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Armenien - Juli/August 2023

Veröffentlicht: 23.08.2023

Die letzten Wandertage im Juli am „Legends Trail“ mit unserem Freund Martin sind wunderschön, die Etappen kurz und gemütlich. Die Landschaft ist so vielfältig.

Als wir die Schlucht, die wir in einigen Tagesetappe umrundet haben, endgültig verlassen, tut sich ein völlig neues Landschaftsbild vor uns auf.

Aufs erste wirkt alles etwas karg, beim Hindurchgehen pulsiert jedoch das Leben und die Fruchtbarkeit.

Drei Nächte dürfen wir in je zwei Ruinenstädten verbringen, die nicht weit voneinander entfernt liegen. Old Halidsor und Old Khot. Riesengroß und verlassen schmiegen sie sich an den Hang der Schlucht. Die Ruinen zeugen von Belebtheit in der Vergangenheit. Jahrtausende waren sie bewohnt, bis die Sowjets aus praktischen Gründen eine Umsiedelung nach weiter oben anordneten. Einzig Kühe streifen umher und nahe dem Bächlein sind einige Gemüsegärten zu sehen.

Schließlich kommen wir, 11 Tage und 130km nachdem wir in Bekh/Kapan gestartet sind, in der Stadt Goris an. Hier endet der „Legends Trail“ und hier findet Martins Urlaub seinen Abschluss. Einen Tag später verabschieden wir unseren Freund und die Wanderung geht zu zweit weiter gen Norden.

Dazu fahren wir erstmal mit dem Bus in das 40km entfernte Shaqi um am „Transcaucasian Trail“ (TCT) wieder einzusteigen.

An einem Wasserfall vorbei, führt uns der Weg in das enge Flusstal des Vorotan. Für 2 Tage begleitet uns sein Geplätscher und seine kühle Feuchtigkeit zum gleichnamigen Stausee. So schön es hier ist, so zermürbend sind dann und wann menschhohes Gestaude, durch das wir uns durchschlagen, das uns aus dem Rhythmus bringt und uns in viel Zeit nur wenig Strecke machen lässt. Nebenbei werden wir von Fliegen in allen möglichen Größen und mit der Fähigkeit zu beißen (oder stechen sie?) umschwirrt. Das kann ganz schön anstrengend sein.

Irgendwann, wir haben den Fluss verlassen, der See liegt auch schon hinter uns, wandern wir in der Abendsonne über Felder und Hügel und noch mehr Felder. Bauern sind dabei das Heu einzubringen. Die Farben der Landschaft wandeln sich langsam von Grünschattierungen in gelb, gold und braun. Am Horizont ist in der Dämmerung ein Gewitter zu sehen. Das Lager ist aufgebaut, als es immer näher zu kommen scheint. Tut es dann doch nicht. Einzig Donnergrollen und das Aufflackern der Blitze begleitet uns in den Schlaf. Wir sollen noch einen Tag verschont bleiben.

Als wir schließlich die Bundesstraße M2, die gen Süden und den Iran führt, überqueren und somit die Region Syunik verlassen um die nächsten Tage die Region Vayots Dzor zu durchwandern, treffen wir auf Camille. Eine ambitionierte Wanderin aus Frankreich. Für wenige Tage drosselt sie ihr Tempo um mit uns zu gehen. Es ist unser erster Abend zu dritt, als wir nach einem stetigen Anstieg, im blaugrauem Dämmerlicht unsere Zelte auf einer Passhöhe aufbauen. Der Platz scheint perfekt! Eine Quelle ist in der Nähe. Die Hirten der Umgebung, in ihren zum Wohnraum umgebauten Lastwagen, geben Sicherheit. Wenn sie auch erstaunt über unsere Anwesenheit in dieser Abgeschiedenheit sind und die Zelte etwas belächeln. Sie können sich nicht vorstellen, dass diese warm oder gar gemütlich sein können. Das Militär, das hier aufgrund des schwelenden Auseinandersetzung mit Aserbaidschan patrouilliert, gibt uns ihr ok am nächsten Tag weiterzuwandern, wenn wir nur die Wege nicht verlassen.

