China, das Land der Wartenden
Wie ich gleich am Anfang lernen muss geduldig zu sein.

Veröffentlicht: 19.09.2016
Bereits nach kurzem war mir klar: Über dieses Land muss geschrieben werden. Außerdem hilft es mir hier anzukommen, die vielen Eindrücke zu filtern und zu sortieren.
Am 9.9. bin ich in Frankfurt gestartet. Die Tage vorher hat mich eine gefühlte Todesgrippe heimgesucht. Deswegen ist das Packen auf den letzten Tag und den Morgen des Abfluges verschoben worden. Oder ich konnte die Sommergrippe als Ausrede nehmen, nicht früher zu packen. Da könnte drüber diskutiert werden.
Der Abschied war recht einfach. Gestaffelt auf die letzte Woche in Deutschland, habe ich mich in den letzten Tagen vor dem Abflug von allen wichtigen Personen verabschiedet. Hier möchte ich mich auch noch mal bei allen bedanken, die in den Tagen vor und nach dem Abflug Kontakt zu mir aufgenommen haben. Das war total schön und es hat mich riesig gefreut!
Nachdem mich der Ehl, Michael Müller, zum Flughafen gebracht hat, ging es von Frankfurt aus nach Peking. Der Flug im zweiten Stock eines A380 der Lufthansa war wirklich angenehm und besonders das zweite Stockwerk ist sehr zu empfehlen. Da Peking der zweitgrößte Flughafen weltweit ist und es dort organisatorische Probleme gibt, müssen alle Gepäckstücke, auch beim Umsteigen, neu aufgegeben werden. Das heißt die Zeit dort habe ich überwiegend mit Warten verbracht. Erst bei der Einreisestelle, dann am Zuggleis, welcher mich zur Gepäckausgabe gefahren hat, im Anschluss an der Gepäckausgabe, danach beim Durchleuchten des Koffers, daraufhin bei der Kofferabgabe, die Sicherheitskontrollen folgte und am Ende am Gate. Naja, damit war es aber noch nicht vorbei. Im Flugzeug haben wir noch einmal auf der Startbahn gewartet, weil Auslandsflüge so gut wie immer Vorrang haben. Inlandsflüge starten deshalb relativ oft mit Verspätung - so auch mein Flieger. Mit fast 45 Minuten Verspätung ist er in Hangzhou gelandet. Dort wurde ich mich von meiner Assistentin, Frau Xiaoyuan Wu, abgeholt. Ihr Vorname hat die Bedeutung Vollmond. Als vornehme chinesische Kleinbürgerin hat sie sich natürlich noch einen europäischen Namen zugelegt. Der ist Sophie. So wie ich es bis jetzt mitbekommen habe sind chinesische Kleinbürger hier die Coolen. Sie trinken Mineralwasser anstatt Cola, schwören auf Rindfleisch und suchen ihre Individualität im äußeren Erscheinungsbild. Da hört das Individuelle dann aber oft auf, zumindest bei Sophie. Eigenständiges, kombinatorisches Denken gehört nicht zu den Stärken. So wurde ich am zweiten Tag dafür bewundert, auf dem Rückweg von einer Bankfiliale zur Universität die Busstation auf der anderen Straßenseite zu nehmen, anstatt in die gleiche Richtung weiterzufahren. Das Vertreten einer eigenen Meinung ist ähnlich schwer. Bei der Fahrt vom Flughafen zur Uni ist mir aufgefallen, dass fast ausschließlich Männer Auto fahren. Als ich nach den Grund gefragt habe, hat die Antwort verhältnismäßig lange gedauert. Am Ende kam: „Männer können das meistens besser.“ Ach, ist klar…
Hier ist anzumerken, dass Verhalten ist von einer 21 jährigen Studentin, die seit einem Jahr von zu Hause ausgezogen ist. Sicherlich ist das nicht zutreffend auf alle Chinesen. Allein in den ersten drei Tagen habe ich auch Chinesen getroffen, welche ganz offen über die Internetzensur und die Umgehungsmöglichkeiten sprechen. Diesen sind allerdings alle samt älter und haben Auslandserfahrung. Daher sagt das Verhalten von Sophie doch einiges über das Bildungssystem hier und dessen Ziele aus. Aber nur einen kleines Stück über die gesamte Gesellschaft.
