Salam ya Amman
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Durch die Straßen von Jericho

Veröffentlicht: 03.02.2020

Sonntag, 2. Februar

9 am. Heute schlafen wir mal ein bisschen länger und laufen dann zu Fuß in die Stadt. Am großen Kreisel im Zentrum Jerichos besorgen wir uns frisches Brot und Sesamkekse und frühstücken dann damit in einem benachbarten Café mit türkischem Kaffee in der Sonne, die unsere Gesichter jetzt schon wärmt. So fängt der Tag doch gut an. Gut gestärkt laufen wir dann los, mit dem Berg der Versuchung als heutiges Ziel.

Wir passieren eine Moschee mit blauem Dach, die aussieht wie eine kleine Version der King Abdullah Mosque in Amman, von wo aus uns dann eine goldene Kuppel entgegenfunkelt. Das Dach einer Kirche, wie wir am Kreuz oben auf der Kuppel sehen können. Das Tor zur Kirche steht offen, weshalb wir das Gelände und daraufhin auch die Kirche betreten. Ein junger Mann, der rechts hinter dem Eingang steht, spricht uns an und stellt sich uns vor. Es handelt sich um Yassin, ein muslimischer Palästinenser, der hier in Jericho geboren ist, und seit 10 Jahren für diese orthodoxe Kirche arbeitet. Alle in seiner Familie arbeiten für Kirchen und Kloster, sagt er uns. Er erzählt uns, wie gern er hier in Jericho lebt, dass er die Hitze mag (55 – 58° C im Sommer!?), und das Städtchen ein wirklich ruhiger und friedlicher Ort ist. 

Das können wir bisher auch nur bestätigen. Er zeigt uns dann noch den Maulbeerfeigenbaum im Hof vor der Kirche. Beziehungsweise der Baumstumpf, der davon noch übrig ist. Ein weiterer über 2000 Jahre alter Maulbeerfeigenbaum steht auch noch im Stadtzentrum Jerichos. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, welcher Baum der „wahre“ Baum ist, auf dem gemäß der Bibel der Zöllner Zachäus kletterte, um von dort aus Jesus sehen zu können. Der Baumstumpf hier steht in einem ungeputzten Glaskasten und ist eher semi spektakulär, aber wir haben ihn immerhin gesehen.

Wir verabschieden uns jetzt erst einmal von Yassin und laufen weiter über Straßen und Feldwege, wo wir dem Berg der Versuchung immer näher kommen. Über uns gleiten leise die roten Gondeln der Seilbahn, mit der man mit Minimalaufwand zum Berg und dem dortigen Kloster gelangen kann. Wir sind jedoch noch gut zu Fuß, werden nur auf den letzten paar Metern von einem Taxi-Fahrer mitgenommen (um ehrlich zu sein, hat er mit der kostenlosen Fahrt wohl eher beabsichtigt, uns noch weitere Services von ihm anzubieten, aber wir haben uns ja für nichts verpflichtet), und stehen dann gegen halb 3 vor den Toren des Klosters am Berg der Versöhnung. Vor verschlossenen Toren, besser gesagt – das Kloster hat heute am Sonntag nämlich nur bis um 2 Uhr geöffnet, wie wir jetzt merken. Über eine Informationstafel erfahren wir aber trotzdem noch ein wenig, was es mit dem Berg hier auf sich hat. In den Höhlen des Berges hier soll Jesus 40 Tage lang gefastet und gebetet haben, bevor Satan ihn 3 mal in Versuchung geführt hat. Heute befindet sich an diesem Ort ein Kloster, das zwei Kirchen einschließt, die in unterschiedlichen Epochen dort gebaut wurden.

Es ist zwar schade, dass wir das Innere des Klosters jetzt nicht sehen können, aber der Fußmarsch hat sich trotzdem gelohnt. Zu einem wundervollen weiten Blick auf Jericho, weiter zum Toten Meer, zum Grenzgebiet und dem dahinterliegenden Jordanien erklingt nun das Abendgebet. Ähnlich wie in Amman drehen Vogelschwärme ihre Kreise. Wir warten, bis die letzten Gebetsklänge verstummen, dann machen wir uns wieder auf den Rückweg. Wir schnuppern noch kurz zu einer Ausgrabungsstätte, wo sich 10.000 Jahre alte Ruinen von damaligen Siedlungen hier in Jericho befinden, und gehen dann weiter Richtung Stadt.

Den Rest des Tageslichts wollen wir noch dazu nutzen, uns Aqabat Jaber anzuschauen, mittlerweile ein Stadtteil Jerichos. 1948 wurde es als Flüchtlingscamp für Palästinenser*innen gegründet, hat sich über die Jahre aber an Jericho angegliedert. Es gibt auch ein Hostel, das sich dort in diesem Stadtteil befindet. Auf dem Weg in die Stadt hält ein kleines Auto neben uns an. Zwei junge Männer schauen uns an und fragen, wo wir hinwollen. Wir sagen ihnen unser Ziel und sie bieten uns an, dorthin mitzunehmen.

