Don Curry und die Stadt der Bänke
Tag 2 - Tbilisis Museen


Veröffentlicht: 15.06.2023
Don Curry macht stets einen exakten Plan, bevor er eine Reise startet. Dazu filtert er aus allen verfügbaren Sehenswürdigkeiten diejenigen aus, die ihn wirklich interessieren (meist viel zu viele), und bringt sie anschließend in eine sinnvolle Reihenfolge, die man abfahren kann. Allerdings hat seine langjährige Erfahrung gezeigt, dass die Summe der Highlights noch keine Highlight-Reise ergeben. Denn diese herausragenden Sehenswürdigkeiten kann man sich bei GoogleMaps oder Wikipedia bereits bequem von zu Hause aus allen möglichen Blickwinkeln anschauen. Das eigentlich Überraschende einer Reise liegt oft genau zwischen den Highlights. Hier kann sich Don Curry noch als echter Entdecker fühlen...
Die erste Entdeckung des heutigen Tages sollte allerdings sein Gefährt für die kommenden Wochen sein. Gestern hatte sich bereits Platon von "PARents.ge" bei ihm gemeldet, der von Don Curry ausgewählten Mietwagenfirma. Kurz nach 9:00 Uhr fuhr ein großer schwarzer Nissan XTerra die kleine Gasse Richtung Hotel empor. Platon nahm sich viel Zeit, um Don Curry in die Besonderheiten des Fahrzeugs einzuführen. Außerdem versprach er, die ganze Zeit 24 Stunden täglich für Fragen und Problemlösungen per WhatsApp zur Verfügung zu stehen. Don Curry hatte zunächst vor allem eine Bitte: Platon solle das wuchtige Auto bitte noch in Fahrtrichtung drehen, damit Don Curry nicht gleich zu Beginn das Rückwärtsfahren unter extrem beengten Bedingungen erproben müsste.
Nach der Einführung gönnte sich Don Curry noch ein leichtes Frühstück an dem heute sehr ausgedünnten Buffet. Vermutlich gab es außer ihm zur Zeit wenig andere Gäste. Dann fragte er nach, wo der Pool zu finden sein, den er bisher noch gar nicht entdeckt hatte. Der Rezeptionist erschrak sichtlich und meine ziemlich direkt: "Ihre Zeit ist abgelaufen! Sie können nicht mehr in den Pool." Doch Don Curry konnte mit dem Zeigen des Fotoapparats den besorgten Hotelmitarbeiter schnell beruhigen, stieg zahlreiche Stufen empor und staunte weniger über den kleinen Pool, sondern über den wunderbaren Blick über Tbilisi mit dem Turm der Betlehemkirche im Vordergrund.
Dann verließ er die gastliche Stätte, um sich ab jetzt seinem Mobil anzuvertrauen. Kurz überlegte er, es als "Biest" zu bezeichnen, doch dann entschied er sich für das prägnante "Xerra", das gut die Wildheit und das relativ laute Röhren des Motors wiedergab.
Xerra startete problemlos und ließ sich gut durch die Gassen Tbilisis steuern. Erste Station unterwegs sollte ein Carrefour-Supermarkt sein, um sich mit Getränken für die kommenden Tage einzudecken. Wie immer checkte Don Curry das Angebot nach ungewöhnlichen Exemplaren der Gattung "Softdrink" ab, und fand eine Limonade mit Estragon-Geschmack. Die musste er mitnehmen. Ungewöhnlich erschien ihm, dass für das Parken beim Supermarkt eine Gebühr entrichtet werden musste, die sich allerdings nur auf umgerechnet 0,60 € belief.
Nach Erreichen der Stadtgrenze Tbilisis änderte sich die Verkehrssituation drastisch. Aus dem dichten Gedränge entwickelte sich schlagartig ein recht ungestörtes Vorankommen. Dafür wurde es auf ganz andere Art und Weise lebendig auf den Straßen. Kuhhirten führten ihre Herden gern an den Asphaltwegen entlang. Je weiter Tbilisi zurücklag, nahm die Zahl der Kuhherden ohne Hirten zu, und diese Tiere hatten sich auf eine besondere Leidenschaft verlegt: sobald sich ein Auto zeigte, trotteten sie langsam Richtung Straßenmitte. Das war sicherlich ihr täglicher Thrill, ihr Nervenkitzel in der gewöhnlichen Eintönigkeit ihres Daseins. Don Curry kann sich durchaus vorstellen, dass sich abends die Kühe wiederkäuend nebeneinanderlegen und einander zuraunen, wie viele schnelle Kästen sie heute wieder ausgebremst hatten. Auch Kühen gönnt Don Curry ihren eigenen Humor.
