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9. Kapitel: Die Berge hoch, ein Feuerfestival, ein Onsen mit Waldtherapie und ein völlig verrücktes Café

Veröffentlicht: 07.11.2025

Tour
Ohitaki-Feuerfestival
Festival
Sehenswert
Kifune
Kyoto, Japan
Sehenswert
Kurama
Kyoto, Japan
Sehenswert
Kurama Onsen
Kyoto, Japan
Essen
das Café in der Nähe
$$ · Snack

Nach einem ziemlich bunten Frühstück mit Melon pan, einer Art dickem fluffigen Brötchen mit grüner Glasur, gefüllt mit Melonenpüree, mache ich mich auf zu dem kleinen Regionalbahnhof in der Nähe, von dem aus Ruckelzüge in die im Norden von Kyoto gelegenen Berge fahren. Auf dem Weg wieder einige Kuriositäten: Die Japaner haben ein völlig irrsinniges Verhältnis zu Plastik! Jeder einzelne Reiskeks, jeder Kaugummi in der Packung, einfach alles wird extra in Plastik gepackt, von Umweltbewusstsein keine Spur! Sogar die herrlichen antiken Lampenballons aus dickem handgeschöpften Papier, die vor fast jedem Restaurant hängen, rot oder weiß mit schwarzen Schriftzeichen, sind teilweise dick in Plastik gehüllt, damit sie ja nicht nass werden oder verschmutzen!

Die zwei Bergdörfer im Norden der Stadt heißen Kifune und Kurama, beide ziehen sich die gewundene Straße entlang und ein reißender glasklarer Bach stürzt sich daneben den Hang hinunter. In Kifune gibt es einen schönen kleinen Shinto-Schrein, in dem der Gott oder die Göttin des Wassers und des Regens verehrt werden.

Hier findet immer Anfang November das Ohitaki-Feuerfestival statt. Als ich das letzte Mal im Herbst hier war, waren gerade mehrere verheerende Taifune über Japan hinweggezogen, die Berge lagen voller wie Streichhölzer abgeknickter Riesenbäume, von denen heute nur noch die abgesägten Baumstümpfe an den Berghängen übrig sind, die Wanderpfade waren gesperrt und das Feuerfestival wurde abgesagt. Aber heute um 11 fand es dann statt:

Im Schrein selber wurde eine Zeremonie vor geladenen Gästen mit seltsamen Gesängen, Gongs und Trommeln abgehalten, die nach draußen drangen, aber im kleinen Hof war schon ein großer Scheiterhaufen aus schmalen Holzlatten, vielleicht 20x2cm, errichtet, auf den Menschen ihre Wünsche, Sorgen, Hoffnungen und Gebete geschrieben hatten.

In der Nähe lagen große Tannenzweige, und es dauerte nicht lange, bis etwa zehn Männer der freiwilligen Feuerwehr auftauchten, sich Jacken und große Kopfbedeckungen aus einer Art Aluminium oder Teflon anzogen und vielleicht fünf Metalleimer mit Wasser füllten und große Kellen daneben legten.

Dann kamen vier Shinto-Priester singend die Treppen vom Schrein herabgestiegen, klingelten heftig mit goldenen Glöckchen und der Oberpriester zündete den Holzstoß an. Dicke gelblich-weiße Rauchwolken stiegen empor und die Feuerwehrleute begannen, mit Wasser besprengte Tannenzweige aufzulegen, immer da, wo es besonders loderte, was den Rauch noch verdichtete. Wenn man bedenkt, dass man sich sonst nicht mal eine Zigarette anzünden darf in der Nähe eines Holzgebäudes, schien das schon geradezu waghalsig, aber ich habe noch nie so ein gut unter Kontrolle gehaltenes Lagerfeuer gesehen, selbst wenn die Feuerwehrmänner mit ihren kleinen Eimerchen und Kellen fast etwas lächerlich wirkten.

Später sah ich dann, dass unten an der Straße für alle Fälle eine Pumpe mit dickem Schlauch im Bach installiert war.

Wir Zuschauer bekamen auch so ein Holzstäbchen in die Hand gedrückt und durften es selber ins Feuer werfen. Keine Ahnung, was auf meinem draufstand, aber hoffentlich wirkt es!

Direkt neben mir saß eine totkranke Frau, kaum noch lebendig an ihren Mann gelehnt. Es war sehr berührend zu sehen, wieviel Hoffnung und Glaube in diese Zeremonien gelegt wird, auch wenn sie uns wie Hokuspokus und reiner Aberglaube erscheinen.

