#63 Es ist soweit
"Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere." (Jean-Paul Sartre) So ist es also nun soweit. Ein letztes Mal werde ich einen neuen Blogbeitrag aus Kanada...


Veröffentlicht: 23.11.2023




























Nun habe ich euch aber ziemlich lange warten lassen und ich muss auch sagen, dass es keine abschließenden Worte für deine Ohren gibt – sorry.
Hinweis:
Am 16.12. (Samstag vor dem 3. Advent) zwischen 15 – 17 Uhr wird es einen Vortrag über meine Zeit in Kanada geben. Da ich jetzt hier nicht einfach die Adresse publizieren möchte, gibt es zwei bzw. drei Möglichkeiten.
1. Du befindest dich in meinen privaten WhatsApp bzw. Instagram Kontakten, dann wirst du dort zeitnah noch mal den Ort mitgeteilt bekommen.
2. Du meldest dich persönlich bei mir und dann teile ich dir die Adresse mit.
3. Dir ist der Vortrag egal. 😅
Seit nun mehr zwei Wochen bin ich wieder zurück in Deutschland und natürlich würde es keinen Sinn machen, jetzt hier die zwei Wochen zu schildern, da die bei weitem nicht so spannend sind wie zwei Wochen in Kanada. Außer du willst meine Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie miterleben, denn die hat mich auch wieder komplett eingeholt. Ich möchte diesen Beitrag nur nutzen, um ein wenig über meine erste Zeit in Deutschland, (kleine) negative Punkte von Kanada und was ich alles so nicht gemacht habe, zu berichten.
Ich denke, die Entscheidung, meine letzten Tage in Vancouver zu verbringen, war die richtige, denn so fiel mir der Abschied aus Kanada nicht schwer bzw. war dieser Abschied nicht mit dem aus Tatla Lake zu vergleichen.
Erstens hatte ich die Erkältung, die mich relativ eingeschränkt hat, dann war das Wetter überwiegend bescheiden und dann ist Vancouver in meinen Augen hässlich, wenn man sich nicht nur an den besonders touristischen Plätzen aufhält.
So bin ich am letzten Tag vor meinem Abflug in Vancouver auch (durch Zufall) über die Hasting Street gelaufen und diese Straße steht einfach stellvertreten für das, was in Kanada unter anderem extrem schief läuft: Die Drogenpolitik. Wenn du dort Menschen aller Altersgruppen siehst, die einen durch den Drogenkonsum verkümmerten Körper haben, ist das einfach erschreckend. Ich kann die Körperhaltung nicht mal richtig beschreiben, aber viele haben dort einfach einen gefühlt 90 Grad gebeugten Oberkörper, den sie auch nicht mehr aufrichten können. (Du kannst einfach bei Google „Hasting Street Vancouver“ eingeben und dir dort die Bilder angucken) Wenn du diese Menschen siehst, mit ihren offenen, entzündeten Wunden, ihren zittrigen Händen, wie sie sich gerade eine Spritze setzen oder wie sie gerade noch vom Boden die letzten Reste Crack aufsammeln, um dies dann wiederum in eine Pfeife zu rauchen, die wahrscheinlich mehr Bakterien als jede öffentliche Toilette besitzt, ist das einfach erschreckend.
Also das muss ich sagen, dass das eine Sache war, die mir vor allem in den größeren Städten aufgefallen ist. Viele Menschen sehen leider den Rausch der Droge als letzten Ausweg. Ich vermute auch, dass es viele nehmen, da sie einfach Existenzkrisen hatten und dann dort hineingerutscht sind, denn Kanada ist vor allem eins: Teuer. Also als ich das erste Mal wieder in Deutschland mit Freunden einkaufen war, war ich positiv geschockt, wie billig doch alles ist (für meine Verhältnisse). Da hatte man wirklich den direkten Vergleich zwischen Kanada und Deutschland und das ist dann schon aufgefallen, wie krass teuer Kanada ist und dabei hatte ich selbst keine großen Ausgaben gehabt, da ich ja in der sehr glücklichen Lage war, mich nur während meines Roadtrips selbst komplett zu versorgen .