Nach und nach wurden die Straßen noch auf andere Art lebendig. Hunde sah er fast immer am Straßenrand, einige Schafe tauchten auf, und in manchen Dörfern suhlten sich einzelne Schweine in Pfützen. Dazu kamen interessante Vertreter der Vogelwelt: Don Curry erkannte Haubenlerchen und mehrere Wiedehopfe. Als dann auch noch Schildkröten gemächlich die Straßen querten, kam Don Curry gar nicht mehr aus dem Staunen raus. Bei einer stoppte er sogar, worauf auch das Tier irritiert anhielt; ansonsten wäre es vermutlich ein Opfer der zwei heranrasenden Wohnmobile auf der Gegenspur geworden.
Als erste Sehenswürdigkeit unterwegs steuerte Don Curry die Kathedrale von Ninotsminda an. Doch diese mächtige Kirchenburg aus dem 6. Jhdt. hatte die Zeiten nicht ganz so gut überstanden. Nur noch die mächtigen Apsiden trotzten dem Verfall. Dafür sorgten trutzige Wehrmauern aus späteren Jahrhunderten und die sorgsam angelegten Blumenrabatten des jetzt dort existierenden Nonnenklosters für eine ganz eigene Atmosphäre.
Noch mehr Atmosphäre gab es bei Don Currys nächstem Ziel, dem Höhlenkloster Dawit Garedscha, direkt an der Grenze zu Aserbeidschan gelegen. Doch darin gründete auch das große Problem dieses Klosters. Während das gut bewohnte Hauptkloster jederzeit zugänglich ist, sind die kunsthistorisch weit bedeutenderen Nebenklöster nur erreichbar, wenn man ein Stück über aserbeidschanes Territorium wandert. Was zu Sowjetzeiten und auch viele Jahre danach stets geduldet wurde, ist inzwischen zum Politikum geworden. Obwohl Georgien anderes Land zum Tausch angeboten hat, besteht die aserbeidschanische Regierung auf ihr Hoheitsrecht an dieser Stelle und verbietet jeden Grenzübertritt; aber auch von aserbeidschanischer Seite wird der Zugang zu den Nebenklöstern nicht gestattet. So bleiben sie für Besucher unerreichbar. Georgische Grenzsoldaten wiesen auch Don Curry darauf hin, dass er nicht weiter gehen dürfe. Das ganze Gelände dort bei den Klöstern gilt als extrem schlangenreich, hatte Don Curry gelesen. Allerdings weiß er auch, dass Reiseführer gern dramatisieren, um bestimmte Ziele noch interessanter erscheinen zu lassen. Doch kaum hatte Don Curry den steilen Weg zum Nebenkloster bestiegen, kreuzte eine 1,5 m lange weiß-kupferfarbene Schlange seinen Weg, taxierte ihn kurz, ob er womöglich ein guter Mittagssnack wäre, entschwand aber schnell, als Don Curry den Fotoapparat auf sie richtete. So wird sie nie erfahren, wie fotogen sie eigentlich ist. Einige Meter weiter entkam eine Schildkröte nicht so geschwind Don Currys Belichtungskünsten.
Trotz der unerreichbaren künstlerischen Höhepunkte zeigte sich Don Curry überaus zufrieden. Mönche besaßen stets eine besondere Affinität zu ausgeprägter Naturschönheit. Wenn sie ein Kloster in der Einsamkeit gründeten, dann sollte es wenigstens eine schöne Einsamkeit sein. Bereits auf der langen Anfahrt zum Kloster staunte Don Curry über die fast baumlose hügelige Graslandschaft, die sich scheinbar endlos hinzog. Vielleicht der westlichste Ausläufer der zentralasiatischen Steppengebiete? Beim Kloster Dawit Garedscha selbst dominierten felsige Formationen aus bunt gestreiften Gesteinsschichten, die dem ganzen einen fast unwirklichen Charakter verliehen. So, als hätte ein Surrealist wie Dalí im Auftrag der Mönche eine Landschaft gestalten sollen. Als sich dann auch noch ein einsames Pferd einen Platz im Vordergrund dieser bildgewaltigen Szenerie suchte, bestand fast schon Kitschgefahr. Egal, manchmal ist die Welt tatsächlich unerträglich schön!
Genau diese einfach schöne Welt wollte Georgiens berühmtester Künstler Nikos Pirosmani einfangen. Er war dabei so erfolglos, dass er am Ende buchstäblich verhungerte und in einem Armengrab irgendwo verscharrt wurde. Heute ist er der bisher einzige Maler des Landes, der weltweit eine gewisse Bekanntheit erreicht hat. Selbst Picasso soll von seinen Werken fasziniert gewesen sein. Gestern bestaunte Don Curry einige seiner Werke in der Nationalgalerie in Tbilisi, heute besuchte er seinen Heimatort Mirzaani. Für die Eintrittsgebühr von umgerechnet 0,30 € bekam er nicht nur ein schön gestaltetes Ticket, sondern auch eine persönliche Führung. Das in Sowjetzeiten erbaute wuchtige Museum sei allerdings in Restauration, erklärte bedauernd die junge Georgierin, er könne aber das Geburtshaus anschauen. Noch mehr bedauerte sie, dass Don Curry nicht mal ordentlich russisch verstand, so dass sie ihm nur ein paar englische Brocken als Erklärungen anbieten konnte. Don Curry fand das nicht tragisch, da das Geburtshaus sowieso nur einen Raum mit spärlicher Einrichtung umfasste. Hier wurde damals geschlafen, gekocht, gelebt - die ganze Großfamilie zusammen. Zumindest konnte Don Curry nun nachempfinden, warum es Pirosmani schon in jungen Jahren nach Tbilisi zog.
