Aberdeenshire und Highlands
Tag 1 (6. Juni): Aberdeen - Portsoy (112 km / 1200 hm) Bei sonnigem Wetter radeln wir raus aus Aberdeen und hoffen, dass das gute Wetter anhält. Die ersten 10 km sind auf...


Veröffentlicht: 11.06.2025























Wir sind mitten drin in den Highlands. Wir machen uns früh auf den Weg, damit wir rechtzeitig zum gebuchten Besuch in einer Whisky-Destillerie sind. Vorher müssen wir aber noch kräftig in die Pedale treten, um über den Drumochter-Pass zu kommen. Es geht gleichmäßig und nicht zu steil nach oben. Die Landschaft wird wilder und ursprünglicher, kaum Häuser, nur große Schafweiden, hin und wieder auch Rinder. Wir fahren auf schmalen, einsamen Wegen oder Straßen, gesäumt von Ginster, Birken und kaledonischen Pinien mit Blick auf die kahlen Berge. Nach 20 km treffen wir auf die kleine Ortschaft Dawhinnie, wo sich die höchstgelegene Whisky-Distillerie Schottlands befindet. Zu früh für uns, wir wollen erst im Tal eine besuchen. Es geht beständig nach oben, nun parallel zur stark befahrenen A 9. Bei 462 m haben wir den Pass und damit den höchsten Punkt des schottischen Radwegenetzes erreicht. Von dort geht es 30 km leicht bergab mit einigen knackigen Gegenanstiegen, die gehören in den Highlands einfach dazu. Unterwegs treffen wir die Gruppe von euroradler.de aus Bischofsheim, die wir in Edinburgh im Hotel kurz kennengelernt haben.Die ursprünglich 14 Personen umfassende Gruppe mit den auffallenden Scotland-Radtrikots ist auf acht zusammen geschrumpft. Gestern ist einer kollabiert und reist nun begleitet von einem Kollegen zurück, zwei andere fahren mit dem Zug nach Inverness, zwei sind schon in Edinburgh ausgestiegen. Generalstabsmäßig ist die gesamte Route bis 22. Juni geplant und führt über die Isle of Skype und die Hebriden zu den Orkney-Inseln. Hochachtung!
Um 12.30 Uhr sind wir in Blair Athol, gerade rechtzeitig für den Besuch der Destillerie um 13 Uhr - meinen wir. Doch wir sehen keine Destillerie und auch kein Hinweisschild. Bei Maps finden wir den Hinweis, dass die Destillerie in Pitlochry ist, der nächsten Ortschaft in 11 km Entfernung. Wir sind zwar etwas müde und hungrig, manche würden von einem Hungerast sprechen, doch radeln wir bei einsetzendem Regen dorthin. Der Typ am Empfang ist wie die meisten Schotten aüßerst freundlich und bietet uns eine Tour um 14 Uhr an - perfekt! Es bleibt noch Zeit für eine Stärkung und einen Kaffee. Wir sind in einer der ältesten legalen Whisky-Destillerien, seit 1798 wird hier Whisky hergestellt. Der Führer erklärt uns humorvoll den Weg der Herstellung des Whisky vom Korn, frischem Wasser und Hefe über die Destillierung zum Brand bis zur Lagerung in Eichenfässern. Nur 1 % des in Blair Athol hergestellten Whiskys wird als Single Malt abgefüllt und verkauft. Der Rest geht an große Labels, häufig zur Herstellung eines Blend-Whiskys. Pro Sekunde werden in Schottland mehr als 40 Liter Whisky für den Export hergestellt. Nach der Führung dürfen wir verschiedene Single Malts versuchen.
Noch sind es 25 km bei nun stärkerem Regen und auf und ab bis zu unserem heutigen Ziel Aberfeldy. Bei unserer schönen Unterkunft treffen wir einen Jäger, der Jagd von Oktober bis April hauptberuflich macht. Er erzählt uns von seinen 37 Hunden (neigen Schotten zur Übertreibung?) und dass das meiste Fleisch aus seiner Jagd nach Deutschland exportiert wird.
