Sydney - kaum hin, schon wieder weg
Was fällt als Erstes auf, wenn man nach Wochen (für ganz kurze Zeit) wieder in die „Zivilisation“ mit U-Bahn, Trinkwasser aus der Leitung, Croissants und Restaurants mit...

Veröffentlicht: 19.12.2018








Jetzt haben wir es doch noch gefunden, unser Inselparadies. Für die Enttäuschung auf den Seychellen hat uns Rapa Nui mehr als entschädigt: Die kleine Insel mit ihren 5.000 Einwohnern und -innen ist wie für uns geschaffen. Auf so geringem Platz konzentrieren sich nicht oft hervorragende Sehenswürdigkeiten, eine spannende Geschichte, ein wunderbarer Strand, eine attraktive Landschaft, gutes Essen und nette Menschen.
Die großen Steinfiguren mit den markanten Gesichtszügen - auf Rapanui Moai genannt - sind der Hauptgrund, warum die Menschen die Osterinsel besuchen - und waren natürlich auch für uns ausschlaggebend dafür, dieses schwer (und nur mit beträchtlichen Kosten) zu erreichende Ziel als Fixpunkt in unsere Weltreise aufzunehmen. Ich kann verraten: Sie sind jeden Aufwand wert. Jetzt muss ich einen kleinen Ausflug in die spannende und keineswegs entschlüsselte Geschichte der Isla de Pascua - wie sie die chilenischen Kolonialherren nennen - machen.
Man weiß inzwischen sicher, dass die Insel zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert von Polynesien aus besiedelt wurde - also nicht von Südamerika aus, wie lange angenommen wurde. Damit hielt eine Steinzeitkultur Einzug auf das damals dicht mit Palmen bewachsene Stück Land, denn den Entdeckern und damit folgerichtig auch den Inselbewohnern und -innen war Metall bis zu den ersten Kontakten mit Europäern im 18. Jahrhundert unbekannt. Wer von Euch jetzt die Assoziation von auf Palmen sitzenden und mit Kokosnüssen werfenden Wesen hat, liegt aber völlig falsch. Die Polynesier waren begnadete Seeleute. Sie konnten ohne irgendwelche Instrumente, wie wir sie kennen, den Sternenhimmel lesen und anhand von Indizien wie Meeresströmungen, dem Vorkommen von Insekten oder dem Vogelflug auf Land in der Weite des Pazifiks schließen. Ihr allergrößte Begabung war der Schiffsbau. Ihr Geheimnis, um die tausenden Kilometer von Insel zu Insel schnell und voll beladen (mit vielen Menschen und der Ausstattung für eine Inselbesiedlung, zB Hendeln, Ratten, Pflanzensamen und sogar den Insekten, die die Pflanzen künftig bestäuben sollten) zurückzulegen, waren die Boote, die den modernen Katamaranen ähnelen.
Vieles von der Geschichte Rapa Nuis bleibt im Dunkeln, weil erstens ihre Schrift noch nicht entziffert wurde, zweitens Schrift wohl überhaupt keine große Rolle gespielt hat (es gibt kaum schriftliche Quellen) und drittens die Träger der mündlichen Überlieferung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert fast vollständig umgekommen sind (getötet von peruanischen Sklavenhändlern und von europäischen Krankheitserregern).
So weiß man nicht, was mit dem dichten Palmenbestand geschehen ist, von dem Anfang des 16. Jahrhunderts nichts mehr übrig war. Warum haben sich diese weitblickenden Menschen ihres wichtigsten Rohstoffes, des Holzes, beraubt, ihren Feldern den Schatten der Palmwedel genommen und die Insel schutzlos der Erosion durch Wind und Wasser ausgesetzt?
Man kann bloß vermuten, dass die die Moai einem Ahnenkult dienten, weil in den großen Plattformen, auf denen sie stets stehen, menschliche Knochen und Asche gefunden wurde - hat aber keine Ahnung, warum die Figuren dem Meer bis auf eine Ausnahme stets den Rücken zuwenden. (Auf dem Rücken der wenigen wirklich gut erhaltenen Giganten kann man übrigens noch das fein gemeißelte Mascherl des Lendenschurzes sehen.)
Wie wurden die bis zu 80 Tonnen schweren Statuen über die ganze Insel transportiert?
Im 18. und 19. Jahrhundert wurden alle (!!!) Moai, die auf Plattformen standen, brutal umgeworfen. Wieso das? Nur die besonders großen Exemplare, die auf dem kleinen Vulkan stehen, der als Moai-Steinbruch und -Steinmetzwerkstatt diente, blieben stehen - und bieten heute eine atemberaubende Kulisse sowohl außerhalb als auch innerhalb des Kraters, dessen Boden von einem See bedeckt ist.
Es gibt also viele Fragen zu grundlegenden Dingen, aber auch erstaunlich genaue Antworten auf kleinere Rätsel, weil sich seit Jahrzehnten eine Mengen Forscher und -innen aus allen möglichen Wissenschaftsdisziplinen (zB Geologie, Biologie, Anthroplogie, Höhlenforschung oder Sprachwissenschaft) mit Leidenschaft mit Rapa Nui beschäftigen.
Das Rätselraten hat auch uns großen Spaß gemacht - nicht immer finden wir die derzeit gängigen Erklärungsansätze wirklich überzeugend. Da darf man sich auch seine eigenen Gedanken machen - und nach getaner Besichtigungsarbeit am Strand erörtern, mit Blick auf die Hinterköpfe der acht Moai von Anakena, wohlgemerkt (schon deshalb ist das der vielleicht schönste Strand, den wir je gesehen haben).
Unsere Befüchtungen, dass Rapa Nui sehr touristisch sein würde, haben sich übrigens nicht bestätigt. Es stimmt zwar, dass die Insel inzwischen vom Tourismus lebt, aber 5.000 Menschen brauchen nicht viele Besucher und -innen, um so bescheiden, wie sie es derzeit tun, leben zu können. Erst der Hollywood-Streifen Rapa Nui, für den sich 1993 ein großes Filmteam für sechs Monate ansiedelte, brachte soviel Geld auf die Insel, dass erstmals Autos angeschafft werden konnten. Es ist also noch nicht lange her, dass die Bevölkerung wirklich arm war - und das merkt man noch heute. Die Unterkünfte zB sind (bis auf einige wenige sauteure Ausnahmen) sehr basic, deutlich einfacher als in Europa, aber genauso kostspielig. Die Einheimischen leben aber auch nicht besser. Sie verhalten sich übrigens sehr geschickt, wenn es darum geht, die Anzahl der Touris gering zu halten (hohe Preise, ganz wenige Flüge, keine großen Hotels, keine neuen Konzessionen für Beherbergungsbetriebe, keine Möglichkeit für Nicht-Rapanui, Land zu kaufen). Bisher haben sie es jedenfalls geschafft, ihre Insel lebens- und liebenswert zu halten. Wir wären gerne länger als die eine Woche geblieben.