Veröffentlicht: 02.12.2025



























Maizuru ist eine ziemlich große Hafenstadt, Handelsschiffe, Kriegsschiffe, Fischerboote, Ausflugsdampfer. Sie liegt rund um eine wild zerklüftete Küste, die ich mir eigentlich von oben angucken wollte, weil ich Photos von dieser Aussicht gesehen hatte.
Früh am Morgen mache ich einen langen Spaziergang zu dem einen Hafen, der von Fischerbooten, meist kleinen und sehr alten, gefüllt ist, viele Netze und Bojen auf der Hafenmauer, bemooste Kisten und Metallgitter, alles sehr pittoresk. Ich hatte vor, ein Frühstückscafé auf dem Weg zu finden, aber so etwas gibt es hier nicht.
Auf dem Weg komme ich an einer der Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei: ein langer, enger Kanal voller Boote und viele alte Häuser direkt an die Wasserlinie gebaut, genannt „Maizurus Klein-Venedig“, wirklich hübsch!
Hier liegt auch ein kleiner versteckter Schrein, und weil nun wirklich niemand in der Nähe ist, wage ich es, das dicke Tau mit Glocken oben dran etwas zu schütteln, um die Götter aufzuwecken, klatsche, wie ich es bei den Japanern beobachtet habe, zweimal in die Hände, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen, und sende ein kurzes Stoßgebet für unser aller Gesundheit zu den shintoistischen Gottheiten, klatsche nochmal zweimal und verbeuge mich, sieht ja keiner! Irgendwann auf der Reise habe ich auch eine Kerze gespendet, aber das war glaube ich bei den Buddhisten. Kann ja nicht schaden….
Auf dem Quai stehen einige Angler, Zigarette im Mund („Surabaya-Johnny…“), und bemühen sich, etwas Beute zu machen, wie ich sehen kann, mit sehr mäßigem Erfolg und klitzekleinen Fischchen. Als Köder benutzen sie ein Art Paste, die sie in ein Körbchen schmieren. Darüber ist dann die Angelschnur befestigt mit mehreren Haken übereinander, immer etwa 30cm entfernt vom nächsten. Sie amüsieren sich darüber, dass mich das interessiert.
Über der Gruppe kreisen immer wieder fünf oder sechs Raubvögel, für mich alles Adler, können aber auch Falken oder Habichte sein, ich hab keine Ahnung von Vögeln, und hoffen, dass die Männer ihren mickrigen Fang wieder ins Wasser schmeißen.
Als ich um halb elf immer noch kein Café gefunden habe, beschließe ich, den Berg Berg sein zu lassen. Ich hatte vorgehabt, mir ein Taxi zu suchen, dass mich bis beinahe auf den Gipfel, wo der Aussichtsturm steht, gebracht hätte, aber die Aussicht, dann von da oben etwa eine Stunde durch unbekanntes Gelände wieder absteigen zu müssen, vor allem bei der augenblicklichen Bärenhysterie in Japan, lässt mich zu der Einsicht gelangen, dass selbst meine Energie irgendwann mal ein Ende hat, und so springe ich erleichtert in den nächsten Zug nach Kyoto. (In den Zügen ist übrigens toll, dass man mit einem Tritt auf ein Pedal jede Sitzbank ganz umdrehen kann, so dass man immer in die Richtung fährt, in die man gucken möchte)
Wahrscheinlich war dies einer der letzten wirklich warmen Tage und Abende hier. So sitze ich für den Rest des Tages am Fluss und nehme am Abend glücklich ein Glas Rotwein mit Jazz.