Durch die Highlands nach Glasgow
Tag 4 (10. Juni): Newtonmore - Blair Athol - Aberfeldy (92 km - 750 hm /Σ 429 km / 3650 hm) Wir sind mitten drin in den Highlands. Wir machen uns früh auf den Weg, damit wir...


Veröffentlicht: 14.06.2025
Mit frisch gewaschenen Kleidern im Gepäck starten wir in unseren letzten ganzen Tag in Schottland - so schnell geht das. Glasgow verlassen wir in Richtung Süden auf einem Radweg durch die Vororte. Nach 10 km lässt die Bebauung deutlich nach, wir treten bei angenehmen 2 bis 5 % 200 hm nach oben. Während ich mich mühe und schwitze, meint Dominique: "Das ist ja nix!" Wir kommen nach East Ayrshire, ländlich mit Schaf- und Pferdeweiden und erreichen nach 30 km Kilmarnock, einen unansehnlichen Industrieort und ehemaliges Bergbaurevier. Wir erfahren, dass John Walker hier Whisky in einem Kolonialwarenladen verkaufte, heute weltberühmt als Johnny Walker, dem weltweit meist verkauften schottischen Whisky. Der Weg in die Stadtmitte ist ein Umweg, der uns einiges an Zeit kostet. Obwohl die Strecke weitgehend flach ist, kommen wir nur langsam voran, was auch an den kleinen Ortschaften mit den Ampeln liegt. Dann stellt Dominique fest, dass sich an der Ortliebtasche hinten die Halterung gelöst hat. Mit einem der neu erworbenen Haltebänder (sehr gute Idee) können wir die Tasche wieder sicher befestigen. 10 km später zeigt sich bei mir das gleiche Problem, das sich auch mit Band lösen lässt. Wir hätten angesichts der Belastung der Gepäcktaschen die Schrauben kontrollieren und nachziehen sollen. Vermeintlich naht Rettung, als wir an einem Radgeschäft vorbeikommen. Doch der nette Besitzer findet keine passende Schraube, auch im nahegelegenen Haushaltswarengeschäft werden wir nicht fündig. Wir radeln weiter an der wenig ansprechenden Küste entlang, kaufen noch fürs Frühstück ein, da wir heute im Zelt übernachten wollen. Die letzten 20 km gibt Dominique Gas, damit sie rechtzeitig vor 18 Uhr beim Campingplatz ankommt. Wir bauen zügig auf und radeln noch 5 km auf einem Schotterweg mit Pfützen und Schlamm bis zum nächsten Restaurant.Was man für ein warmes Essen und ein Bier nicht alles tut! Beim Essen verrät der Blick nach draußen nichts Gutes - es regnet und hört dann auch die ganze Nacht über nicht auf. Aber im Zelt bleibt es trocken und gemütlich, und trotz Sturm draussen schlafen wir wie die Murmeltiere.