Da die Zeit schon etwas vorgerückt war, verzichtete er auf den langen Abstecher zur Allerheiligenkirche in Gurdschani, sondern steuerte direkt Sighnaghi an. Xerra musste echte Leistung zeigen, denn das pittoreske Städtchen liegt ganz oben auf einem Bergrücken, der nur über zahlreiche Serpentinen erreichbar ist. Fast die komplette Altstadt von Sighnaghi ist noch mit Stadtmauern umgeben, zwischen den alten Häuschen liegt unebenes Kopfsteinpflaster. Doch der Tourismus hatte sich längst dieser mittelalterlichen Schönheit bemächtigt: die Altstadt beherbergt fast ausschließlich Restaurants, Gästehäuser und Souvenirläden; die einstige Ursprünglichkeit wurde zum Opfer unbegrenzter Kommerzialisierung. Dennoch: der Spaziergang durch die alten Gassen und die weiten Ausblicke bis hin zur Bergkette des Kaukasus erfreute Don Curry sehr.
Dem Kloster Bodbe stattete er nur noch einen kurzen Besuch ab. Die prachtvolle neue Kirche zog alle Aufmerksamkeit auf sich, das alte Kirchlein aus dem 9. Jhdt. lag buchstäblich im Schatten der umgebenden Bäume. Dabei verfügte es über außerordentlich gut erhaltene Fresken aus dem Mittelalter, schien nahezu komplett ausgemalt. Leider wachten die hiesigen Nonnen besonders gut und rügten Don Curry bereits nach dem ersten Foto, das er - vermeintlich heimlich - aufgenommen hatte.
Nur 3 Kilometer von dem Kloster entfernt, liegt seine Unterkunft für diese Nacht: der Lost Ridge Inn, eine spannende Mischung aus Hotel, Restaurant, CraftBerr-Brauerei und Pferderanch. Dementsprechend hatte sich ein sehr gemischtes Publikum eingefunden, wie Don Curry erst später bemerken würde. Zunächst bezog er sein Zimmer, das über eine große Veranda verfügte und erholte sich etwas von seinem ersten Fahrtag.
Das Restaurant, teilte ihm der Hotelmanager mit, befindet sich 100 m entfernt auf dem Gebiet der Ranch. Don Curry genoss den kurzen Spaziergang und fand beim "Ranch Café" fast sämtliche Tische bereits gut gefüllt vor. Man speiste draußen vor dem Café auf einer schönen Wiese unter Bäumen. Zahlreiche pferdeinteressierte junge Leute bildeten die Mehrheit der Gäste, dazu kamen noch kleine Gruppen, die einen Mehrtagesausflug von Tbilisi aus gebucht hatten und hier nun übernachten sollten. Don Curry wurde eine handschriftliche Speisekarte gereicht, Von den 15 Wahlmöglichkeiten enthielt nur eine Fleisch: "Roasted Chicken" - alles andere waren typische Bestandteile der sehr vegetarierfreundlichen georgischen Traditionsküche. Da für Don Curry keine Zeit zum Lunchen geblieben war, bestellte er sich das Chicken, dazu gebratene Kartoffeln und Rote-Beete-Salat mit Tkmali, und natürlich das hotelgebraute CraftBeer. Um ihm die Entscheidung zu erleichtern, schlug ihm der Kellner das Tasting-Set vor - alle vier Sorten in kleinen Pro-bier-gläsern. Gute Idee!
Die Küche lieferte keine kulinarischen Experimente, sondern echte georgische Hausfrauenkost. Die drei großen gebratenen Hühnerteile kamen in einer würzigen Knoblauchmilch daher; die kleinen Katoffeln hatte man im Ganzen gebraten und mit Dill und ganz viel Butter verfeinert; die Rote Beete hätte man so auch in Deutschland bekommen. Sowohl Kartoffeln als auch Beete wurden von Tkmali begleitet, der typisch georgischen Sauce aus sauer eingelegten Wildpflaumen. Doch während Don Curry gestern im Hotel die fast ätzende Säure der dortigen Tkmali gar nicht geschmeckt hatte, konnte ihn die hier angebotene und sicherlich hausgemachte Sauce mit ihrer feinfruchtigen Würzigkeit sehr überzeugen. Besonders zu den Kartoffeln lieferte sie eine willkommene Ergänzung.
Mehr als zufrieden kehrte Don Curry den kurzen Weg auf der Straße zu seinem Hotel zurück. Hier, so wurde ihm klar, bereicherte er selbst das Straßenleben - neben all den Schildkröten, Vögeln, Hunden, Schweinen und Kühen. Und tatsächlich: die Autos bremsten und wichen auch ihm aus...
