paulipilgrim

in the land of rice & curry

...and rewind

Um ehrlich zu sein, habe ich in den letzten 7 Wochen mit Sicherheit weitaus weniger gesehen, als die meisten Touristen auf der klassischen 2,5-Wochen Rundtour. Einige der „Hauptattraktionen“ habe ich aus rein finanziellen Gründen geskippt, und am Ende interessiert einen der zehnte Tempel dann ja auch nicht mehr wirklich. Die obligatorische Safari war mir zu teuer, mir haben die paar wilden Elefanten am Straßenrand und die überall in den Gassen umherspringenden Affen gereicht. Ich war weder auf dem berühmten Löwenfelsen (ebenfalls zu teuer) noch bei einer kostspieligen Ayurvedakur. Auch in keiner der dutzenden Teefabriken – meine blutegellastige Wanderung durch die Plantagen zum Ramboda Wasserfall genügte definitiv. Kurzum – ich habe als Tourist versagt.

Aber wenn ihr mich fragt, ist das vollkommen okay so! Denn ich denke, ich kann behaupten, eine authentische Reise hinter mir zu haben. Eine Reise, in der ich einen wirklich guten Eindruck über Land und Leute gewinnen konnte, ohne mich an den dicken Reiseführer zu klammern. Denn auch wenn ich nicht viel Geld ausgeben wollte, hatte ich etwas viel wertvolleres im Überfluss – Zeit.
Im Gegensatz zum Urlauber, der seine wohlverdienten Ferien genießt, nicht jeden Cent umdreht und es sich 2-3 Wochen lang einfach gut gehen lassen möchte, versucht der klassische Backpacker, mit möglichst wenig Geld, möglichst lange umher zu tingeln. Ohne Rückflugticket, mit vieeel Zeit, und dem Ziel, mit dem Ersparten dem deutschen Alltag so lange es geht zu entfliehen. Ich habe mir vor meiner Reise rein prophylaktisch das 3-Monats-Visum organisiert, um hier keine Rennerei zu haben und ganz frei entscheiden zu können, wie lange ich bleiben möchte. Diese Ungebundenheit ermöglicht es einem meiner Meinung nach, sich selbst die Zeit zu geben, auch mal innezuhalten und einfach ein paar Nächte dran zu hängen, wenn es einem irgendwo besonders gut gefällt. So bin ich mittlerweile einen ganzen Monat in Weligama hängen geblieben, obwohl dieses Örtchen nie auf meiner Liste stand (und ich gar keine Liste habe :D ). Nach 2 Wochen bin ich vom Beatroot Hostel ins Basecamp Yoga Guesthouse umgezogen, und habe auch dort noch 2 Wochen „gearbeitet“. Meine Jobbeschreibung umfasste, dass ich jeden Morgen 90 Minuten Yoga in unserem wundervollen Shala mit Blick aufs Meer machen und assistieren durfte, danach ein unglaubliches, jeden Tag neu erfundenes Frühstück genießen konnte, und den Rest des Tages mit Blick aufs Meer die Rezeption betreute und an meinen eigenen Projekten arbeitete, oder mit den Gästen surfen ging. Abends führten wir unsere Gäste in die besten westlichen und lokalen Restaurants der Umgebung – und das war der Job. Furchtbar, ich sags euch.

