Von Glasgow nach Nordirland
Tag 7 (12. Juni): Glasgow - Ayr - Culzean Castle 100 km 700 hm / Σ 685 km / 6010 hm) Mit frisch gewaschenen Kleidern im Gepäck starten wir in unseren letzten ganzen Tag in...


Veröffentlicht: 16.06.2025




























"Wir brauchen einen Notfallplan!" Mit dieser Aussage von Dominique starten wir angesichts des Schnürlregens, wie einer der Motorradfahrer im Hotel das Wetter beschrieb, in den Tag. Haralds Antwort: „Jetzt fahren wir mal los!!“ Auch ohne Notfallplan verlangt uns das Wetter heute alles ab und ich ( Dominique) frage mich, wer sich so einen Radtag zumuten würde! Wir haben 70 km vor uns mit zwei längeren Anstiegen. Die ersten 28 km kommen wir auf der Coastal Road, die später in die Causeway Coastal Road übergeht, bei wenig Verkehr gut voran. Motivierend sind die Rennradler, die uns entgegenkommen - wir sind nicht die einzigen, die dem schlechten Wetter trotzen. Der Regen wird minütlich stärker, so dass wir uns freuen auf ein schönes Café zu treffen. Die Leute dort sind alle freundlich und besorgt, sie finden, dass es bis zu unserem Tagesziel noch weit ist, womit sie wohl recht haben, und vor allen bei diesem Wetter. Wir sollen doch im Ort übernachten. Nach einer längeren Pause müssen wir aber in die sich feucht anfühlende Regenkleidung steigen. Wir können feststellen, dass sich Arcteryx, Löffler, Vaude und Gore Wear als wetterfest qualifiziert haben. Fast trocken kommen wir am Ende des Radtags an! Vorher müssen wir zuerst einmal auf 250 m hochkurbeln und erreichen eine schöne, wilde Hochebene. Wir können gut erahnen, welch wunderbare Landschaft dies ist. Sogar bei diesem Sauwetter empfinden wir Glücksgefühle beim Blick über die Weite und die wilde Natur! Wo es hoch geht, geht es auch bergab. Im Starkregen rasen wir wieder gen Küste und brauchen dringend Pause. Im Pub gibt es heißen Tee und Gemüsesuppe. In Ballycastle kaufen wir für das Abendessen ein. Besonders schwer wiegt das Bier, das wir nun mit schwerem Tritt über die nächsten Hügel bringen müssen (es lohnt sich!). Um 17 Uhr erreichen wir die Unterkunft an der Whitebay mit Blick auf den schönen Strand. Die Unterkunft ist etwas in die Jahre gekommen, doch lassen sich das Zimmer heizen und in der Küche Spagetti zubereiten.
Über Nacht hat sich der Regen verzogen, am Morgen kommen noch hin und wieder ein paar Tropfen herunter. Der heutige Tag steht ganz im Mittelpunkt von Giant's Causeway, dem Damm der Riesen, der touristischen Hauptattraktion Nordirlands. Da wir nicht viele Kilometer zu bewältigen haben, warten wir am Morgen noch ein wenig ab bis der Regen ganz aufgehört hat. Nach 3 km sind wir beim Dunseverick Castle, von dem nur noch die Ruine des Torhauses zu sehen ist. Heute ist hier der Eingang zum Küstenweg des Giant's Causeway an der Nordküste Irlands. Wir stellen unsere Räder ab und machen uns zu Fuß auf zur Erkundung. Seit 1986 ist dieser Weg UNESCO-Welterbestätte. Er besteht aus etwa 40.000 gleichmäßig geformten Basaltsäulen, deren Alter etwa 60 Millionen Jahre beträgt. Etwa die Hälfte der Säulen hat einen sechseckigen Querschnitt, es treten jedoch auch solche mit vier, fünf, sieben oder acht Ecken auf. Die größten der Steinsäulen haben eine Höhe von zwölf Metern und sind bis zu 25 m dick. Geologen führen die Entstehung des Basaltdammes auf die Abkühlung heißer Lava zurück. Formationen senkrechter Basaltsäulen können bei sehr langsamer und gleichmäßiger Abkühlung von Lava entstehen. Wir wandern rund 2 km bis wir zum eigentlichen Causeway kommen. Hier, noch 5 km vom Visitors Centre entfernt, sind wir fast alleine und können den rauhen und wilden Küstenabschnitt richtig genießen. Nach 2 km erreichen wir das 'Amphitheatre', eine Bucht, in der die hohen Basaltsteine wie ein natürliches Amphitheater