Reise nach Jerusalem
Freitag + Samstag, 20. + 21. Dezember 9 am. Heute schlafen wir lange aus und nehmen dann ein letztes großes gemeinsames Frühstück mit Ramo zu uns. Dann geht es los zur Downtown,...

Veröffentlicht: 27.12.2019




















Sonntag, 22. Dezember
Dieser Beitrag ist für Dich, Oma.
6:30 am. Hanni und ich haben sehr gut geschlafen heute Nacht, alleine in unserem großen Zimmer. Nach einer angenehmen Dusche geht es dann zum Frühstück. Ab halb 8 gibt es im Hostel Buffet: allerlei Dips, Labaneh, Käse, Rohkost, Oliven, Eier, Müsli & vieles mehr. Wir können uns also unsere Mägen gut füllen, bevor wir uns dann ausgehfertig machen und das Hostel verlassen. Wir sind schon auf dem Weg zum Markt, als uns auf einmal auffällt, dass heute Sonntag ist, und außerdem der 4. Advent. Sicherlich gibt es heute in Jerusalem einen netten Gottesdienst.
Wir gehen also zurück ins Hostel, um dort nachzufragen, wo man uns allerdings auch keine genaueren Infos geben kann, und wir uns daraufhin auf eigene Faust auf den Weg zur Altstadt machen. Irgendwo werden wir hier schon fündig werden. Und zwar schneller als gedacht: direkt nach dem Jaffa Gate sehen wir an einem Tor ein Schild, auf dem „Christ Church“ steht, und das in einen Innenhof führt. Um 9:30 Uhr startet dort heute die Messe, lesen wir außerdem. Es ist jetzt 9:35 Uhr. Perfekt.
Durch den Innenhof gelangen wir zur Kirche, in der gerade der Priester vorne steht und eine Ansage auf Englisch macht. Dem Akzent nach zu urteilen kommt er aus den USA. Ich werde später herausfinden, dass die Christ Church eine evangelikanische Kirche ist, die ursprünglich als „Jewish Protestant Church“ bekannt wurde. Der Name kommt daher, dass die Christ Church von Anfang an dem spirituellen Erbe des Judentums Tribut zollen wollte, und daher die jüdischen Wurzeln in der Liturgie mit hebräischen Versen und Liedern zelebriert. Mit diesem Wissen erklärt sich mir auch, warum in der Kirche unter anderem der 9-armige Chanukka-Leuchter und der jüdische Stern zu sehen sind, und einer der Kirchenbesucher eine Kippa trägt.
Die Christ Church ist außerdem international ausgerichtet – die gesamte Liturgie wird auf Englisch abgehalten. Rechts neben dem Altar hängt eine Leinwand, auf der die Texte aller Lieder projiziert werden, die die kleine Band rechts daneben spielt: eine Frau an einem kleinen Flügel, und zwei Personen, die dazu singen. Und es sind wirklich ganz tolle Lieder, die die Band spielt, und die von der Kirchengemeinde lauthals mitgesungen werden. Die Predigt spricht eine Frau, die in einer psychosozialen Einrichtung für schwangere Frauen arbeitet, und die sehr schöne Wort findet. Nach zwei Stunden verlassen wir beseelt den Gottesdienst. Das war ein wirklich guter Start in unseren Tag.
Wir machen uns danach dann wirklich auf den Weg zum Mahane Yehuda Market, der sich ganz in der Nähe unseres Hostels befindet. Ein Food Market, der allerdings etwas anders aussieht, als mein geliebter Markt in Amman. Er ist überdacht, der Boden mit Fliesen ausgelegt und alles ganz ungewohnt sauber. Das Angebot, massig: Gebäck und Süßigkeiten aller Art, Halawa, Nüsse, getrocknete Früchte, Obst, Gewürze, Oliven und vieles mehr. Dabei, arabische und israelische Stände gemischt und ein Stand ansprechender als der andere. Wir könnten hier wirklich an jedem Stand Geld lassen, entscheiden uns aber zunächst für ein paar Nüsse, Brot und Süßigkeiten.
Wir suchen danach mal wieder die Altstadt auf, wo wir die ein oder andere Kleinigkeit besorgen. Ich merke hier, dass ich mich im muslimischen Viertel mit arabisch sprechenden Menschen um uns herum einfach am wohlsten fühle. In Sha Alla komme ich nach den Prüfungen auch endlich mal wieder dazu, mich intensiv mit der Sprache auseinanderzusetzen. Es ist halb 4, als wir uns dann mit Sophia und ihren Eltern am Jaffa Gate treffen. Sie sind heute in Jerusalem angekommen und wir werden unsere Reise ab Jerusalem zusammen antreten. Jetzt haben wir uns zunächst einmal dazu verabredet, uns gemeinsam den Sonnenuntergang vom Ölberg aus anzusehen.
Wir verlassen die Altstadt durch das Dung Gate bei der Western Wall und steuern zunächst den benachbarten Berg an, auf dem ein riesiger jüdischer Friedhof schon jetzt von der wunderschönen Abendsonne angestrahlt wird. Einige Treppen später kommen wir dann oben an der Aussichtsplattform am Ölberg an, auf der sich schon einige andere Menschen versammelt haben, um Jerusalem von oben zu bestaunen. Wie immer verfärbt sich der Abendhimmel mit der untergehenden Sonne in gelbes, orangenes, rotes und blaues Licht und verleiht der Altstadt mit den Kuppeln des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee etwas Magisches, deren Mauern jetzt mit Beginn der Abenddämmerung zusätzlich noch von warmen Lampen angeleuchtet werden. Eine wirklich sehr sehr schöne Sicht auf eine sehr sehr schöne Stadt.
Durch die romantischen Gassen der Altstadt laufen wir dann zurück zu unseren Unterkünften, wo wir noch kurz an einem Platz in der Nähe unseres Hostels hängenbleiben. Dort sind uns gestern schon 9 riesige Gestelle aufgefallen, die in Form von Kerzen aufgebaut sind. Ich dachte anfangs, es hat mit Weihnachten zu tun, aber jetzt wird mir klar, dass die Kerzen den jüdischen Chanukka-Ständer symbolisieren. Chanukka, das jüdische Lichterfest, wird einmal pro Jahr gefeiert, zu Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem. Das Fest dauert 8 Tage, wobei jeden Tag eine Kerze mehr angezündet wird. Heute Abend ist der erste Tag des diesjährigen Chanukka-Fests, demnach „brennt“ (abgesehen von der Kerze in der Mitte), die erste Kerze am großen, fiktiven Chanukka-Ständer. Wir sehen jetzt, dass jedes der Kerzen-Gestelle auf dem Platz hier eine kleine Bühne ist. Auf dem heute erleuchteten Gestell sitzen also 3 Musiker und machen Musik. Die kalte Abendluft ist wohl der Grund dafür, dass die Zuschauer-Massen sich in Grenzen halten, aber es ist wirklich ein wundervoller Abschluss unseres Tages.
Aus der heutigen Predigt: We have to be gentle, even if we have been hurt.