Als das Feuer beinahe ganz heruntergebrannt war, hörten die Priester mit ihren schwarzen runden Hüten auf zu singen und die Glöckchen zu schwingen und zogen sich zurück, die Menge verlief sich, und ich zog weiter zum nächsten Dorf, Kurama, wo es ein schönes Onsen gibt, dass nur aus einem warmen Thermalbecken draußen in den Bergen mit Waldblick besteht, und verbrachte dort den Nachmittag.

Was mir an beiden Dörfern auffällt, und ich war ja nun schon mehrere Male dort, ist, dass sie völlig menschenleer und leblos sind: Die alten Holzhäuser scheinen völlig verrammelt, keine Blumen oder Pflanzen davor, keine Geschäfte, Cafés, kein Marktplatz oder sonst ein Ort, wo die Einwohner mal zusammenkommen könnten, das einzige Zeichen dafür, dass diese Orte bewohnt sind, sind die Autos vor den Häusern, etwas erschreckend, fand ich. Und wenn ich daran denke, wie froh die jungen und die älteren Leute in Kyoto sich draußen versammeln, Musik machen, Ball spielen, ihre Hunde spazieren führen, Picknick machen und plaudern, verstehe ich diese Dorfstarre noch weniger. Gerade heute Morgen habe ich bei uns in der Nähe wieder beobachten können, wie eine Gruppe hochbetagter Leute zu sanfter Musik auf dem hiesigen Plätzchen gemeinsam eine Art Taichi betrieben.

In meinem Gästehaus wohnen außer mir im Moment noch ein brasilianischer Journalist und zwei sympathische junge Französinnen. Die eine lernt eifrig Japanisch, die andere ist Künstlerin (was sie macht, weiß ich noch nicht, aber sie trommelt jedenfalls mit Japanern in einer Band) und bewegt sich wohl ständig zwischen México City, Genf, Seoul und Japan hin und her, ist völlig „broke“ wie sie sagt, hat aber wohl überall genug Freunde, die sie irgendwie über Wasser halten. Diese Frau hat, wie sie mir erzählte, viele Verbindungen zum „japanischen underground“, und als ich ihr erzählte, das ich Katzen, Jazz und japanische Spielfilme mag, in denen originelle Individuen herumlaufen, empfahl sie mir ein Café in der Nähe, das vollgestopft mit Büchern, Schallplatten, Sammelsurien von komischen Dingen sei und von eine sehr besonderen Person mit Stoppelhaaren geführt würde. Da ging ich dann heute am späten Nachmittag hin und war sofort hell begeistert: Ein uraltes blaues Haus, ein Eckraum, in dem allerhöchstens 10 Besucher gleichzeitig hineinpassen, vier Plätze an der Theke gegenüber der kleinen Küche, Pianojazz vom Feinsten auf dem Plattenspieler, ein Klavier, Photos, Plakate, Regale voller Vinyls, Berge von Büchern und ein Stammgast und die Besitzerin, die mich trotz fehlender gemeinsamer Sprache (ein kleines bisschen Englisch konnten sie) derartig herzlich aufnahmen, dass mir richtig warm ums Herz wurde. Wir haben uns köstlich unterhalten und viel gekichert miteinander. Die Besitzerin erzählte irgendwie, dass sie das Café seit 9 Jahren hat und eine kleine Wohnung darüber, dass ihr aber der Besitzer vor knapp einem Monat verkündet habe, dass sie raus muss mit allem Drum und Dran bis Ende November. Das ist ein wirklicher Jammer, denn dieses Café ist wirklich einmalig! Sogar live-Konzerte wurden hier jeden Monat veranstaltet! Ich bot ihr an, zumindest vorübergehend in unser Gästehaus zu ziehen und gab ihr die Kontaktdaten, und schlug außerdem vor, dass sie eine Nachbarschaftsdemonstration organisieren soll, was sie furchtbar komisch fand, aber begeistert aufnahm! Zwischendurch schneite noch eine Nachbarin herein und brachte Khakis aus dem eigenen Garten, und eine andere, die sich gleich kundig machte, ob es nicht vielleicht doch so etwas wie Mieterschutz geben könnte. Und als sie mich dann fragten, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie eine Zigarette rauchen würden, war ich dann endgültig im Bunde aufgenommen!

Jedenfalls geh ich bestimmt morgen wieder hin! Freundschaft fürs Leben 😂!


Auf einen Blick

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Begleitung
Allein
KulturellKulinarischAbseits der Pfade
  • Ohitaki-Feuerfestival in Kifune
  • Onsen mit Waldblick in Kurama
  • Melon pan zum Frühstück
  • ein außergewöhnliches Café mit Vinyl und Büchern
KulturEssenNaturGeschichte
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