Begegnungen auf Rapa Nui
Paradies ist schön, wenn es sich als nützlich herausstellt....das war in diesem Fall leider nicht so. Der schönste Platz bringt wenig, wenn das im Leben am wichtigsten Element zum...

Veröffentlicht: 25.03.2019
Zurück von den Osterinseln, gerade in Santiago gelandet und mit der Aussicht, die beiden Mädchen aus La Serena wiederzusehen, die 3 Tage später ihren Rückflug haben, bin ich erst einmal wieder alleine, doch mit dem Gedanken bei meiner Schwester, die ich zum zweiten Mal zu finden versuchen werde. Sie ist dieses Mal nicht, wie sonst immer, am Flughafen gewesen. Ich wusste vorher schon warum und hatte es trotzdem gehofft, da die Hoffnung immer bleibt. Wer nicht hofft, der gibt auf. Am dritten Tag nach meiner Ankunft in Santiago, habe ich Sie bereits einen ganzen Tag lang versucht ausfindig zu machen. Ich bin nach Independencia, Mapocho, Recoleta, bin zum Estación Central, bin überall dort gewesen, wo Sie sein könnte. Ohne Sie hat Santiago sich anders angefühlt, leerer und trauriger, noch größer.
Kurz vor meinem Flug zu den Osterinseln, bin ich noch einmal dorthin gegangen, wo ich Sie vermutet habe, und habe beim Nachfragen an einem Kiosk erfahren, dass Sie von der Verkäuferin gesehen wurde.
Ich habe meine Nummer dort gelassen, damit sie diese an Sie weitergeben kann. Tatsächlich hat mich die Kioskfrau 2 Tage vor meiner Abreise auf den Osterinseln angerufen und mir gesagt, dass meine Schwester bei ihr war und sie die Nummer an Sie weiter gereicht hat.
Willkommen in der Realität ! Willkommen in der Welt !
Die so andere Dimension der Osterinseln verabschiedet sich am Abendhimmel Santiagos, als ich in die Stadt hineinfahre und in Providencia aussteige, das zu diesem Zeitpunkt nahste Viertel, wenn auch noch ein paar Metro Stationen entfernt von Independencia, meinem eigentlichen Ziel.
Das Hostel hat noch ein Einzelzimmer mit Doppelbett frei, ich nehme es. So schön wie das Princessa Insolente im Barrio Brazil ist es nicht, dafür näher an meinem Vorhaben. Ich bin froh endlich Duschen zu können und gehe danach raus, um etwas Essbares zu kaufen. Es ist Sonntag, bereits halb zehn, das habe ich vergessen, und mir bleibt nur ein überteuerter Pizza Bestell Service einige Quadras entfernt des Hostels.
Die Pizza Hawai esse ich in der Küche unten, neben mir einer der dicken Bulldoggen, die hier den Laden bewachen. Rausgegangen wird nicht mit ihnen, da sie ihr Gewicht und ihr Aussehen wert sind und solche Schmuckstücke trotz ihres Speichelvolumens sofort geklaut werden, inklusiven und vorherigem Aus - Dem - Weg - Räumen des Besitzers.
In der Küche treffe ich noch ein Pärchen, das hier wohnt und arbeitet. Es tut gut an diesem Abend etwas Gesellschaft zu haben. Wir unterhalten uns lange. Sonstige Gäste setzen sich aus einer Vielzahl von Peruanern und Kolumbianern zusammen, die hier wohnen, mal länger, mal kürzer, je nachdem. Wir trinken zusammen Tee und rauchen danach in dem kleinen Patio, der wenig Platz hat und von dem Kot Geruch der Bulldoggen eingenommen ist.
Irgendwann gehe ich nach oben. Ich fühle mich alleine, hundemüde und spüre, das meine Schwester mir nahe ist. Wir spüren uns.
Mit den Gedanken bei ihr und den Erinnerungen von den Osterinseln, die von der hiesigen Atmosphäre immer weiter von mir weg getragen werden, schlafe ich irgendwann ein.
Gleich am nächsten Morgen gehe ich zur Rezeption und verlängere noch eine Nacht, da ich nicht weiß, ob ich meine Schwester heute finde und somit zumindest das Gepäck sicher habe. Als Erstes hole ich mir einen Tee nebenan in einem Café, dann gehe ich zur 15 Minuten entfernten Metro Station, um nach Vitacura zu fahren, denn zu aller erst, noch bevor ich meine Schwester suchen werde, möchte ich meinen Flug umbuchen.
Als ich gerade an der Metro Station angekommen bin und mir meine Bip Karte/Metrokarte aufladen lassen habe, klingelt mein Telefon.
Die Kioskfrau ist dran und erzählt mir, das meine Schwester gerade noch einmal da war, aber schon wieder weg, und dass Sie mich anrufen will. Während ich mit ihr telefoniere, gehe ich die Treppen hoch und stehe wieder draußen am Eingang, stecke mir eine Zigarette an und weiß, dass ich meine Fahrt Richtung wechseln werde.
Kaum habe ich aufgelegt, klingelt es 15 Sekunden später erneut. "Wo bist du, kannst du zur Metro Estacion Cal Y Canto kommen? " "Ja, bis gleich, wir treffen uns bei der Botilleria oben beim Ausgang auf der Stadtseite"
Eine Viertelstunde später steige ich Puente Cal y Canto aus und gehe mit gemischten Gefühlen, überwiegend jedoch mit Freude und Sehnsucht die Treppen hoch zum verabredeten Treffpunkt.
Als ich mir die zweite Zigarette anstecke, sehe ich Sie.
