1. Tag. Von Porto nach Angeiras
Nach einem fast dreistündigen Flug komme ich endlich in der Nacht in Porto an. Das Parkhotel liegt direkt am Flughafen, so dass ich nur 5 min laufe. Ein schönes Doppelzimmer...


Veröffentlicht: 25.08.2020
„Wie kommst du denn DARAUF?“
Ich ernte ungläubige Blicke bei Freunden und Arbeitskollegen, die ich in meinen Plan einweihe, im August den Jakobsweg zu gehen.
In Vielen scheint sich Bewunderung für diese Mammutaufgabe und Skepsis zu regen, ob es mir ernst ist oder ich sie verarsche.
Denn diese spirituelle Reise scheinen mir Viele nicht so recht zuordnen zu können. Mir, den sie eigentlich nur als Stammurlauber auf Mallorca kennen.
Doch es ist mir ernst. In diesem Jahr ist dank Corona alles anders und eben kein für mich „normaler“ Urlaub möglich.
Oft höre ich „das wollte ich auch immer schon mal machen!“, wenn ich vom Jakobsweg erzähle.
Auf meine Frage, warum es denn dann nicht schon gemacht wurde, kommt jedoch nur meist ein Achselzucken zurück, das mit diversen Ausreden gepaart ist.
Diese reichen von „…dann kamen die Kinder dazwischen“ über „wollte keiner mitkommen“ bis „ach, irgendwie ist es dabei geblieben!“
Nein, das will ich mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, dass es „dabei geblieben ist“! Ich habe Urlaub, bin Single und entschlossen, dieses Abenteuer zu wagen.
Der Gedanke daran reifte in mir, als ich das Buch „Ich bin dann mal weg!“ von Hape Kerkeling gelesen habe.
Doch die Aussicht, meinen kompletten Sommerurlaub für eine körperliche Tortur zu verplanen, schien mir dann auch irgendwie nicht so reizvoll. Und so wurde es dann wieder der Strandurlaub.
Doch mir ist klar: mache ich es dieses Jahr nicht, dann mache ich es gar nicht mehr. Also fange ich an zu planen.
Was mir schnell klar wird: die 792 Kilometer, die Kerkeling von Frankreich aus durch die Pyrenäen bis zum Ziel Santiago de Compostela ging, werde ich nicht schaffen!
Ich bin nicht untrainiert, aber auch nicht größenwahnsinnig. Außerdem habe ich noch einen Job und kann es mir nicht erlauben, dafür mal eben einen Monat von der Bildfläche zu verschwinden.
Ich entscheide mich nach längerer Bedenkzeit für den „Caminho Português da costa“, den portugiesischen Jakobsweg. Dieser geht von Porto aus entlang der Küste ungefähr 250 Kilometer nach Santiago de Compostela.
Aufgeteilt in ca. zehn Stationen (das entscheide ich spontan) liege ich im Schnitt also bei 25 Kilometern, die ich für machbar halte.
Noch nie bin ich vorher solch lange Strecken gelaufen. Und dann noch mit zehn Kilogramm Gepäck.
Wandern war mir eigentlich immer schon suspekt. Es liegt vielleicht an meiner Ungeduld, dass ich dieser Art der Fortbewegung bisher nichts abgewinnen konnte.
Die längste Strecke, die ich bisher zu Fuß bewältigt habe, dürfte bei ungefähr 20 Kilometern liegen und war nur aus dem Umstand geboren, dass mein Kumpel mir zu Beginn der Party vorgaukelte, dass er genügend Geld für das Taxi zurück dabei habe. Das wollte er dann am Ende der Party so nie gesagt haben.
Wir waren 18 Jahre alt, es gab noch keine Handys und so liefen wir dann also los, um unser Glück per Anhalter zu versuchen.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden es letztlich waren, denn natürlich nahm uns nicht ein Autofahrer mit. Ich weiß nur noch, dass es irgendwann regnete und ich noch nie so gut geschlafen hatte, als ich sehr viel später in meinem Bett lag.
Was mich nun antreibt, diese Strecke zehnmal-zwölfmal zu laufen (ich kann es gerade selbst nicht glauben, wenn ich das schreibe)?
Nun ja, sagen wir so: gesteigerte Religiosität ist es nicht. Ich kann eine gewisse esoterische Seite von mir jedoch nicht verleugnen. Was macht diese Erfahrung mit mir? Sich 14 Tage nur mit mir selbst zu beschäftigen? Sich einmal herauszuwagen aus der Eintönigkeit und dem geordneten Alltag. Einmal einen nicht durchgeplanten Urlaub zu absolvieren. Ein mir fremdes Land, fremde Sprache, Essen, Gebräuche...
Da ich zum ersten Mal wandern gehe (ich kann schon wieder nicht glauben, dass ICH das schreibe), bin ich auch etwas skeptisch, was meine Ausrüstung angeht. Habe ich die richtigen Schuhe? Sich mal eben neue auf dem Weg zu kaufen dürfte schwierig werden. Brauche ich einen Hut? Wanderstöcke? Finde ich affig. Hoffentlich holt mich das nicht wieder ein. Ich weiß, dass Wanderstöcke das Gewicht des Rucksacks verlagern, aber finde trotzdem, dass es affig aussieht.
Ich habe riesigen Respekt vor möglichen Blasen oder dem Muskelkater, der mich erwartet. Auch die Unlust, weiterzulaufen, die laut Angaben anderer Pilger am dritten Tag aufkommen soll, bereit mir ein wenig Kopfzerbrechen.
Wie wirkt sich Corona auf meinen Weg aus? Werde ich nur bis zur spanischen Grenze gehen und von dort nach Fatima ausweichen, statt Santiago de Compostela anzusteuern? Wird es genügend Zimmer geben?
Am Freitag geht der Flieger nach Porto und da ich erst gegen Mitternacht ankomme, werde ich am Samstag in das Abenteuer Jakobsweg starten.
