Tag 7 - Kyoto -> Tokio (Shinkansen-Fahrt)
Liebe Reisefans, Heute war’s also soweit – Shinkansen-Bullet-Train-Time! Gebucht war der Nozomi 80, Abfahrt 09:01 Uhr. Klingt erstmal human, bedeutete für uns aber: Wecker um...


Veröffentlicht: 11.06.2025
Liebe Japan-Interessierte,
Heute Morgen war endlich mal ein Start in den Tag ganz nach unserem Geschmack – entspannt, ohne Wecker, ohne jeglichen Druck rausgehen zu müssen. Nach dem straffen Programm der letzten Tage war das auch dringend nötig. Natürlich haben wir nicht komplett auf der faulen Haut gelegen. Also ich nicht. Während Ramona noch friedlich unter ihrer Kuhmuster-Augenmaske geschnarcht hat (und nein, es werden keine Fotos davon hochgeladen – sie würde mich umbringen), habe ich mich um Tickets für teamLab Borderless gekümmert. Wer das nicht kennt: teamLab ist ein Künstlerkollektiv, das digitale, interaktive Kunsträume erschafft – die Macher dahinter sind Programmierer, Architekten, Ingenieure, Mathematiker und generell Menschen, die vermutlich mindestens zwei Mal so klug sind wie ich vor dem ersten Kaffee.
In Tokio gibt es zwei große teamLab-Ausstellungen, die damit werben immersiv zu sein: teamLab Borderless und teamLab Planets. Beide sind extrem beliebt und oft tagelang im Voraus ausverkauft. Ich hab’s irgendwie geschafft, noch zwei letzte Tickets für heute Abend um 19 Uhr zu ergattern. Für Planets war während unseres gesamten Aufenthalts nichts mehr zu bekommen. Also: Wenn ihr auch mal in Tokio seid und hinwollt, bucht wirklich rechtzeitig. Und falls ihr euch wie ich fragt, was „immersiv“ eigentlich genau bedeutet – ich hab’s gerade gegoogled: Es beschreibt ein Erlebnis, bei dem man so tief eintaucht, dass die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verschwimmen. Klingt abgefahren? Ist es wahrscheinlich auch. Selbst Leonardo DiCaprio, David Beckham, Lewis Hamilton und Steve Aoki waren schon da. Heute also wir.
Bis 19 Uhr war noch etwas Zeit, und wie so oft in Japan hat der Magen irgendwann das Sagen – also raus aus dem Hotel und rein ins nächste kulinarische Abenteuer. Dieses Mal: Abura Soba (Ölnudeln, frei übersetzt) im Ganso Abura-dō. Anders als bei Ramen gibt’s hier keine Brühe – stattdessen kommt Sesamöl, Sojasoße, Essig und Chiliöl hinein. Das Ganze wird ordentlich durchgemischt, sodass sich die Aromen gleichmäßig über die Nudeln legen. In unserer Variante kamen noch Schweinefleisch, Parmesan und ein rohes Eigelb obendrauf. Klingt erstmal wild, schmeckt aber wie ein kleines Umami-Feuerwerk. Die Mischung aus würzig, cremig, scharf und leicht süßlich hat richtig reingehauen – schön schlonzig, wie man sich das wünscht. Fazit: absolut empfehlenswert, besonders wenn man mal etwas anderes als klassische Ramen probieren will.
Glücklich und gesättigt sind wir weitergezogen – zur vermutlich belebtesten Kreuzung Japans, wenn nicht der Welt: Shibuya Scramble Crossing (Shibuya sukuranburu kōsaten). Eine sogenannte "Alle-gehen-Kreuzung", bei der während einer Ampelphase alle Fußgänger gleichzeitig in sämtliche Richtungen – auch diagonal – über die Straße gehen dürfen. Und das ist kein kleines Gassenfest: Zu Stoßzeiten, also zwischen 17 und 19 Uhr, sollen bis zu 3.000 Menschen gleichzeitig die Kreuzung überqueren. Hochgerechnet sind das rund eine halbe Million Menschen pro Tag – so viel wie Frankfurt Einwohner hat, nur eben komprimiert auf ein paar Dutzend Quadratmeter. Verrückt!
In Japan gibt es etwa 300 solcher „Alle-gehen-Kreuzungen“. In Deutschland hingegen sind sie eine echte Rarität: Es existieren lediglich sechs dieser Kreuzungen – zwei in Köln, jeweils eine in Berlin, Witten, Wuppertal und Darmstadt-Arheilgen.
Und bis 19 Uhr war es nicht mehr allzu lang. Wir haben uns entschieden, zu Fuß zum teamLab zu laufen – aufgrund eines schlechtem Gewissen angesichts all des guten Essens der letzten Tage. Unser Weg führte uns durch Azabu, ein exklusives Wohnviertel im Tokioter Bezirk Minato. Das letzte Mal, dass ich so viele Maybachs, Rolls-Royce und Porsches hintereinander gesehen habe, war auf der IAA 2005 in Frankfurt 😃 Es war quasi eine Ausstellung vor der eigentlichen Ausstellung. Angekommen beim teamLab ging alles erstaunlich schnell: Innerhalb kürzester Zeit waren wir drin – und hatten ziemlich schnell eine komplette Reizüberflutung (positiv gemeint). Hätte ich nicht bereits vorher gegoogelt, was immersiv bedeutet, hätte ich spätestens jetzt gewusst, worum es geht. Wir waren gefühlt nicht mehr in Tokio, sondern in einer Parallelwelt voller Farben, Lichter, Formen, Blumen, Spiegel und interaktiven Effekte. Manche Räume konnte man durch bloße Berührung verändern – irgendwie magisch. Ich sage es ganz ehrlich: Wenn mich in dem Moment Alice aus dem Wunderland angesprochen hätte, ich hätte wahrscheinlich ein völlig normales Gespräch mit ihr geführt. So sehr hat einen diese Welt hineingezogen. Und nein – ich habe vorher keine Drogen genommen. Ramona auch nicht, soweit ich weiß.
Das teamLab in Tokio ist wirklich ein Erlebnis. Wir haben teilweise Räume erst nach Stunden entdeckt – und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir längst nicht alles gesehen haben. Falls ihr also jemals die Gelegenheit habt, eine teamLab-Ausstellung zu besuchen: Nutzt sie. Wir werden das erlebte definitiv nicht so schnell wieder vergessen. Und nach all dem visuellen Overload und Staunen haben wir den Tag ruhig ausklingen lassen – mit einer weiteren Runde Sushi im gleichen Laden wie am Vorabend.