Am Morgen regnet es immer noch, doch können wir es gemütlich angehen lassen, da die Fähre nach Nordirland um 16 Uhr fährt und es bis zum Fährort Cairnryan nur 55 km sind. Bis zur Abfahrt können wir sogar das Zelt wieder trocken einpacken. Wir haben diesen Ort auch gewählt, um Schloss und -garten zu besuchen, doch angesichts horrender Eintrittspreise und wenig verbliebener Zeit verzichten wir auf diesen Luxus. Unsere heutige Etappe weicht vom EV1 ab, was auf der stark befahrenen A77 deutlich spürbar wird. Die schottischen Autofahrer halten sich aber auch bei starkem Verkehr an die Abstandsregel für Radfahrer und überholen nur mit Sicherheitsabstand. Kurz vor der Abzweigung zur Hauptstraße kommen wir durch Trumpland, Trump Turnbee, eine großzügige Anlage an der Küste mit Luxushotel und mehreren Golfplätzen. Bis Girvan rauscht ein Auto nach dem anderen an uns vorbei, darunter viele LKW. Wir sind froh, dass es anschließend einen Radweg gibt, doch bläst der Wind so heftig, dass wir daran zweifeln, die Fähre nach Nordirland noch rechtzeitig zu erreichen. Wir kämpfen an gegen den Wind und machen noch ein paar Höhenmeter. Um 15.15 Uhr sind wir am Fährhafen, doch können wir keine Tickets am Schalter kaufen. Wie so oft in solch einer Situation klapp online die Bezahlung nicht sofort und dann stellt sich heraus, dass ich in der Eile für morgen gebucht habe. Doch der freundliche Mitarbeiter gibt sich alle Mühe, bucht uns um, so dass wir nach der Gepäckkontrolle gerade noch rechtzeitig zum Shuttlebus kommen. Ja, richtig gelesen, wir fahren mit einem Shuttlebus mit vielen Fußgängern auf die Fähre. Der Bus bleibt auf der Fähre, und wie stellen unsere Räder im Bus ab. Die Überfahrt verläuft ruhig und gemütlich, Zeit für den Blog und die Anpassung der Planung. Nordirland begrüßt uns mit Sonne, guten Straßen und wenig Verkehr. Bald sind wir in unserem Hotel direkt an der Coast Road.
Die Schotten haben wir als äußerst offen, freundlich und humorvoll erlebt. Wo auch immer wir angehalten haben, haben sie sich nach unserer Herkunft und unserem Befinden erkundigt. Gab es ein Problem zu lösen, haben sie das zielstrebig angegangen und gelöst.
Das Wetter ist ein dominantes Thema in Schottland. Wen auch immer du triffst, sehr bald wirst du nach dem Wetter gefragt. "Wie war es auf eurer Tour? So ist eben das Wetter bei uns." Und wenn mal die Sonne strahlt, machen die Schotten ihre spaßigen Bemerkungen.
Wir haben es gut erwischt, und hätten wir nicht unbedingt noch zelten müssen, wären wir fast trocken durch Schottland gereist. Der Wind hatte bis auf die letzten beiden Tage nichts gegen uns. Und die berüchtigten Midges haben wir einmal gesehen und wissen deshalb, dass es sie gibt.
Die Landschaften haben uns tief beeindruckt, besonders die Highlands mit den Flüssen, Tälern, Bergen und den Lochs. Es war nicht so einsam wie befürchtet und wir konnten in unseren Pausen Kaffee, Tee und gute Kuchen oder Scones ( mit Käse, sehr gut!) genießen. Auch haben wir immer schöne Unterkünfte gefunden. Wir mussten darauf achten zur späteren Stunde noch ein Restaurant zu finden, das geöffnet hatte. Gegessen haben wir überall gut. Fish and Chips war immer auf der Karte, aber auch sehr gute Muscheln oder Lammgerichte. Haggis haben wir nicht versucht. Das beliebte Getränk Irn-Bru nur ein Mal.
Das Radwegenetz kann man ohne Einschränkungen als vorbildlich bezeichnen. Zwar sind wir erst bei der vorletzten Etappe auf ein Hinweisschild zum EV1 getroffen, doch die Ausschilderung der National Cycle Routes 1 und 7 ließen nicht zu wünschen übrig. Die Wege waren fast durchgehend gut asphaltiert auf Radwegen oder wenig befahrenen Nebenstraßen. Und die schottischen Autofahrer trugen mit ihrem rücksichtsvollen Verhalten (es wird nur überholt, wenn es keinen Gegenverkehr gibt) zu einer angenehmen Fahrt wesentlich bei.
Was bleibt sonst noch an Eindrücken? Von den Lowlands wenig, auch die Westküste hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Viele Hunde im ganzen Land, die ärmlich wirkenden Ortschaften und Städte im Süden, die zahlreichen Golfplätze, es waren bestimmt 30, an denen wir vorbeikamen.
Ein Dankeschön an dieser Stelle für alle eure Kommentare. Es ist schön zu wissen, dass ihr uns begleitet.