Und dann geht’s schnell. Das Abendessen ist verspeist, der Abwasch erledigt, die Zähne sind geputzt und die Prozedur, in Zelt und Schlafsack gemütlich anzukommen, ist auch gemeistert, als ein Gewitter aufzieht. Nur kurz vorher war nichts davon zu merken. Der Himmel war unaufgeregt bewölkt. Nun ist es da. Und wie! Es scheint als hätten mehrere Gewitter ein Treffen über uns. Der Abstand zwischen Blitz und Donner wird immer kürzer. Wind zieht auf. Regen wird zu Hagel. Unser kleines Zelt wird durchgeschüttelt doch hält mit aller Kraft dagegen. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist’s vorbei. Alles ist gut gegangen - auch bei Camille, doch die Angst sitzt uns in den Knochen.

Der nächste Tag tut so, als wär nie was gewesen. Die Sonne begrüßt uns in aller Früh aufs Freudigste. Der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau. Wir drei brauchen noch etwas um diese eine Stunde zu verdauen.

Die folgenden zwei Nächte verbringen wir in dem Städtchen Jermuk. Bekannt für sein Heilwasser und das im Land verbreitete Mineralwasser mit gleichem Namen. Hier wird gerastet, gewaschen und Proviant aufgestockt.

Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass selbst in größeren Städten die Supermärkte ein weniger umfangreiches Sortiment zu bieten haben, als wir es vom Rest Europas gewohnt sind. Eigentlich gefällt uns das. Es fördert die Kreativität und Flexibilität.

Die nächsten Etappen erwarten uns mit einer neuen Herausforderung. Neben den allabendlichen Gewittern kommen nun auch Bären hinzu. In dieser Region Armeniens sind wohl einige dieser Tiere unterwegs und werden immer wieder gesichtet.

Da der Trail durch eine enge Schlucht gehen soll und da eine Bärenbegegnung sehr wahrscheinlich sein kann, überspringen wir diesen Teil des Weges und begeben uns gleich in die Höhe.

Die Temperaturen werden zusehends heißer. Die Berglandschaft hier in Vayots Dzor ist unbebaumt. Mittägliche Pausen finden im besten Fall irgendwo oben statt, wo ein Lüftchen für sanfte Abkühlung sorgt.

Camille ist immer wieder mal mit uns unterwegs oder trifft uns abends am Schlafplatz.

Das Lagerleben hat sich mittlerweile ritualisiert und strukturiert. Die Tage, die Nächte bieten genug Abwechslung und Unvorhersehbarkeit.

Täglich entdecken wir neue Arten von Blumen, Distelgewächsen, Schmetterlingen und sonstigen Insekten und Pflanzen. Abendliche Gewitter bzw. Beinahegewitter halten die Aufregung hoch. Es gibt viel mehr Wetter als heiß und kalt, nass und trocken…

Die Gefühlswelt in uns gleicht während dieser Wandertage der Landschaft um uns - mit Höhen und Tiefen, Ecken und Rundungen.

Unsere Körper sind gefordert, zeigen uns ihre Grenzen und welche Kraft in ihnen steckt, überraschen uns und lassen sich ihrerseits überraschen.

Die Wege sind breit und schmal und auch mal gar nicht da. Mal sind sie markiert, mal nicht und manchmal sind sie zu suchen. Ein Highway auf der Karte ist ein solcher, weil er hoch hinauf geht um dann am schönsten Platz ganz oben zu enden.

In unseren Rucksäcken findet vieles Platz - wir tragen unsere Ängste inform von Wasser, Essen und warmen Gewand. Von ersterem wollen wir nicht lassen, zweites wird immer sorgsamer geplant und weniger und drittes ist so wohltuend wenn es doch mal kalt ist.

In den entlegensten Ecken treffen wir auf Menschen, die da wohnen oder zumindest die Felder bestellen. Ansonsten umgibt uns ganz oft Ruhe, Vogelgezwitscher und Grillenzirpen.