wirken. Wir treffen nun mehr Touristen und am Ende des Weges kurz vor dem Visitor Centre sind es Hunderte, die auf den Säulen direkt am Meer herumklettern. Die Steine sind wie ein Mosaik angeordnet - sehr beeindruckend. Es wundert uns nicht, dass im Jahr rund eine Million Menschen diesen Ort besuchen. Wir nehmen den Bus zurück zu unseren Rädern und radeln an der Küste entlang bis zu unserer Unterkunft in Portstewart. Unterwegs kommen wir noch an Dunluce Castle vorbei, eine der größten Ruinen einer mittelalterlichen Burg in Irland. Die Burg war wohl auch in 'Game of Thrones' zu sehen. Obwohl es heute nur eine solch kurze Distanz ist, sind wir am Kämpfen, was an den knackigen Anstiegen und dem kräftig blasenden Gegenwind liegt. Die irische Küste ist rau und wild, die Städte und Dörfer sehr unterschiedlich zu Schottland. Was uns befremdet sind die Feriensiedlungen entlang der Küste, alles Wohncontainer direkt an der Strasse und eng neben einander aufgestellt. Am Abend essen und trinken wir in einem typischen Pub, wo es heute auch Live-Musik gibt.
Nicht nur bei den Schotten sondern auch bei uns ist das Wetter ein dominantes Thema. Heute ist es bewölkt mit einigen sonnigen Abschnitten, ein fast idealer Radtag, wäre da nicht der Gegenwind in einzelnen Abschnitten. Insgesamt lässt sich alles gut fahren, es ist bei weitem nicht so schlimm wie befürchtet. Wir fahren zuerst bis Coleraine, überqueren den Fluss und machen ein paar Höhenmeter. Die lohnen sich, denn wir haben einen Blick über die üppig grüne Landschaft und rechts das Meer. Nicht umsonst weist ein Schild darauf hin: Binevenagh - Area of Outstanding Natural Beauty. Es ist toll, dort auf einer Nebenstraße durch diese Gegend zu rollen und zu genießen. Nach 20 km erreichen wir den Mussenden-Tempel, direkt über den Klippen im 18. Jahrhundert vom Earl Bishop Hervey neben einem Herrenhaus und anderen Anlagen als Bibliothek gebaut. Es ist eines der beliebtesten Fotomotive in Nordirland, was vor allem an der Lage über dem Meer und der Einsturzgefahr liegt. Von dort aus fahren wir zügig bis zur Mulligan-Fähre, die abfahrbereit auf uns wartet und uns an der engsten Stelle über die Bucht Lough Foyle nach Greencastle bringt. Beim Kaffee wird uns plötzlich bewusst, dass wir nun plötzlich in der Republik Irland sind. Bei der Loslösung der Republik Irland 1920 / 21 blieben sechs Grafschaften beim Vereinigten Königreich und entsprechend wurde die Grenze gezogen. Von hier aus ist es nicht mehr weit zum menschenleeren nördlichsten Teil der Insel. Uns zieht es aber nach Süden zurück nach Nordirland, genauer gesagt nach Derry, von britischer Seite Londonderry genannt. Derry war während des Nordirlandkonflikts Ende der 1960er und 70-er-Jahre Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen den englisch-schottischen Protestanten und den katholisch-irischstämmigen Bewohnern, die am Bloody Sunday 1972 ihren Höhepunkt fanden. An diesem Tag wurden 13 demonstrierenden Zivilisten von britischen Soldaten erschossen und weitere 13 verletzt. Infolge des Blutsonntags verschärfte sich 'The Troubles' deutlich, 1972 wurde zum blutigsten Jahr des Konflikts. Die IRA verübte mehrere Anschläge als Racheakte.
1998 konnte der Konflikt mit dem Karfreitagsabkommen friedlich beigelegt werden und hat seither Bestand. Es gab zwar bis heute immer wieder Anschläge, doch insgesamt hält das Abkommen. Eine Belastung brachte der Brexit, da 55% der Nordiren für einen Verbleib in der EU stimmten. Und damit werden auch wieder die Stimmen lauter, die einen Anschluss an die Republik Irland wünschen.
Derry ist für uns mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer, die rundherum begehbar ist, einen Besuch wert. Interessant sind auch die Kathedrale, die neue Peace Bridge und die alten Straßenzüge.