr aufgeben, weil man schon so weit gekommen ist. Schweißgetränkte Wanderer kommen einem entgegen und äußern ermunternde Worte, also weiter, immer bis 10 zählen und dann kurz stehen bleiben und Luft schöpfen: Ein Hut, ein Stock ein Regenschirm! Kennt das außer mir noch jemand von früher?
Rehe sind nur wenige hier oben unterwegs, denn die sind ja jetzt im Tal und warten auf ihr Frühstück und Mittagessen. Aber als ich schließlich tatsächlich auf dem Gipfel ankomme stehen da einige am Abgrund als Scherenschnitt. Die Ausblicke sind die ganze Zeit atemberaubend. Ganz Nara liegt einem zu Füßen und der Rundblick ganz oben 330m über dem Flachland weitet sich über unendliche Berglandschaften in allen Farben bis zum Horizont. Es hat sich also gelohnt.
Der Abstieg gestaltet sich dann leichter durch dichte Wälder, in denen Rehe sich gut getarnt zwischen den Bäumen niedergelassen haben und wiederkäuen. Schon am Eingang haben sie mich eindringlich gewarnt, dass im Januar und August dieses Jahres in der Nähe des Berggipfels Bären gesichtet wurden. Aber jetzt ist ja schon November und ich knistere vorsichtshalber immer mal mit meiner Plastikwasserflasche und der Chips-Tüte, die ich mir zur Stärkung geleistet habe,
Unten angekommen gibt es heute zur Belohnung Sushi und Tempura mit einer bebilderten Anleitung, wie man das zu essen hat. Die Sushi-Spezialitäten von Nara sind in Persimon- oder Bambusblätter eingewickelt, und man muss sie auspacken (Ich hätte garantiert mit großem Appetit da reingebissen, wenn man mir das nicht erklärt hätte!). Oben drauf liegt dann eine Scheibe rohe Makrele oder Lachs, die durch die Blätter haltbar gemacht und fein gewürzt werden, und der Reis ist so gut mit Essig und Gewürzen getränkt, dass man diese Kakinoha-Sushis nicht auch noch in Sojasauce tunkt.
Das hiesige Tempura besteht aus Riesengarnelen und verschiedenen Gemüsen, die in Teig ausgebacken werden, alles wie immer außerordentlich schmackhaft und wunderschön anzusehen.
Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf zur Erholung suche ich dann noch das Nachbarschafts-Sento in der Nähe meines Hostels, und das ist eine echte Entdeckung! Ganz klein und bestimmt seit den 50er Jahren weder renoviert noch modernisiert, alte Kacheln in rosa und hellblau, keramische Wandbilder, drei Becken, vielleicht vier Badewannen groß, das eine mit braunem Thermalwasser, das nächste sprudelnd und das dritte einfach nur angenehm warm. Wabisabi, die Liebe zum Alten und Unvollkommenen, Einfachen springt einem aus jeder Ecke entgegen. Freundliche Menschen.
Das Bad wird von einem älteren Ehepaar geführt und die Oma (oder Uroma?) sitzt zahnlos auf einem Sessel im Damen-Umkleideraum und sieht zu, dass alles seine Ordnung hat, zeigt den ausländischen Gästen, wo sie das Shampoo finden können und passt auf, dass die Horde kleiner Kinder, die gerade mit ihren Müttern eintreffen, als ich fertig bin, sich auch richtig die Zähne putzen, alles mit einem gütigen Lächeln und vielen Verbeugungen.
Gut gefällt mir auch die Fön-Ordnung: Es gibt einen! Und daneben stehen ein Sparschwein und eine Sanduhr. Man soll 20 Yen (etwa 10 Cent) ins Schwein werfen, dann darf man eine Eieruhr lang fönen!
Ich wünschte, man hätte dort photographieren dürfen oder ich könnte gut zeichnen, es hätte da unzählige Motive gegeben