Don Curry trinkt Passionsfruchtwein
Tag 20: Von Thodupuzha über Keezhoor nach Munnar


Veröffentlicht: 30.01.2017
Don Curry achtet grundsätzlich sehr auf seine Ernährung. Während es Menschen geben soll, die alles Mögliche in sich hineinstopfen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was sie da eigentlich essen, ist das bei Don Curry keinesfalls so. Er war schon immer ein Vorreiter der bewussten Ernährung: er ist nämlich bewusst ausschließlich das, was ihm schmeckt.
Als er morgens in seinem Baumhaus bei lautem, vielfältigem Vogelgezwitscher sanft erwachte, war es eigentlich viel zu früh. Das Frühstück wurde erst um 8:30 Uhr serviert - während der Gruppenreise war zu dieser Zeit der Bus meist längst unterwegs; dementsprechend früh endete inzwischen Don Currys Schlafphase. Da er nun schon einmal wach war, konnte er sich ausgiebig Zeit fürs Badezimmer nehmen. Dort erwartete ihn gleich eine nette Überraschung: den Wasserhahn des Waschbeckens bildete ein rustikales Holzrohr. Als Don Curry den Regler kräftig aufdrehte, flutschte mit dem Wasserstrahl eine fingergroße Nacktschnecke aus dem Rohr, verschwand aber gleich darauf in der breiten Abflussöffnung. Es ging also recht lebendig im Baumhaus zu. Dusche und Toilette hatten allerdings erfreulicherweise keine heimlichen Bewohner.
Don Curry nutze dann die Zeit zu einem ausgedehnten Spaziergang durch die Teeplantagen, die zum JungleJive Tree House gehören. Auch Pfeffer und Bananen wachsen hier, dazu zahlreiche gewaltige Bäume, die vermutlich noch vom ursprünglichen Urwald übrig geblieben sind. Die ganze Landschaft strahlte im ersten Sonnenlicht und mit den Resten der morgendlichen Nebelschwaden eine geradezu verwunschene Atmosphäre aus. Das Kreischen von Papageien, die fremden Laute anderer tropischen Vögel trugen das ihre dazu bei.
Nach dieser körperlichen Bewegung erwachte auch Don Currys Appetit, so dass er bereits vor der eigentlichen Zeit zum Frühstücken bereit war. Der Hausherr schien das zu ahnen und lud Don Curry auf die Frühstücksveranda am Haupthaus ein, wo er Schritt für Schritt ein sehr übersichtliches Buffet aufbaute: es gab Reisfladen, würziges Gemüsecurry, French Toast und Pfannkuchen mit Kokosfüllung. Dazu stellte der Hausherr eine kleine Glaskanne, die scheinbar nur heißes Wasser enthielt. Doch weit gefehlt - es handelte sich um dort angebauten Weissen Tee, die teuerste Teesorte überhaupt, wie man Don Curry stolz erklärte. Die besonders zarten Teeblätter geben nur wenig Farbe, aber dafür ein sehr delikates Aroma ab. Don Curry genoss diesen Tee sehr und ließ sich dazu 2 French Toast und einen Kokospfannkuchen schmecken.
Eigentlich wollte Prince bei einem Freund in der Nähe übernachten, doch irgendwie hatte das nicht funktioniert. So schlief er in alter Driver-Tradition in seinem Wagen, hatte aber gehofft, vom Besitzer des sehr abgelegenen JungleJive zumindest etwas zum Abendessen zu bekommen. Doch der vertröstete ihn ständig, bis es schließlich nach 22:00 Uhr doch noch etwas geben sollte. Prince zeigte sich deutlich verärgert über das Verhalten des Besitzers. Frühstück hatte es für ihn auch nicht gegeben. Don Curry erzählte lieber nichts von den gerade genossenen Leckereien.
Nach einem kurzen Fotostopp bei einem Stausee fuhr Prince zunächst in die Stadt Munnar und anschließend zum Eravikulam National Park, einem der ganz wenigen Gebirgsparks Südindiens. Prince hatte von langen Schlangen vor dem Ticketschalter berichtet, doch erfreulicherweise war dies heute nicht der Fall. Unerfreulicherweise gab es allerdings eine riesige Warteschlange an der Bushaltestelle, denn nur mit den Nationalparkbussen dürfen Touristen die engen Serpentinen hinauf in den Park bewältigen. Don Curry schätzte, dass wohl 200 Menschen vor ihm auf den Bus warteten - am Ende hatte er exakt 80 Minuten wartend verbracht, bis er schließlich auch in einen Bus hineingequetscht wurde.