Jedenfalls habe ich mich im Basecamp das erste Mal um ein etwas…nunja, gehobeneres Klientel der Gäste kümmern dürfen. Dabei fand ich es immer wieder erstaunlich, wie sehr die Wahrnehmung eines Landes auseinander gehen kann, abhängig davon, ob man sich einen netten Urlaub gönnt oder eben, wie ich, ohne Plan und viel Geld durch die Gegend gurkt. Ihr wisst ja bereits, dass ich besonders am Anfang durchaus zu kämpfen hatte und mit der Mentalität und Lebensweise etwas überfordert war. Mittlerweile habe ich die Menschen einzuschätzen und lieben gelernt, jedoch haben sie dennoch eine extrem aufdringliche und unhöfliche Art, wenn sie einem etwas andrehen wollen. Das ständige Feilschen und Diskutieren gehören dabei genauso dazu, wie der grundsätzlich verdoppelte Preis für Touristen. Ich musste dann immer etwas schmunzeln, wenn unsere Gäste mit strahlenden Augen berichteten, wie uuunglaublich freundlich hier alle sind. Ja, natürlich sind sie freundlich zu dir, wenn du 3000 LKR für eine Fahrt mit dem Taxi bezahlst, die nur 30 LKR mit dem Bus kostet. Oder einen Haufen Geld für eine Schnorcheltour ausgibst, obwohl du einfach alleine mit einem Schnorchel ins Wasser gehen könntest. Versteht mich nicht falsch… ich habe hier wahnsinnig nette, großzügige und gastfreundliche Menschen kennengelernt. Und nur, weil sie dir etwas völlig überteuert verkaufen wollen, spricht das nicht gegen ihre freundliche Mentalität. Aber man sollte dennoch differenzieren und sich bewusst machen, das man am Ende vor allem ein „Walking Wallet“ ist und die Leute hier sehr wohl wissen, dass wir Zuhause mal eben ein Eis essen gehen von dem Geld, das sie hier an einem Tag erarbeiten. Aber auch die andere Seite der Wahrnehmung gibt es: beispielsweise hat mich eine unserer jüngeren Besucherinnen mit ängstlichen Augen gefragt, ob es denn gefährlich sei, wenn sie mal tagsüber kurz allein in den Ort gehe. Und ich nicht anders konnte, als laut los zu lachen.
Es gab aber übrigens auch eine einzige Situation, in der mir mein Touristenstatus definitiv geholfen hat: nämlich als genau dann mal wieder Stromausfall war, als meine Kreditkarte im ATM steckte – 3 Tage vor Abflug. Die Locals waren sich sicher, dass ich die erst in 2-3 Wochen zurück bekommen würde, denn so ticken hier eben die Uhren. Mein singhalesischer Freund Nilu hat mich dann zum Glück ermutigt, in der Bankfiliale einen Aufstand a la wütende upper-class-lady (haha) anzuzetteln, und zack – einen Tag später hatte ich meine Karte wieder. Tja, man muss halt erst mal mitkriegen, wie der singhalesische Hase so läuft…

Nehmt es mir bitte nicht übel… natürlich kann man auch als Urlauber eine super authentische Reiseerfahrung machen. Was ich schlussendlich eigentlich sagen will, ist, dass ich in den vergangenen 7 Wochen ein wunderbares Land kennen lernen durfte. Mit extrem vielseitiger Natur, von üppigen Teeplantagen, über dichten Dschungel bis hin zu traumhaften Stränden. Mit warmherzigen Menschen, die gerne ihre Geschichten und ihr Streetfood teilen. Mit verrückten Busfahrern, zahnlosen Fischverkäufern und langhaarigen Beachboys. Mit uuunglaublich leckeren Früchten, kunterbunten Vögeln und super dreisten Affen. Aber auch mit leider viel zu viel Plastikmüll am Strand und Straßenrand. Mit einer unfassbaren Menge an Straßenhunden, die verwahrlost in den Ecken kauern. Mit politischen Unruhen zwischen den vielen Glaubensgemeinschaften, auch wenn es dabei wirklich erstaunlich ist, wie gut das Zusammenleben im Großen und Ganzen harmoniert. Und mit Einwohnern, die unachtsam mit ihren kostbaren Ressourcen und Tierwelt umgehen. Und das, obwohl ich nur einen Bruchteil des Landes erkundet habe. ABER: ich war mit Sicherheit nicht zum letzten Mal hier. Und irgendwann komme ich sicher noch einmal als Tourist wieder und gönne mir 3 Wochen lang eine Rundreise mit privatem Fahrer, der mich zu all den Sehenswürdigkeiten chauffiert, anstatt verschwitzt im Bus eingequetscht zu sein und panisch die Überholmanöver durchzustehen. Dann kuschel ich mich abends in große Betten und saubere Laken, anstatt mir den Schlafsaal ohne Klimaanlage mit 5 betrunkenen Israelis zu teilen. Aber dann werde ich dennoch immer noch Freude daran haben, auf sinhala ein TukTuk zu rufen und mein Curry genüsslich mit den Fingern zu essen…

Jetzt geht es für mich aber erstmal nach Phuket, um ab Mitte November meine 4-wöchige Yogalehrerausbildung auf Koh Phangan zu absolvieren. Da ich das alles aber erst vor ein paar Tagen beschlossen habe, bin ich wie so oft vollkommen unvorbereitet auf das, was mich in Thailand erwarten wird. Und nicht mal einen Reiseführer habe ich dabei! :D Aber genau das macht es ja irgendwie so spannend…
Ich freue mich, wenn ich euch einen kleinen Einblick in meine Reise und Erfahrungen auf Sri Lanka geben konnte und euch vielleicht ermutigt habe, auf den Reiseführer und das Rückflugticket das nächste Mal zu verzichten :) 

„Tourists don’t know, where they’ve been -
Travelers don’t know, where they’re going.“

#sri#lanka#ceylon#weligama#surf#yoga

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