Kingdom of Lesotho - Das Dach Afrikas

02/09/2018 Unser Plan für unseren 2tägigen Aufenthalt in den Drakensbergen war es eigentlich bis hoch zum Amphitheater zu wandern. 7 Stunden für erfahrene und fitte Wanderer plus eine entsprechende An— und Abfahrt. Als wir aber in unserem Hostel Amphibackpackers ankommen, werden uns interessante Touren angeboten und wir entscheiden spontan die morgige Fahrt ins benachbarte Königreich Lesotho mitzumachen. Wann kann man so etwas nochmal sehen? Sicher nicht so schnell.

Hier dämmert es um 17.30 Uhr und wir beeilen uns das von Denjas Gastbruder Thomas netterweise geliehene Zelt aufzubauen. In Null Komma Nichts ist es dunkel und unsere schon etwas betagte Behausung steht. Wir kochen Nudeln und runden das Menü mit Salat und Nachtisch ab. Spülen und ab auf die Luftmatratze, denn schließlich soll es morgen um 7.20 Uhr losgehen. So richtig gut pennen können wir allerdings nicht. Es stürmt so heftig, dass wir uns fragen, ob das Zelt die Nacht wohl packt. Pünktlich geht es dann in aller Herrgottsfrühe los. Außer uns ist nur noch Reka, Tiermedizinstudentin aus Zürich mit an Bord und Searchmore, unser afrikanischer Guide. Sehr geil. Searchmore versorgt uns während der Fahrt mit Informationen über das Königreich Lesotho.


Lesotho ist das höchste Land der Welt, da es seinen tiefsten Punkt auf 1.400 Meter hat. Deswegen nennt man es auch das Dach Afrikas. Als wir an der Grenze ankommen, können wir die Höhe auch deutlich an den kälteren Temperaturen spüren. Brrrh, wie muss das erst im tiefen Winter sein?

Sofort am Grenzübergang begreifen wir auch, was der Reiseführer meint, als er beschreibt, dass von den 5500km Straße in Lesotho nur 800km asphaltiert sind. Hier sieht man die Main Road. Kein Scherz.

Wir fliegen wie Puppen durch das Auto und werden hin— und her geschüttelt. Searchmore lacht nur und meint: „African massage, he?“

Das zweite, was unmittelbar ins Auge springt ist, dass Lesotho ein wunderschönes und bitterarmes Bergland ist. Die Natur ist atemberaubend und die Ruhe einnehmend. Die Dorfbewohner sieht man in bunte Decken gehüllt die Tiere hüten, hoch zu Ross die steilen Berghänge hochreiten oder die schmalen Pfade entlang gehen. Es gibt weder Elektrizität noch Wasser. Das muss mühsam vom nächsten Brunnen geholt werden, der einige Kilometer entfernt liegt. Unfassbar.

Es gibt nichts von dem, was die westliche Welt prägt. Keine Supermärkte, keine Geldautomaten, keine Geschäfte, keine Fabriken, keine Werkstätten, keinen Fernseher, kein Radio... einfach gar nichts. Dafür viel wunderbare Natur und endlose Möglichkeiten zum Wandern und Trekking.
Die Einwohner unseres Dorfes müssen sich alle selbst versorgen, Mais, Kohl und andere Gemüsesorten anbauen. Zu Geld können sie nur gelangen, wenn sie ein Schaf oder eine Ziege verkaufen, aber dafür müssten sie erstmal Tiere haben, und das ist schwierig. Die Familien sind darauf angewiesen, dass die Frauen und Männer im arbeitsfähigen Alter in Südafrika eine bezahlte Arbeit finden. Aber das ist nahezu unmöglich, da ein Visum für maximal 30 Tage gilt. Zum Einkaufen dringend benötigter Dinge wie Matratzen, Kochtöpfe oder Schulsachen müssen sie nach Südafrika. Laufen — denn es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr. Nahezu niemand besitzt einen Führerschein, geschweige denn ein Auto. Der stramme Fussmarsch dauert alleine bis zur Grenze 1,5 Stunden und dann ist der nächste Ort noch weit entfernt.
Wir besuchen die Dorfschule. Es ist Sonntag und die Schulkinder sind leider nicht da. Das Gebäude wurde mit Hilfe unseres Hostels errichtet und so hat nun jede Klasse einen eigenen Raum. Das knutschige, aber seeehr kleine Rundhaus, in das sich früher alle quetschen mussten, dient nun als Küche. Denn hier bekommen die Kinder Frühstück und Lunch. Dies ist auch nötig, da sie häufig zu Hause nichts zu essen bekommen können. Wir werden in die Schulbänke verfrachtet und der Schulleiter spielt mit uns Schule. Wir lernen ein essentielle Wörter, wie Hallo, Danke usw. Die Wörter klingen so fremd, dass wir sie heimlich im Handy speichern, weil der Gute uns tatsächlich mit schöner Regelmäßigkeit danach fragt. Hehe, genau wie die Kids spicken wir.