Mit dem routinierten Tempo eines Mannes, der den ganzen Tag nichts anderes tut, raste der Busfahrer zunächst durch Teeplantagen und dann in eine grandiose Felsenlandschaft mit Hochgebirgscharakter. Der Evarikulam National Park ist einer der letzten Lebensräume einer sehr seltenen Wildziegenart, der Nilgiri Tahre. Laut Reiseführer sind die Tiere meist bereits am Endpunkt der Busstrecke zu sehen, weil sie von den Touristen Essbares erwarten. Doch diesmal drängten sich womöglich zuviel Menschen auf dem Parkplatz - kein Tahr ließ sich blicken.
Der einzige erlaubte Wanderweg im Nationalpark führt als asphaltierte Piste in weiteren Serpentinen am Felsmassiv hinauf. Grandiose Ausblicke, interessante Vegetation, klare Bergluft bei strahlendem Sonnenschein - all das erfreute Don Curry, und zugleich erfreute es auch hunderte Menschen mit ihm; die Tahre freuten sich ganz klar woanders. Immer wieder blickte ein indischer Familienvater intensiv auf die fernen Bergkuppen und zeigte seinen Kindern etwas, was zumindest er selbst für Nilgiri Tahre hielt. Dutzende Augenpaare der Vorbeiwandernden folgten erwartungsvoll seinem ausgestreckten Finger. 2 km hinter der Bushaltestelle machten zwei Ranger deutlich, dass hier der Weg zuende sei. Womöglich hatten sich exakt hinter der nächsten Biegung die Tahre versammelt und lachten sich in die Hufe. Aber was soll's: Don Curry konnte nur umkehren, den Spaziergang an der frischen Luft genießen und sich dann 20 Minuten in die Schlange der Abwärtsfahrenden einreihen. Tahrlos kehrte er zu Prince zurück, der geduldig mit vielen anderen Drivern gewartet hatte.
Bergluft macht hungrig. Und so fuhr Prince nach Munnarzurück, damit sich Don Curry dort ein Restaurant für's Mittagessen suchenkonnte. Das war eine sehr angenehme Überraschung: Mr. Sanjay hatte ihn stets inüberteuerte Touristenrestaurants geschleppt und dafür sicherlich Provisionkassiert. Prince präsentierte zwar gelegentlich Vorschläge, überließ aber stetsDon Curry die Wahl des Restaurants.
Don Curry wusste, dass sich im Zentrum Munnars eine Filiale der berühmten südindischen Restaurantkette Saravana Bhavan befindet. Da das Zentrum durchaus übersichtlich ist, hatte er das Restaurant schnell gefunden. Es zeigte sich zur Mittagszeit gut besucht, dennoch fand Don Curry noch einen freien Tisch und bekam schnell eine umfangreiche Speisekarte. Sein umherschweifender Blick auf die Nachbartische bereitete ihm allerdings ziemliches Unbehagen: denn hier wurde nicht nur rein vegetarisch, sondern offensichtlich traditionell südindisch gegessen - statt Teller bekommt jeder Gast ein großes Bananenblatt und das Essbesteck hat der Gast selbst dabei: die Finger seiner rechten Hand. Ziemlich unamüsiert beobachtete Don Curry, wie Einheimische, aber auch Europäer in den Reishaufen auf ihrem Bananenblatt griffen, einen kleinen Teil davon in eine der zahlreichen Soßen und Pasten schoben, alles vermengten und Richtung Mund transportierten. Ein bereitstehender Becher mit heißem Wasser diente bei Bedarf zur zwischenzeitlichen Fingersäuberung. Schon wurden ihm Bananenblatt und Putzbecher auf den Tisch gebracht; doch Don Curry ging bei der Bestellung auf Nummer sicher: eine Gemüsesuppe, ein Pilz-Masala und zwei Naanbroote. Der Kellner war sichtlich überrascht, dass das schon alles sei - auf Nachbarbananenblättern breiteten sich teilweise zehn verschiedene Gerichte aus - doch er durchschaute wohl Don Currys Unerfahrenheit.
Suppen dienen in Indien nie als Vorspeisen, sie sind wie alles andere auch ein Bestandteil des vielfältigen einzigen Ganges. So wurden Don Curry die Suppe, das Masala und die Naans gleichzeitig serviert, und der Kellner hatte verschmitzt grinsend nicht nur die Suppe, sondern auch das Masala mit einem Löffel versehen. Don Curry war ziemlich erleichtert, löffelte genüsslich die Gemüsesuppe aus und probierte dann die Pilzspeise. Masala ist eine gut gewürzte, zähflüssige Art eines Currys, und dieses Pilz-Masala erwies sich als sehr gut gewürzt. Schon bald begann Don Currys Nase zu weinen und die Geschmacksknospen seiner Zunge stellten nach und nach den Betrieb ein; der gesamte Mund- und Rachenraum schien in Flammen zu stehen, nur das Brot bot zwischendurch etwas Linderung. Nach der Hälfte des Masalas kapitulierte Don Curry, ordert die Rechnung und zahlte für das Bestellte samt 1 l Wasser knapp 3 €. Essengehen kann in Indien durchaus günstig sein.