Ich möchte jetzt hier natürlich nicht nur negativ über Kanada berichten, was ja absolut nicht zu meinen anderen Beiträgen passt, aber es ist nun mal so, dass es halt kein perfektes Land gibt und auch Kanada seine Schattenseiten hat. Ich hatte halt einfach das Glück, dass ich von all den negativen Punkten sehr wenig mitbekommen habe, da ich größtenteils einfach am Arsch der Welt gelebt habe.
Nichtsdestotrotz ist Kanada ein Land, welches ich immer lieben werde und auch bestimmt oft bereisen werde, denn ich habe noch eine Rechnung mit dem Land offen: Ein Roadtrip nach Yukon. Das ist etwas, was mir immer noch schwer auf dem Herzen liegt. 🥲Das dieser zweite Roadtrip in den Norden nicht geklappt hat, ist wirklich ärgerlich. Wie gerne hätte ich die noch abgelegenen Orte bereist, wie gerne hätte ich noch andere Wildtiere gesehen und wie gerne hätte ich die Polarlichter gesehen. Eine Sache, die immer noch ein Stich ins Herz ist. Wie ärgerlich ist das aber auch, dass selbst in Deutschland immer häufiger Meldungen über Polarlichter kommen und ich immer Wolken hatte, wenn die Möglichkeit gut war..... einfach unglaublich bitter.
Und natürlich habe ich auch andere Sachen nicht in Kanada gemacht, die ich noch nachholen muss. So habe ich nie die kanadische Spezialität Poutine, die aus Pommes, Käse und Bratensauce besteht, gegessen. Ich habe mich viel zu wenig mit der indigenen Bevölkerung auseinandergesetzt und hätte gerne noch mehr von ihnen, ihre Kultur und ihre Geschichte gelernt. Denn die Geschichten, die ich über die indigenen Menschen gehört habe, wurden halt immer von nicht Indigenen geäußert. Ich habe mich auch absolut null mit der Politik in Kanada beschäftig. Das hatte aber auch einen ganz einfachen Grund: „Die Welt geht zu Grunde.“ Egal welches Nachrichtenportal man nutzt, am Ende geht es doch nur um Krieg & Leid und warum sollte ich mir diese schlimmen Nachrichten antun, wenn ich doch das Paradies genau vor meiner Haustür hatte. So habe ich mich halt nur minimal mit politischen Nachrichten (und dann auch nur deutsche) auseinandergesetzt. Ich möchte jetzt hier natürlich nicht den Eindruck vermitteln, dass alles schlecht war, das auf keinen Fall. Ich werde immer sagen, dass Kanada und meine Zeit dort ein absolutes Geschenk und in meinen Augen ein Privileg war, welches ich nie vergessen werde. Mit diesem letzten Beitrag wollte ich nur ganz kurz anreißen, dass eben nicht alles perfekt ist in diesem unfassbar wunderschönen Land.
Ach, und eine Sache, die ich auch anders hätte machen können, war mein Englisch. Dass ich jetzt englisch reden kann, ist glaube selbstverständlich 😁, ABER (!) es ist nicht perfekt! Da muss ich ganz ehrlich sagen, dafür habe ich mich auch zu wenig reingehangen, denn irgendwann ist die Priorität des Englisch Lernens immer kleiner geworden, da es einfach noch so viel andere Sachen gab, die mein Gehirn aufnehmen wollte. Klar ist das ärgerlich, aber mein Ziel war auch nie, mit einem perfekten Englisch nach Hause zu kommen (sonst muss ich hier noch irgendwann fachfremd englisch unterrichten 😂) Dafür, dass ich vorher aber das Niveau eines Grundschülers hatte, ist mein Englisch schon deutlich besser und daher bin ich mit mir selbst zufrieden und das ist das Wichtigste.