Wir bekommen nun also eine kleine private Taxi-Fahrt nach Aqabat Jaber. Was sich ganz gut trifft, denn es wäre doch noch eine ganz gute Strecke zum Laufen gewesen. Mit dem Auto fahren wir dann durch das ehemalige Camp, das ein ganz anderes Stadtbild abgibt als Jerichos Innenstadt. Kleine, flache Häuser stehen in engen Gassen, die Farbe grau dominiert. An Mauern innerhalb der Stadt ist immer wieder das Bild eines Schlüssels zu sehen. Wir wissen mittlerweile schon, dass dieser Schlüssel ein Zeichen der Palästinenser*innen ist, das ihren Wunsch verdeutlicht, wieder in ihr altes Zuhause zurückzukehren, aus dem sie vertrieben wurden. Viele Palästinenser*innen haben wohl damals bei der Vertreibung ihren Haustürschlüssel mit auf die Flucht genommen. Sicher, irgendwann wieder zurückzukehren, sobald der Konflikt sich beruhigt hat. Es ist wirklich interessant, auch diesen Teil Jerichos einmal gesehen zu haben.

Wir fahren nun wieder in die Stadt zurück, wo unser Fahrer nun bei seinem Barber-Shop, den er betreibt, aussteigt, und sein Freund sich ans Steuer setzt. Er möchte mit uns einen Kaffee trinken gehen, wenn wir ihn richtig verstehen. Er spricht nämlich kein Englisch. Wir halten kurz darauf vor einer Saftbar, wo er aussteigt und einige Minuten später mit drei riesigen Frucht-Smoothies zurückkommt. Ich kann ihm jetzt nicht mehr sagen, dass ich solche Smoothies wirklich nicht herunterbekomme, aber Lea hilft mir, indem sie heimlich an beiden Bechern trinkt, damit ich zumindest nicht undankbar wirke.

Weiter geht unsere Fahrt ins Unbekannte, mit einem Handwerker-Laden als nächstem Stopp. Hier bittet unser Fahrer uns, auszusteigen. Wir betreten also mit ihm den Shop, wo uns eine nette Frau begrüßt, die sehr gutes Englisch spricht und uns fragt, wie sie uns weiterhelfen kann. Das wissen Lea und ich auch nicht so genau. Wir wissen nicht einmal, wo wir hier sind, geschweige denn, was wir hier suchen. Sie spricht noch einmal kurz mit unserem Fahrer, der der Barber ihres Mannes ist, wie sich dann herausstellt. Er hat uns nur hierhergebracht, weil er selbst kein Englisch spricht, und wir uns nun mit der Frau unterhalten können.

Wir wissen nicht einmal ihren Namen, aber sie bittet uns, Platz zu nehmen, bietet uns Orangen und Wasser an (Jericho ist berühmt für Zitrusfrüchte, die hier wirklich richtig saftig und lecker schmecken), und unterhält sich ein wenig mit uns. Sie erzählt uns, dass sie aus Jerusalem kommt, dort aufgewachsen ist und eine Familie gegründet hat, und nun seit kurzem hier in Jericho lebt, wo sie mit ihrem Mann vor einigen Monaten diesen Laden hier eröffnet hat. Jerusalem war ihnen zu laut geworden, weshalb sie hier nun nach Jericho gezogen sind, um etwas mehr Ruhe zu finden. Und das ist absolut nachzuvollziehen. Jericho bietet sich wirklich zum Entspannen an.

Nach einem sehr netten Gespräch fährt uns unser Fahrer (wie ihr vielleicht schon merkt, weiß ich nicht einmal mehr seinen Namen), wieder zurück in die Stadt. Wir wollten uns eigentlich noch einmal mit Yassin treffen, aber sind etwas zu spät an – das Gelände zur Kirche ist schon geschlossen. Wir stolpern stattdessen in eine Art Demo beim Kreisel vor der Moschee. Palästinenser fahren auf großen Trucks, wehen ihre Fahnen und lassen Musik spielen. Alle wirken friedlich und fröhlich. Wir finden nicht ganz genau heraus, was der Anlass ist, aber wollen allem auch nicht zu nahe kommen und suchen stattdessen ein Restaurant zum Abendessen auf.

Wir entscheiden uns heute Mal für Reis und Molokhia, eine Alternative zum altbekannten Falafel und Hummus, und kehren dann in eine Shisha-Bar ein, um zum Abschluss des Tages noch eine Shisha zu rauchen. Wir haben bereits festgestellt, dass die Shisha-Bars hier in Jericho ausschließlich von Männern besucht werden, aber lassen uns davon nicht abhalten. Wir bekommen nicht überraschend die Aufmerksamkeit von allen anwesenden Gästen und Passanten (wir sitzen auf zwei Stühlen direkt Richtung Hauptstraße), aber größtenteils nicht auf eine unangenehme Art. Wir lassen uns die Lemon-Mint Shisha und unseren überzuckerten Tee also schmecken und landen dann später wieder mit unseren Wärmflaschen in unseren Betten.

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