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Abschnitt 3: Von Kerzen, Schmetterlingen und Äpfeln

Veröffentlicht: 07.09.2018

InhaltVon Kerzen, Schmetterlingen und Äpfeln

Unser nächster Halt führte uns in die Nähe von Altayskoye, einem kleinen Ort im Altaigebirge. Dort lebten wir bei einer Familie mitten im Nichts. Andrej, seine Frau Olga, Sohn Larijon (10) und die kleine Lisa (2) mit Hund Bima und Katze Leila haben uns mit ihrer Herzlichkeit in ihrem wunderbaren Zuhause empfangen. In dem kleinen Dorf spielt sich das Leben draußen ab, weswegen wir auch eine draußen-Küche hatten, in der man sich getroffen hat um gemeinsam zu essen, tolle Gespräche zu führen und den Tag zu besprechen. Geschlafen haben wir auf einem nicht ausgebauten aber super gemütlichen Dachboden, welcher nur mit einer kleinen Lampe und einer Steckdosenleiste ausgestattet war. Dort haben wir uns dann auf unsere Matratzen (zu diesem gibt es noch eine längere Geschichte) in unsere super warmen Schlafsäcke gekuschelt. Unsere Toilette war ein kleines Plumsklo im Garten, unsere Dusche eine Regnwasserdusche oder ein kleines, total gemütliches Saunazelt, in dem wir vor dem Duschen ein kleines Feuer angezündet haben. Am aller ersten Tag wurden wir mit auf ein Dorffest genommen. Auf diesem wurden vor allem Äpfel und Honig verkauft, es gab eine Bühne und verschiedene Attraktionen, wie Paintball - schießen oder einen angry birds stand. Zunächst fühlten wir uns dort etwas unwohl und hatten das Gefühl, wir gehörten hier nicht richtig hin, da sich alle untereinander zu kennen schienen. So guckten wir uns zunächst die Shows an, die aus vielen Chören bestand, welche sehr schief und gleichzeitig sehr liebenswert in traditioneller Kleidung alte Lieder sangen. Doch auch jüngere BewohnerInnen traten auf , Jugendliche tanzten zu Britney Spears und X-Tinas besten Hits der 90er und 2000er und ein Junge um die 12 Jahre lief uniformiert mit einer hoffentlich unechten Waffe und einer Russlandfahne über den Schultern auf und ab. Erstmal war das doch eine sehr befremdliche Szene, die sich uns da bot, doch wir haben schnell festgestellt, wie super nett und aufgeschlossen die Altayskoyer sind. So wurden wir vom sehr lieben Menschen auf fünf bis zehn Honigschnäpsen und Pfannkuchen eingeladen. Ohne ein Wort der anderen zu verstehen kamen wir so schnell in Kontakt und hatten viel Spaß. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass sonst kaum jemand auf diesem Fest getrunken hat. Also, wieder einmal hat sich das Vorurteil vom Wodka trinkenden Russen absolut nicht bestätigt.

Am nächsten Tag haben wir dann mit unseren Aufgaben begonnen. Wir haben in den zwei Wochen Birken- Kirsch-, und Himbeerblätter gesammelt, um daraus Tee zu fermentieren, eimerweise Äpfel gesammelt und zu Apfelchips, -Saft und Marmelade verarbeitet, Unkraut gejätet, Tomaten gesammelt und eingekocht und Kerzen aus Bienenwachs gemacht. Obwohl wir also immer viel zu tun hatten, schien das Leben langsamer und ruhiger zu verlaufen. Die Art des Lebens und die wunderbar herzliche Familie haben uns so gut gefallen, dass wir entschieden haben länger zu bleiben als ursprünglich geplant war. Und das, obwohl ich echt zeitweise kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, auf Grund von Babitschkas, also Schmetterlinge, wie Lisa die dicken ekeligen Motten nannte, die ihr Lieblingsspielzeug und mein Albtraum zugleich waren. Die Tiere waren überall, sie setzen sich überall hin und legten ihre Eier ab, auch auf Menschen, wenn man die Tiere nicht schnell genug bemerkte. Die Eier sind nicht gefährlich, man kann sie einfach abklopfen, aber die sind super ekelig. Es waren so viele Babischkas, dass an einigen Stellen der Abendhimmel voll von weißen Flecken war. Und das Schlimmste: sie bahnten sich nachts ihren Weg durch die Isolierfolie unseres Zimmers. Wir haben also die komplette Tür und Wand neu mit Holz verkleidet, damit ich nachts schlafen konnte. Wenn es dunkel wurde, haben wir die Jacken bis über die Nasenspitze zu gemacht und sind mit Besen bewaffnet auf die Jagd gegangen. Ich bin zu einer richtigen Barbischka-Jägerin geworden und hoffe, dass wir den kleinen Flauschfiechern nicht nochmal irgendwo begegnen.