Da fällt mir noch eine Sache auf, die eventuell negativ ist. Es ist halt schon sehr teuer nach Kanada zu fliegen und über den Umweltfaktor müssen wir glaube nicht reden. Bei meinem errechneten CO² - Ausgleich kam heraus, dass ich einfach durch diesen Flug fast zwei Tonnen CO² verursacht habe, was einfach unfassbar viel ist. Das muss dann halt jeder für sich selbst entscheiden und natürlich ist ein Langstreckenflug auch nicht für jeden etwas.
Aber wie waren denn nun meine ersten Tage wieder in Deutschland?
Der Abschied ist mir wie gesagt nicht schwergefallen, was auch daran lag, da man direkt in die Wolken reingeflogen ist und ich einfach auch nichts mehr gesehen habe (außer ganz kurz die Rocky Mountains) und nach einer Stunde war es dunkel.
In Deutschland angekommen wurde ich gleich mit einem „typischen deutschem Klischee“ begrüßt und zwar das ständige Meckern. Ich war noch nicht einmal bei der Gepäckausgabe und war schon genervt, da mir schon auf diesem kurzen Weg Leute entgegengekommen sind, die einfach (in meinen Augen) unbegründet das Flughafenpersonal so beschimpft haben, wo ich mir echt dachte: Herzlich Willkommen in Deutschland. Diese „Meckerkultur“ ging dann bei der Gepäckausgabe weiter. Da dachte ich mir auch: Sei doch einfach dankbar, dass du nach ca. 9 ½ h sicher gelandet bist, anstatt dich jetzt aufzuregen, dass das Gepäck etwas länger braucht. Du kannst es doch sowieso nicht ändern.
Am Flughafen wurde ich dann von Freunden abgeholt, bei denen ich die ersten zwei Nächte übernachtet habe. Als wir zusammen einkaufen waren, war ich echt baff über die Preise. Irgendwie hat mein Gehirn alles sofort verglichen und in meinem Kopf ging es ungefähr so ab: Wow, das kostet hier 2,50 €, also in Kanada hätte das jetzt umgerechnet mehr als 6 CAD gekostet.
Was auch richtig krass war, war, das mir theoretisch ein Tag gefehlt hat, da ich am Mittwoch losgeflogen, aber erst am Donnerstag gelandet bin. Damit hatte mein Gehirn echt zu tun gehabt. Was auch gerade in den ersten zwei Tagen oft vorkam, war, dass ich mich über Leute aufgeregt habe, die deutsch geredet haben, einfach weil mein Gehirn noch so auf Englisch ausgerichtet war und ich mir immer dachte: Das gibt es nicht, schon wieder eine deutsche Person. 😅 Sehr kurios, aber hat zum Glück dann auch zeitnah nachgelassen. 😂
Sonst hatte ich halt das typische Jetlag Problem, wie z.B., dass ich einfach sehr oft müde war. Tatsächlich hat sich das noch bis vor einigen Tagen durchgezogen, sodass ich plötzlich im Verlaufe des Tages supermüde wurde, aber dafür dann 6 Uhr morgens hell wach war und nicht mehr einschlafen konnte. Was ich auch öfters hatte, war der Gedanke, dass es gleich bei mir 15 Uhr ist und bei euch in Deutschland Mitternacht, bis mir dann auch wieder eingefallen ist, dass wir alle in der gleichen Zeitzone wieder sind. 😅 Die kurioseste Situation hatte ich, als ich spazieren war und ein umgefallener Baumstamm hinter einem Gebüsch „auftauchte“ und mein Gehirn plötzlich aufrief: Achtung, ein Schwarzbär! 😂 Irgendwie war mein Gehirn da noch auf: Absolute Vorsicht und sofortige Reaktion gepolt. 😂
Ja, aber das war es eigentlich auch schon. Nachdem ich noch einige Freunde besucht habe, ging es dann zu meinen Eltern und hier lebe ich nun erst mal wieder. Ich bin natürlich dankbar, dass meine Eltern auf dem Dorf wohnen, denn so entgehe ich jetzt der durchgehend erhöhten Geräuschkulisse und habe doch immer die Möglichkeit, in Ruhe eine Runde spazieren zu gehen.