Wir bewegen uns nun die meiste Zeit auf 2000 müM (+/- 500 m). Immer wieder treffen wir auf Hunde die nachts ums Zelt schlafen/wachen. In der Früh sind sie schnell weg. Oft sind es scheue Tiere, die engen Menschenkontakt meiden, aber wohl doch auch was davon haben in unsere Nähe zu sein.

Einige Tage später, einige Berge und Schluchten weiter, erreichen wir Yeghegnadsor.

Der TCT ist so angelegt, dass man alle paar Tage in eine Stadt kommt, in der man Proviant aufstocken kann und eventuell auch eine Unterkunft findet. Wobei auch in den kleineren Dörfern dazwischen dann und wann Privatzimmer gemietet werden könnten. Wir bevorzugen es, das Zelten in der Landschaft aufzuschlagen. Dehnen dafür sehr gerne in den Etappen-Städtchen unseren Aufenthalt auf 2 oder mehrere Nächte aus.

In Yeghegnadsor soll es ein Campingplatz sein. Eine grüne Oase in dieser trockenen Gegend. Hier scheint es, als wären wir in einer anderen Welt. Alles geordnet, sauber - die Pflanzen sind gut bewässert. Da ist ein Pool zum Abkühlen und wir treffen andere Reisende von Nah und Fern.

Das instabile Wetter in den Höhen lässt uns das Hochgebirge der Gegham Mountains, das die nächste 6-8 Tagesetappe sein sollte, überspringen. Das letzte Gewitter schwingt noch unangenehm nach.

Viktoria und Ben, ein Paar, das ihre Wurzeln auf vielen Plätzen der Welt hat und auch hier am Campingplatz urlaubt, nehmen uns ein Stück auf ihrem Roadtrip mit. Und so landen wir in Sevan. Ein Städtchen am gleichnamigen See. Wie viele Städte in Armenien, kann nicht behauptet werden es hätte Charm. Anders gesagt, der Charm von Armeniens Städten und Dörfern zeichnet sich dadurch aus, dass nicht viel los ist, dass es keine Schnörkel gibt, dass alles recht nüchtern wirkt. Das Besondere dieses Landes ist sicher die uralte Verankerung im Christentum. Die alte Tradition dieser Religion, die in den Menschen tief verwurzelt ist. Auch das ohne Schnörkel und großer Aufregung. Die Kirchen und Klöster stellen sich in einer schönen Schlichtheit dar. Kunstvoll behauene Steinkreuze, sogenannte Chatschkars, stehen im gesamten Land verteilt.

Von Sevan wandern wir weiter auf unserem Weg Richtung Norden in die Region Lori. Die Berglandschaft ist nun sanfter. Weich ragen die Gipfel in die Höhe. In den ersten Tagen streifen wir auf Schotterstraßen durch unbebaumtes Gelände. Hirten treiben das Vieh abends zurück in die Dörfer oder in die Nähe ihrer Zeltsiedlungen. Sie erledigen ihre Arbeit zu Pferd oder zu Fuß.

Dann sind sie plötzlich zu sehen. Bäume in Gruppen und gleich drauf ganze Wälder! Ein so vertrauter Anblick. Wohltuend, endlich wieder im Schatten zu gehen.

Die Tagesetappen sind mittlerweile etwas weiter. Abends sind wir meist fix und fertig. Nach 4 Tagen erreichen wir Dilijan. Eine Kleinstadt im Norden Armeniens. Zu Sowjetzeiten war dies hier ein begehrter Ferienort und nun ist er es wieder. Hierher kommt man zum Wandern und Flanieren. Wir kommen um zu rasten und zwei Tage später weiterzuziehen.

Es soll unsere abschließende 5-Tageseteppe sein, als wir uns von Dilijan nach Alaverdi und schließlich nach Tumanyan aufmachen.