Don Curry nahm sich noch etwas Zeit, die alte St. George Church in Munnar zu besuchen, dann startete Prince durch. Eigentlich sollte eine Teefabrik als Ziel unterwegs dienen, doch als Don Curry dort erfuhr, dass am heutigen Montag niemand arbeitete und nur das Museum zu besichtigen sei, verzichtete er. Durch atemberaubende, malerische Teelandschaften arbeitete sich das Auto allmählich herunter aus den Bergen der Western Ghats.
Eigentlich hatte sich Don Curry noch einen Tempel am Rande der Stadt Madurai vorgenommen, doch Prince riet davon ab. Er kannte den Verkehr in der Millionenstadt Madurai, der den Verhältnissen in Jaipur oder Delhi zumindest ähnelte. So waren beide froh, gegen 18:00 Uhr das Hotel Supreme im Stadtzentrum erreicht zu haben. Prince verabschiedete sich, Don Curry checkte ein und merkte deutlich, dass die Zeit der Luxushotels vorbei war. Das Zimmer war funktional eingerichtet, ohne jeden Charme und nicht so ganz sauber. Toilettenpapier musste Don Curry sogar an der Rezeption anfordern. Aber er wollte seine Zeit ja nicht in einem Hotel verbringen, sondern Indien erleben.
So machte er sich bei einbrechender Dunkelheit zu Fuß auf den Weg zum berühmten Meenakshi-Tempel, dem eigentlichen Herzen der Stadt, wenn nicht sogar ganz Südindiens. Prince hatte zwar empfohlen ein Tuktuk zu engagieren, doch Don Curry fand sich problemlos in den engen Altstadtgassen zurecht und erreichte den gewaltigen Tempel nach rund 500 m an dessen Westtor.
Die Schuhabgabe wurde hier bestens organisiert, und so konnte sich Don Curry auf Socken zur üblichen Sicherheitskontrolle machen. Hier erfuhr er, dass Kameras und Batterien nicht in den Tempel dürfen, Smartphones aber schon. Also zurück zur Schuhabgabe, wo man für 2 Rupien auch Wertgegenstände verwahren lassen konnte. Der Sicherheitsbeamte zeigte sich nun zufrieden, forderte von Don Curry aber noch einen Eintrag ins Buch der Foreign Tourists. Als auch das absolviert war, durfte er das riesige Tempelgelände erstmals betreten. Manches wirkte irgendwie vertraut, wie die zahlreichen Devotionalienhändler im östlichen Eingangsbereich, vieles andere zeigte sich als sehr fremdartig und doch beeindruckend.
Neben dem Hauptschrein, finden sich überall auf dem Gelände kleine und kleinste Nebenschreine, Götterfiguren, Lingams - und überall finden sich Zeichen der Verehrung: Blumen, Früchte, brennende Kerzen, kurze Verneigungen, ein sich auf den Boden werfen, ... Einzeln oder in kleinen Gruppen gingen die Gläubigen ihren jeweiligen Verrichtungen nach. Don Curry versuchte, möglichst nicht im Weg zu sein, und zugleich die Farbenpracht und altertümliche Atmosphäre zu bestaunen. Mit seinem Smartphone durfte er meist ungehindert fotografieren, nur im Bereich direkt vor dem Allerheiligsten wurde ihm das deutlich untersagt. Leicht verwirrt, aber auch neugierig kehrte Don Curry ins Hotel zurück und fasste den Plan, den Tempel am frühen Morgen noch einmal erleben zu wollen.
Für den Abend stand jetzt aber eine Stärkung an. Don Curry wusste, dass das Beste am Hotel Supreme sein Dachrestaurant Surya ist. Zum einen wegen seines grandiosen Ausblicke über die Dächer Madurais bis zu den Tempeltürmen, zum anderen wegen seines ausgesucht leckeren Essens. Allerdings, so stellte Don Curry schnell fest, war es ein rein vegetarisches Restaurant. Trotzdem konnte er beide Stärken des Surya vorbehaltlos genießen; den Tempelblick, da man ihm einen Tisch direkt an der Aussichtsseite zuwies, und die feinen Aromen von Gemüse-Curry und Ananas-Raita, gekrönt von einem Papaya-Lassi und begleitet von einem großen (650 ml-Flasche) Foster's Extra Strong mit immerhin 8% Alkoholgehalt.
Zufrieden sank Don Curry in sein Bett. Plötzlich ging ihm auf, dass er seit der Überraschungschnecke am Morgen mit keinem Tier mehr zu tun gehabt hatte. Die Tahre konnten heute gar nicht da sein, weil heute Don Currys vegetarischer Tag gewesen ist - völlig konsequent. Und Don Curry muss erstaunt konstatieren: das war gar nicht so schlecht...
