ÖV grenzwärtig: Der Norden
Mein Weg führt mich heute nach Norden. Ziel ist die nördlichste ÖV-Haltestelle der Schweiz: Barge

Veröffentlicht: 09.08.2026



















Heute führt mich mein Projekt ins Engadin. Vinadi (deutsch: Weinberg) ist die östlichste Ortschaft des Kantons Graubünden und zugleich der am weitesten talabwärts gelegene Ort des Engadins. Die gleichnamige Postautostation ist die östlichste des Schweizer ÖV-Netzes.
Historisch war Vinadi im 19. Jahrhundert ein wichtiger Grenz- und Zollpunkt. Heute gehört der direkt am Inn gelegene Weiler zur Fraktion Martina in der Gemeinde Valsot. Bis 1815 markierte Vinadi die Grenze der Alten Eidgenossenschaft. Erst 1848 wurde der offizielle Schweizer Zoll- und Grenzposten ins nahegelegene Martina (Martinsbruck) verlegt. Das linke Ufer des Inns blieb jedoch bis Vinadi Schweizer Gebiet. Der deutsche Name „Weinberg” ist irreführend, da es dort nie Weinberge gab. Er geht stattdessen auf eine sprachliche Neudeutung des älteren Begriffs „wimberg” für eine dortige Quelle zurück.
Genug des unnützen Wissens. Zunächst muss man ja mal dorthin kommen. Landschaftlich reizvoll rollt der Zug entlang der Ufer des Walensees. Ich hab das ganze obere Deck für mich und kann die Kühle und Ruhe genießen. Ab Landquart geht es mit zwei Zugsteilen mit unterschiedlichen Reisezielen via Klosters weiter. Das ruft bei ungeübten Reisenden spannende Reaktionen von irritiertem „Hä?” bis zu hektischen Abteilswechseln hervor. In Klosters werden die Züge getrennt. Bis dahin sind aber alle Reisenden gut einsortiert und können an ihre Destination weiterreisen.
Aus der hitze- und trockenheitsgeplagten Restschweiz kommend, bestaune ich im "Prettygau" nun saftig-grüne Wiesen, Wälder in sommerlicher Pracht und sprudelnde Brunnen. Das ist eine echte Wohltat, nachdem wir zu Hause seit Wochen nur noch im Notbetrieb kutschieren.
Über die Vereinalinie tuckern wir nach Scuol-Tarasp, dem östlichsten Bahnhof des RhB-Netzes. Der Vereinatunnel ist mit 19 km der längste Meterspurtunnel der Welt. Neben all den fantastischen Kunstbauten ist dies ein weiterer Bahnrekord, der die Bähnlertöchter und -söhne der Schweiz mit Stolz erfüllt.
In Scuol finden auch regelmäßig Sommerlager der Krienser Schulen statt. Auch mir war das Glück einmal vergönnt. Zum Glück gab es damals noch keine Handys. Deshalb breiten wir über meine Heldentaten den gnädigen Mantel des Schweigens.
Vinadi selber ist schnell erkundet: eine leerstehende Zollstation, eine verlotterte Ustaria und ein stillgelegter Pinzgauer - cˋest tout! Ein veritabler Lost Place. Also ein Schattenplätzli gesucht, Picknick aus dem Rucksack gezaubert und fertig ist das Erst-Klass-Mahl. Die Gedanken schweifen 40 Jahre zurück, als wir mit dem 4li4-Pinzgauer halbsbrecherische Abenteuer. Ein legendäres Fahrzeug - noch heute in der Ukraine im Kriegseinsatz.
Die Rückreise verläuft schweizerisch unspektakulär. Alle Anschlüsse klappen, alle Züge haben Platz, sind sauber und klimatisiert. Nur die Umsteigeaktionen muten an wie Besuche im Umluftbackofen. SBB, da könnte man noch nachbessern!