Die letzten Tage in den Höhen sind nochmal unbeschreiblich. Es ist nichts anderes zu sehen als Berge, Wiesen, Himmel und Weite. Ab und an streifen wir an einer Sommerfarm vorbei. Oft einfache Hütterl aus Planen, Blech und Holzlatten gebaut. Manchmal größere Siedlungen mit steinernen Häuschen und Ställen. Die Kühe schauen uns verdutzt nach, wenn wir ihre Wiesen queren, die Pferde galoppieren scheu davon. Wir bestaunen Adler, Geier und andere Raubvögel bei ihren Flügen im Wind. Ab und zu begegnet uns ein Hirte.

Die Berglandschaft zeigt sich in einer solchen Vielfalt - thront mächtig um uns, hüllt uns ein, zeigt uns Weite und Unendlichkeit; trägt uns, leitet uns, lässt uns mal verloren, mal geborgen, immer demütig sein.

Nach einer letzten Nacht hoch oben, kommen wir langsam der Baumgrenze näher. Bald sind auch wieder Motorengeräusche zu hören und schließlich erreichen wir das Städtchen Alaverdi. Eine Kupferminen-Stadt mit dementsprechenden Arbeiter:innensiedlungen. Alles wirkt etwas trist - und sieht etwas hässlich aus. Schnell schauen wir, dass wir weiter kommen. So landen wir in dem Dorf Tumanyan. Nicht viel los hier. Es gibt ein Café, zwei kleine Greissler, ein Zündholzschachteletikettenmuseum und ein Hostel in einem stillgelegten Badhaus. Die Gassen sind leer. Am Abend treffen sich die Kinder zum Spielen am Fußballplatz.

Nach 40 Tage des Wanderns, Schauens und Staunens, sind wir im Norden Armeniens angekommen. Nach 470km auf so manchen Abschnitten des „Transcaucasian Trail“, beenden wir die Wanderung durch Armenien. Hier bleiben wir eine Woche zum Rasten und Laufen - bevor es wieder zurück nach Georgien geht.

Schön war’s! Sehr, sehr schön! Wir sind jetzt etwas einwendig, erschöpft und sehr zufrieden!

Während der Tage im Bathhouse Hostel zu Tumanyan treffen wir dann und wann auf andere Reisende. Je weiter wir uns von Zentraleuropa entfernen, desto heterogener werden die Mitreisenden. Es sind nun nicht mehr nur Deutsche, Engländer:innen, Spaniern:innen, Französ:innen,… - wir treffen Männer und Frauen aus China, dem Iran, den Emiraten, Indien, Weißrussland,… die Motivationen, sich in die Fremde zu begeben sind unterschiedlich. Diese Begegnungen streichen einmal mehr heraus in welch privilegierten Situation wir uns befinden. Nicht nur weil wir mit unserem Reisepass ohne weiteres fast den gesamten Erdball bereisen können, sondern auch weil wir durch unser bisheriges Leben keine Angst spüren, auszusprechen wohin wir als Nächstes fahren. Weil wir uns nicht davor fürchten müssen, irgendwann wieder in unser Heimatland zurück zu kehren. Weil keine Familie davon abhängig ist, ob wir einen gesellschaftlichen Aufstieg in der Fremde schaffen. Wir mussten bisher nirgends darauf warten, ob uns die Einreise in ein Land gewährt wird oder nicht. Und falls wir mal kein Visum bekommen sollten, kann uns das herzlich egal sein, dann entscheiden wir uns halt für ein anderes Land… manche dieser Begegnungen lassen uns hilflos zurück - das müssen wir wohl aushalten.

Armenien war zu Beginn nicht wirklich auf unserer Reiseroute und nun ist es das Land, das uns bisher am meisten berührt. Danke vielmals Armenien! Für deine Schönheit! Dafür, dass du uns Ruhe, Frieden und Freiheit deiner Berge kosten lassen hast! Danke für deine Freundlichkeit und Bereitschaft das Leben zu feiern wenn auch diese Zeit schwierig und schmerzhaften für dich ist! 

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