Sie hat ein rotes T - Shirt an, ist dünner als vor zwei Jahren. Der gleiche ernste Blick, der ihr Leben auf der Strasse verrät, und die Fähigkeit diesen in ein jugendliches Lächeln zu transformieren, das ihre Körpersprache trägt, ist meine Schwester.
Neben ihr Enrique, den ich nur von Fotos kenne, klein und dünn, mit schwarzen Augen, die seine Gesichtszüge untermalen. Hager und von Armut gekennzeichnet, transportiert er Leben.
Als Sie mich sieht, winkt Sie, lächelt und geht schneller, ich ihr entgegen, die letzten Meter laufen wir beide. Wie schön es ist Sie nach zwei Jahren zu umarmen, eine gefühlte Ewigkeit - wie immer - Gesicht an Gesicht und sie anschauend, sehe ich Tränen ihre Wangen runterlaufen, Freudentränen. Auch ich spüre meine Tränen, während ich ihr Gesicht in meinen Händen halte und sage " Wo warst du, du bist nicht gekommen. Ich bin schon einen Monat hier"
"Ich weiß, ich konnte nicht"
"Ich weiß" sage ich und begrüße Enrique, der gleich bemerkt wie wir uns ähneln und dass er sofort wusste, als er mich gesehen hat, das ich es bin, weil er mich ohne überlegen zu müssen von den Fotos erkannt hat.
Er ist zurückhaltend, was ihn mir sympathisch macht. "Vamos" sagt meine Schwester und wir gehen in Richtung Puente/ Brücke, mitten im Leben, zurück in der Realität, dort wo wir vor zwei Jahren zusammen unterwegs gewesen sind, als wäre es gestern gewesen. Wir gehen über die Brücke, die wie immer voll von Verkäufern ist, meist Peruaner, die ihre billige Ware im hier herrschenden Ton anpreisen. Das Wort des Verkauf Artikels wird laut und schnell ausgerufen, dann wiederholt und endet mit dem Preis.
Auf dem Weg zum Mittagstisch, dem ich nach Enriques Nachfragen bejaht habe, erzähle ich von meiner Suchaktion, die bis zu den Carabinieros geführt hat. Meine Schwester schaut mich an, lacht und sagt " Das glaube ich nicht"
"Du kannst dich nicht verstecken vor mir, ich finde dich immer"
Als wir in Mapocho, Avenida La Paz ankommen und in den Blumenmarkt hinein gehen, der in der Nacht Drogenumschlagsplatz ist, dann die Treppe hoch und zu den Mittagstischen, weiß ich wieder, was ich auch und besonders an dieser Seite Santiagos liebe, obwohl es meist voll und stressig ist. Diese Atmosphäre gibt es nur hier. Nur hier gibt es diese Gerüche, all die Stimmen, die Lebendigkeit und die Energie, die von Überleben und Leben in mir die Nähe zu meiner Schwester, augenblicklich öffnet.
Es gibt Hühnchen mit Reis und Salat, dazu Wasser, nicht zu vergessen immer etwas Brot dazu.
Der Kellner grüßt uns freundlich und auch während des Essens werden wir von einem Mann beobachtet, der irgendwann rüberkommt, um kurz zu Quatschen. Enrique, der hier auf dem Markt an der Strasse arbeitet und dort seine Pfirsiche verkauft, kennt hier alle.
Als wir fertig sgleich um die Ecke ist, schräg gegenüber der Halle Artesanos. Die Strasse ist voll von Menschen, lauter Verkehr, Stimmengewirr, dominiert vom Rufen der Verkäufer.
Eine Frau sitzt auf Obst Kisten hinter den Pfirsichen,verkauft selbst kleine Agua de Florida Flaschen und alle möglichen Schutzsymbole, die entweder lose oder mit Lederband als Kette an die Kundschaft gehen.
Wir drängen uns hinter die auf Plastik Kisten aufgereihten Pfirsiche, die das Kilo für 500 Pesos rausgehen, zwei unterschiedliche Sorten. Hinter uns steht der Karren, der nach Feierabend mit allen Kisten beladen wird. Meine Schwester und ich sitzen auf einer, die mit Zeitung abgedeckt ist, Enrique preist im Stehen seine Ware an und verkauft.
Zwischendurch gehen wir in die Markthalle rein, in der Fisch und Fleisch und alles, was es anderes zum Essen gibt, verkauft wird.
Meine Schwester nimmt mich an die Hand, zieht mich von einem zum anderen Stand, grüßt alle und wird begrüßt und stellt mich vor.
Bis sechs Uhr abends kenne ich zumindest vom Grüßen die halbe Halle, inklusive unserer Nachbarn draußen am Stand. Verkauft habe ich bis Feierabend auch reichlich.
Da ich noch eine Nacht im Hostel bezahlt habe, bleiben wir diese Nacht noch dort. Nachdem wir eine halb wahre Geschichte von zwei Schwestern erzählt haben, die sich hier getroffen haben und Sie nun einmal mit ihrem " Verlobten" angereist ist, kriegen wir das Zimmer ohne Aufschlag.
Am nächsten Morgen, Enrique ist bereits auf dem Markt, machen wir uns fertig und eine Stunde später sitzen wir mit meinem ganzen Gepäck und den 3 großen Tüten meiner Schwester draußen vor einem Hauseingang.
Wohin ? Uns fällt nichts ein..., der Vormittag hat bereits begonnen.
Wir Sitzen und Rauchen und trinken zusammen aus der Flasche des Vorabends, dazu ein Brot, das ich schnell vom Negocio nebenan geholt habe. Als wir die dritte Zigarette anstecken und circa 40 Minuten vergangen sind, fällt meiner Schwester eine letzte Option ein, zwei Bekannte, die in Independencia wohnen.
Wir rufen ein Collectivo heran, nehmen unsere Sachen und steigen ein.