Und bevor ich die letzten Zeilen hier schreibe, noch eine Sache zu meinem Bart und Haar. Ich habe in all der Zeit in Kanada weder meinen Bart noch mein Haupthaar rasiert. Da man als Lehrkraft schon ein gepflegtes Erscheinungsbild haben sollte, hätte ich natürlich niemals im aktiven Dienst meinen Bart oder mein Haar so wachsen lassen können, daher habe ich diese Zeit einfach als Experiment genutzt. Es ist wirklich faszinierend, wie die Leute einen angucken, wenn man mit einem langen (und ja, auch stark ungepflegten) Bart durch die Straßen geht. Sehr oft habe ich Blicke erhalten, die mir gefühlt die abwertenden Gedanken im Kopf dieser Person direkt übertragen haben. 😅 Daher habe ich irgendwann in Kanada angefangen, dauerhaft zu lächeln und tatsächlich haben die Leute dann manchmal auch zurückgelächelt. 😊😁 Das war dann immer deutlich besser, als abwertende Blicke zu erhalten. 😅 Und auch wenn ich weiß, wie uuuuuunglaublich sexy ich mit meinem Bart aussah 😏😅 musste er ab. Dafür habe ich aber mein Haupthaar behalten. Ich war regelmäßiger Blut- und Plasmaspenden, bin im Besitzt eines Organspendeausweises und bin Mitglied bei der DKMS. Ich bin also sehr bereitwillig, Teile meines Körpers zu spenden (kling etwas komisch 😅), denn es gibt so viele Menschen, die auf all diese Spenden angewiesen sind und denen es deutlich schlechter geht. Gerade Menschen, die an Krebs erkranken und durch eine Chemotherapie oder durch andere Ursachen ihr Haupthaar verlieren, leiden oft darunter. Für diese Menschen ist eine Perücke wie eine zweite Haut. Daher habe ich mich dazu entschlossen (auch wenn mich meine Haare wahnsinnig nerven, muss ich ganz ehrlich sagen! 😂) meine Haare noch weiterwachsen zulassen, bis sie lang genug sind, um diese zu spenden. Für mich wird es irgendwann nur ein Friseurbesuch sein, aber für einen erkrankten Menschen kann es eine extreme psychische Entlastung sein. Daher habe ich meine langen Haare behalten. Ach, und wenn du lange Haare hast, aber vlt. mal eine Kurzhaarfrisur ausprobieren willst, kannst du ja auch über eine Spende nachdenken. Deine Haare wachsen ja sowieso wieder nach.
Die letzten Zeilen, die somit nun das finale Ende des Beitrags einleiten, möchte ich nutzen, um Danke zu sagen.
Danke an jede einzelne Person, die meinen Beitrag gelesen oder auch gehört hat. Einige haben mich manchmal aufgemuntert, wenn es mir nicht so gut ging, andere haben sich (zu Recht) über die Länge meiner Beiträge aufgeregt 😂 und wiederum andere haben mir einfach gesagt, dass sie meinen Schreibstil mochten.
Danke, dass ihr mich indirekt über all die Zeit begleitet habt. Dieser Blog war ein Versuch, euch mein kanadisches Leben etwas näherzubringen, auch wenn die Schönheit des Landes weder in Wort noch fotografisch 100% das widerspiegelt, was ich erleben durfte.
Ich hoffe, ich konnte dich mit meinen nun insgesamt 65 Beiträgen (280 Wordseiten) und über 2160 Bildern unterhalten, aufmuntern oder ablenken. Es war mir eine Freude.
Somit schließe ich nun diese Kapitel und wünsche dir für deinen weiteren Weg, wo immer er dich auch hinführen wird, nur das Beste.💚
Pass auf dich auf. Liebe wen du lieben möchtest und entschuldige dich nie dafür du selbst zu sein ach und schütze die Natur in den Rahmen, der dir möglich ist. Sie ist zu schön, um vernichtet zu werden.
Samuel