Nachdem wir an der Uni angekommen waren, musste ich mich im Büro der Hausmeisterin melden, um die Zimmerschlüssel zu bekommen. Das fühlte sich allerdings nach einem unendlichen Kampf an. Auf der einen Seite die kleine Sophie, die dolmetschte, und auf der anderen Seite die Hausmeisterin, die Verwandtschaft mit dem Teufel haben könnte. So wirkte es zumindest am Anfang. Meine Meinung über die Hausmeisterin muss ich inzwischen eventuell etwas anpassen. Aber ich warte noch mal bis ich ein bisschen Chinesisch kann. So eine Schublade macht man doch nur ungern auf. :D
Das ganze Hin und Her entstand wegen 2000 Yuan (ca. 250€). Die sollte ich als Kaution für die neu renovierte Wohnung bezahlen. Das wusste ich bis dahin allerdings nicht. So viel Geld hatte ich natürlich nicht in Bar bei mir und konnte es auch nicht sofort von meiner Kreditkarte abheben. Die Hausmeisterin wollte mich also nicht einziehen lassen, ich wollte es aber. Zudem wollte sie einfach nicht verstehen, warum ich das Geld besitze es ihr aber nicht sofort geben kann. – In die Welt der Kreditkarten hat sie bis jetzt scheinbar noch keinen oder einen kleinen Einblick nehmen können. Nach einer ausführlichen, schriftlichen Erklärung, dass ich das Geld am Montag bringen werde, durfte ich dann in meine 2-Zimmer-Wohnung. Für chinesische Standards ist diese sehr schön aber auch genauso geputzt. Der Dreck übersteigt sogar meine Toleranzgrenze und die ist eigentlich recht hoch.
Als mit der Wohnung alles geklärt war, habe ich Sophie nach Hause geschickt. Für sie war der Tag anstrengend und eine große Herausforderung. Da war ich also mit meinen zwei Koffern, müde und nervlich am Ende in der neu renovierten, dreckigen Wohnung ohne Internet. Nach einem zweiten Rundgang durch die Wohnung wurde meine Stimmung schlechter anstatt besser. Beim erschöpften Setzten auf das Bett dachte ich mir die Wirbelsäule um drei Zentimeter zusammen gestaucht zu haben. So einen Härtegrad gibt es in Deutschland wahrscheinlich nur in Läden für extrem übergewichtige Menschen. So auf meinem Bett ohne Bettwäsche zu laden –die hätte ich kaufen müssen, von Geld das ich nicht in Bar hatte- gab mir den Rest. Während meiner gesamten Zeit in Kirgistan habe ich mich nicht so elend, alleine und fehl am Platz gefühlt wie in diesem Moment. Hätte ich einen Rückflug angeboten bekommen, wäre in mein ein Kampf der Gefühle ausgebrochen. Ich weiß nicht ob das Gehen oder Bleiben gewonnen hätte und das obwohl ich 19 Stunden vorher mit Vorfreude Deutschland verlassen habe. Nach dem ersten Weinen habe ich mir die Tränen abgewischt. Auf dem Campus musste irgendwo ein zugängliches WLAN sein, um ein Lebenszeichen in die USA zu Sebastian und nach Sulzthal schicken zu können. Nach viel Fragen und drei weiteren Kämpfen gegen die Tränen habe ich einen gefunden. Als die wichtigsten Infos weitergeben waren, ging ich zurück in die Wohnung. Dort habe ich mich um 20.00 Uhr in meinem Hüttenschlafsack in das sonst leere Bett gelegt, um körperlich und seelisch am Ende einzuschlafen. Wenn ich jetzt zwei volle Tage später darüber schreibe wühlt es mich innerlich immer noch total auf. Und damit beende ich den ersten Bericht. Ein bisschen Spannung ist doch auch was. ;) Aber eine Fortsetzung folgt.
Liebe Grüße Lena