Angesichts der vielen 'Aber' in den Ortsnamen haben wir nachgeschaut und herausgefunden, dass dieser Wortteil für 'Flussmündung' steht. Also radeln wir von der einen Mündung zur anderen - dies beinhaltet aber viele Steigungen. Komoot hat für die heutige Tour immerhin acht Steigung gefunden, besonders heftig sind die 1., die 5. und die letzte. Alles halb so schlimm, wenn den ganzen Tag die Sonne scheint. Die ersten Kilometer bis Kenmare und zum östlichen Ufer des Loch Tay sind flach. Nun kurbeln wir am südlichen Ufer auf einer schmalen, asphaltierten Straße immer wieder bergauf. Dadurch bekommen wir herrliche Ausblicke auf den See und die Berge der Grampian Mountains, aber auch Schmerzen in den Oberschenkeln. Nach den 24 km bis Killin haben wir bereits 550 hm in den Beinen. Dafür gibt es eine ausgiebige Pause bei Kaffee und Kuchen, sonst hat der Ort wenig zu bieten. Gleich nach Killin kommt der nächste Anstieg, der uns gleich am Anfang auf grob geschottetter Strecke alles abverlangt. Wir befinden uns nun im Loch Lomond& the Trossachs Nationalpark. Oben auf der Höhe und auf der weiteren Strecke haben wir schöne Ausblicke auf einige der mehr als 300 'munros'. Das sind die Berge über 3000 feet, benannt nach Hugh Munro, einem britischen Diplomaten und Bergsteiger, der eine Liste dieser Berge erstellte. Eine besondere Herausforderung bis heute ist das Munro-Bagging, die Besteigung all dieser Berge. Wir bleiben tiefer im Tal und rollen nun eine Weile bergab bis zum Loch Earn, der sich wunderschön nach Osten in das Tal ausbreitet. Wenig später sind wir am Ufer des Loch Lugnaig, dem wir für einige Kilometer folgen. Am südlichen Ende legen wir eine weitere Rast ein und wollen dabei die Sonne genießen. "It's a little bit midgy." Eine Radfahrerin weist uns freundlich auf die kleinen, gefräßigen Mücken hin, und wir verziehen uns lieber nach drinnen. Auch die letzten 25 km haben es in sich, müssen wir vor Aberfoyle noch 200 hm auf Schotter bewältigen. Dadurch kommen wir etwas später als erwartet in dem kleinen, touristischen Ort an und müssen feststellen, dass die Rezeption am Campingplatz schon geschlossen hat und auch das Restaurant im Ort demnächst schließt. Wir finden ein Hotel mit Restaurant, das uns zu einem Sonderpreis Halbpension anbietet. Und nach dem Essen können wir bei einem Bier noch die vielen älteren Busreisenden in der Bar beobachten.
Es wird ein weiterer sonniger Tag. Aberfoyle liegt zwar am Rand der Highlands, doch soll das nicht heißen, dass es nicht mehr ansteigt. Auf den ersten knapp 30 km machen wir fast 500 hm, darunter einen knackigen Anstieg mit 200 hm. Man muss wohl einen Hang zur Selbstquälerei haben, wenn man all das Gepäck hochkurbelt, von dem vieles noch nicht benutzt wurde. Jeder kleine Anstieg, von denen es auch heute viele gibt, wird dadurch zur Herausforderung. Die wir bisher aber alle bewältigen! Vor Balloch dürfen wir mitten durch den wunderschönen Schlosspark fahren. Wir sind nun am Südufer des Loch Lomond. In einem der beliebtesten Lieder wird dieser See mit der persönlicher Tragik zweier gefangener Soldaten besungen und ist dadurch zu einem Symbol für die Naturverbundenheit und die schottische Kultur geworden.
You'll take the high road and I′ll take the low road and I'll be in Scotland afore you. Where me and my true love will never meet again, on the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond. Unbedingt anhören!
Wir sind nun in den Lowlands und haben noch 35 km bis Glasgow vor uns, zunächst entlang des Flusses Leven der von Loch Lomond zum River Clyde führt. Diesem und einem Kanal folgen wir bis kurz vor dem City Center von Glasgow. Auf der anderen Seite des River Clyde sehen wir beeindruckende neue Bauarchitektur wie das Riverside Museum und das Glasgow Science Center. Unsere Unterkunft liegt direkt am George's Square, dem pulsierenden Zentrum der mit 600.000 Einwohnern größten Stadt Schottlands. Bei einem Rundgang stellen wir fest, dass die Stadt nicht viele Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Glasgow galt einst als die Mörder-Hauptstadt Westeuropas. Doch das hat sich seit Beginn des neuen Jahrhunderts gründlich geändert. Aus dem einstigen „Sorgenkind“ Glasgow ist nun Schottlands sympathischste Stadt geworden – nicht immer schön und glatt, sondern ehrlich und rau. Diese Beschreibung der Tourismusbehörde trifft es ganz gut.