Der Schulleiter erklärt uns, dass die Primary School kostenlos ist und von allen Kindern besucht wird. Die High School würde hinter diesem Hügel liegen; der Schulleiter deutet auf einen riesigen Berg. Auf unsere Nachfrage hin stellt sich dann heraus, dass die Schüler dorthin laufen müssen, 2 Stunden hin und 2 Stunden zurück, jeden Tag. Uuaaah! Dennoch bleibt für die meisten der Besuch der High School ein unerfüllbarer Traum, kostet der Besuch nämlich stolze 800 Lilangeli an School Fee pro Quartal! Das ist für die allermeisten Familien nicht stemmbar. 

Wir erfahren auch, dass die medizinische Versorgung eine Katastrophe ist. Der Arzt kommt alle 3 Monate vorbei. Etliche der Kinder sind AIDS—Waisen. Da es keine Waisenhäuser gibt, müssen sie alleine leben. 11 Kinder sind ebenfalls infiziert. Aus dem Reiseführer entnehmen wir, dass die Bevölkerung insgesamt stark durch AIDS dezimiert wurde und dass Menschen um 35 Jahre nahezu gar nicht mehr gibt. Diese Generation ist nahezu ausgelöscht, was zu einer Verschlimmerung der Armut führt. Jetzt wird auch klar, warum am Grenzübergang bei der Passkontrolle dicke Spender mit kostenlosen Kondomen ausliegen.

Wir lassen den Tourbus stehen und starten unsere Wandertour. Heute gilt es „nur“ 11km und 700 Höhenmeter zu überwinden, also für Afrikaner ein Spaziergang und für meine immer noch leicht schmerzenden Oberschenkel eine Herausforderung. Die Wanderung ist wirklich toll, die Landschaft abwechslungsreich und echt sehenswert. So schön und so friedlich. Die Ruhe ist herrlich und der Blick auch. Noch schöner wäre es allerdings, wenn ich nicht ständig auf meine Füße schauen müsste und mehr die Aussicht genießen könnte. Tja, da fehlt eben das Training. Da hilft wieder mal nur Durchhalten. Es kann ja schließlich nur besser werden. Wir lunchen mit Aussicht und sehen den Jungen beim Ziegenhüten zu. Ab und zu kommen in Decken gehüllte Reiter vorbei.

Wir wandern weiter bis zum höchsten Punkt und machen ein paar Bilder.

 Dann geht steil bergab und wir hangeln uns im Seitwärtsgang wie Skifahrer den Felsabhang und die steilen Graswiesen hinunter.

Unser Guide Searchmore führt uns in die Geschichte Lesothos ein. Er zeigt uns altertümliche Felsenmalereien und erklärt uns, dass sie mit Tierblut gemalt wurden und was sie bedeuten.

Mit seinem „Let‘s roll!“ geht es auf zur letzten Etappe. Ziemlich geschafft erreichen wir die drei kleinen Rundhäuschen. 

Dort bekommen wir landestypisches Essen serviert. Die Oma des Hauses stellt einen Teller mit Pap und Grünkohl in die Mitte und es essen alle davon. Mit der rechten Hand pflückt man sich ein Stück vom Pap ab, formt es zum Minifladen und greift damit den Kohl, um die Kombi dann im Mund verschwinden zu lassen. Pap ist ein weißer Maisbrei, der zu jeder! Mahlzeit gegessen wird und echt nach nichts schmeckt. Aber er macht eben satt, ist billig und verfügbar.

 Zum Schluss wird uns noch der Heiler des Dorfes vorgestellt. In voller Heilermontur mit entsprechenden Gewändern und Glöckchen erzählt es uns die Geschichte seiner Berufung. Der Schulleiter übersetzt und wir dürfen Fragen stellen. Da uns allen dreien, wie wir später feststellen, die Story nicht so richtig glaubwürdig erscheint, fällt dieser Teil der sonst schönen Tour sehr kurz aus. Zufrieden steigen wir in den Bus und ruckeln bis zur Grenze. Schade, dass der Tag schon vorbei ist. Ich wäre gerne noch länger geblieben.

Der Reiseführer sagt, dass Lesotho ein unterschätztes Reiseziel ist. Trotz der Armut kann ich dem nur zustimmen.



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