Als wir einen Tag frei hatten, gingen wir wandern in den Bergen. Leider endete der Weg, doch statt zurück zu gehen, entschieden wir uns dazu, lieber weiter in den Wald zu gehen und einen Weg zu suchen. In Russland vom Weg abkommen heißt jedoch nicht wie in Deutschland ein paar Gräser überwinden. Wir fanden uns schnell in einem Brennnesselfeld wieder, das mindestens 1,8 Meter hoch, an einem Abhang gelegen und scheinbar undurchdringlich war. Mit einem Stock ausgestattet kämpften wir uns durch das Dickicht und kamen rechtzeitig zum Abendessen, womit wir wirklich nicht mehr gerechnet hatten, völlig am Ende wieder im Dorf an. Wann Abendessenzeit war hörte man übrigens von Weitem, da der Kuhhirte um die Uhrzeit die Kühe zurück ins Dorf trieb und ihre Glocken laut läuteten. Das Essen war wohl das leckerste, das wir auf unserer Reise je essen werden. Alles vegetarisch, direkt aus dem Garten und mit viel Liebe von Olga gekocht.

Ein anderes Mal sind wir mit Andrej wandern gewesen. Er hat uns zu einem für ihn sehr spirituellen Ort in dem Bergen geführt, von wo aus man die Berge hinter den Bergen hinter Bergen sehen konnte, es war atemberaubend. Dort auf dem Berg redeten wir viel über Spiritualität, die Familie gehört dem hinduistischen Glauben an. Andrej und Olga lernten sich in einer Zeit kennen, in der Andrej als hinduistischer Mönch in Norwegen lebte und Olga in diesem Tempel in der Küche half. Viele seiner friedvollem Gedanken und Metaphern haben uns sehr erfüllt. Eine davon möchte ich an dieser Stelle gerne mit euch teilen.

Wir alle sind wie Kerzen. Wenn eine Kerze in einem dunklen Raum steht, spendet sie Licht in der Dunkelheit. Wenn mehrere Kerzen hinzukommen, gibt die eine Kerze ihr Licht und ihre Wärme an die anderen ab. Deswegen wird ihre Energie aber nicht weniger, viel mehr wird der ganze Raum erleuchtet. Unser Licht ist nicht wie Geld, es wird nicht weniger wenn man es teilt. Es wird vielmehr immer stärker.

Die Gespräche mit Andrej, seine positive Art hat es mir etwas leichter gemacht, mit den Geschehnissen in Chemnitz umzugehen. Für mich war es überwältigend und erschreckend zu sehen, welches Ausmaß der Hass angenommen hat und so weit weg zu sein und kein Zeichen setzen zu können. Beruhigend ist aber zu wissen, dass wir so viele so tolle Menschen kennen, die sicher für uns mit gegen den Hass demonstriert haben und, um in der Metapher zu bleiben, ihr Licht mit anderen geteilt haben. Hass ist eine Kreatur, die sich verselbstständigt, wenn sie einmal erschaffen wurde, sagte Andrej zu uns. Lasst uns die Kreatur gemeinsam besiegen!

Ein Freund von Andrej, Dima, ist vor Kurzem erst aufs Land gezogen. Er hat uns seine Bienen gezeigt und in seinem Garten herumgeführt. Auch er ist hinduistischer Mönch. Wenn wir auch nicht all seine Ansichten teilen, war es doch bemerkenswert, wie viel Kraft diese Menschen anderen geben.

Andrejs großer Traum ist es, einen Tempel aller Religionen zu schaffen, um eine Begegnungs- und Bildungsstätte zu schaffen. Das Land hierfür hat er bereits gekauft. Andrej ist aber nicht nur ein spiritueller Mensch, sondern einfach auch super witzig und hilfsbereit. Wir hoffen, ihn noch einmal besuchen zu können, um ihn und seine Familie in ihrem wunderbaren Projekt unterstützen zu können!

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