21. Kapitel: Überraschungstreffen, ein Falke und eine wilde Bergtour
Gestern war ein so ereignisreicher Tag, dass ich am Abend nur noch todmüde auf den Futon fallen konnte. Vor einigen Tagen hatten meine Freundin Christine aus England, die ich...


Veröffentlicht: 23.11.2025































Heute bin ich brav nur geradeaus gegangen, nicht rauf und runter. Ich habe gemütlich am Fluss gesessen, einem der friedlichsten und fröhlichsten Orte, die ich kenne. Es ist Sonntag und ein japanischer Feiertag, Niinamatsuri, der dem Erntedankfest ähnlich ist. Man feiert die Ernte, den neuen Reis und die fleißige Arbeit, die dahinter steckt. Es war wieder herrliches Wetter und so waren viele Menschen unterwegs.
Hier ist es übrigens so (Finnland:Höre!!!), dass wenn ein Feiertag auf einen Sonnabend oder Sonntag fällt, der Montag darauf auch noch arbeitsfrei ist! Also morgen können die Menschen auch noch Ausflüge machen und es wird entsprechend voll sein überall.
An den Flussufern sitzen die Menschen in Gruppen, Familien, Paaren oder auch einzeln, machen Picknick oder Musik, lesen, hüpfen über Steine, beobachten Vögel oder sitzen ganz einfach da und gucken in die Gegend. Alles ist ruhig und freundlich, gelassen und ganz entspannt, kaum Handys zu sehen, keine Kopfhörer.
Am Ramen-Restaurant wartete schon eine Schlange, es ist sehr beliebt und ich musste etwa 30 Minuten warten. An der Theke gibt es ja nur etwa 8 Plätze. Wieder eine große Freude, den drei Männern beim Kochen, Nudeln schütteln und Anrichten zuzusehen, ganz abgesehen vom köstlichen Geschmack aller Speisen.
Dann noch ein Spaziergang in den schönen Wald, der in der Flussgabelung hinter einem großen Schrein beginnt und sich durch die ganze „Insel“ im Fluss zieht. Dieser Wald sieht nun gar nicht japanisch aus, sondern wirkt eher wie eine gotische Kathedrale. Ein langer schnurgerader Pfad führt hindurch und rechts und links stehen sehr hohe sehr dunkle Bäume, das ganze ist schmal und sehr hoch. Mehrmals im Jahr wird hier ein etwas alternativer Kunsthandwerks- und Fressmarkt veranstaltet, den wir einmal miterleben konnten. Zu meiner großen Enttäuschung wird er Ende November wieder stattfinden, wenn ich leider gerade woanders bin. Schlecht geplant, aber diesen Markt hatte ich leider übersehen.
Nach Sonnenuntergang begab ich mich dann wieder in dieses komische kleine Café von der netten Frau mit den Stoppelhaaren, weil ich wusste, dass dort heute live-Musik angekündigt war. Sie servierte selbstgemachten Pflaumwein mit vielen Früchten drin aus einem riesigen Schraubglass, süß und sehr kräftig.
In dem Café haben fünf oder sechs Leute Platz, die auf Hockern quer durchs Lokal sitzen, und die Musiker drängelten sich irgendwie davor. Es war eine Art japanischer Folk- und Jazzclub. Die erste war eine alte Dame mit nur noch zwei Zähnen, die mit ihrer Gitarre den Zuhörern den Rücken zudrehte, aber ziemlich gut spielte und sang und guten Applaus bekam. Nach jeweils drei Liedern machte sie immer Pause und ging nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen.
Als nächstes kam ein Paar, das Bosssanova sang und spielte, viele Stücke von João und Astrud Gilberto, aber ich konnte nicht erkennen, ob sie auf Portugiesisch oder Japanisch sangen. Musikalisch waren sie jedenfalls sehr gut.
Zuletzt trat dann noch eine Art japanischer Jaques Brel auf, ich war ziemlich beeindruckt von allen Darbietungen.
Es ist jammerschade, dass dieses originelle, gemütliche, ein bisschen verrückte Café zum Monatsende schließen muss. Viele Sachen sind schon ausgeräumt und die Wirtin ist traurig. Ich auch. Das wäre wahrscheinlich meine Stammkneipe geworden, wenn ich länger hier wohnen würde.