Nordirland
Tag 9 (14. Juni): Halfway House -Whitepark Bay (70 km - 600 hm / Σ 820 km - 7160 hm) "Wir brauchen einen Notfallplan!" Mit dieser Aussage von Dominique starten wir angesichts...


Veröffentlicht: 20.06.2025


























Wir radeln die ersten 10 km am River Foyle entlang und verlassen dann UK in die Republik Irland, ohne dass dies irgend jemandem auffallen würde. Gemäß dem Karfreitagsabkommen darf es keine Grenzkontrollen zwischen der Republik und Nordirland geben, was in Folge des Brexit zu großen Problemen geführt hat. Bis Newton Cannemore geht es auf Nebenstraßen mit den üblichen Steigungen. Dann müssen wir 8,5 km auf einem Seitenstreifen neben der stark befahrenen Hauptstraße fahren, der Lärm ist neben den Steigungen eine weitere Herausforderung. Danach können wir dem ausgeschilderten EV1 bis Letterkenney . folgen. Der Ort ist wesentlich größer als bei der Planung gedacht und es ist viel Verkehr. Die Steigung aus der Stadt heraus können wir zum Glück auf dem Gehweg machen. Oben angekommen geht es gleich wieder bergab, und dann weitere 15 km auf der Hauptstraße weiter gen Norden. Obwohl wir uns auf dem EV1 befinden, müssen wir häufig die N56 mit dem Autoverkehr teilen. Auch nach der Abbiegung auf eine Regionalstraße nimmt der Verkehr gefühlt kaum ab. Aber die Landschaft ist schöner und abwechslungsreicher, sind wir doch nun im Glenveagh Nationalpark. Der Park ist ein bedeutendes Naturreservat. Von den zum Teil dicht bewaldeten Tälern mit seinen Seen bis zu den Gipfeln finden sich verschiedene Höhenstufen der Vegetation mit seltenen Pflanzen und Tieren. Hier befindet sich auch der weithin sichtbare Mount Errigal, mit 750 m die höchste Erhebung im nördlichen County Donegal. Wir müssen nur auf knapp 300 m hochkurbeln, was dennoch unsere ganze Energie fordert, denn neben der Steigung bläst auch ein heftiger Gegenwind.Nach einer knappen Stunde haben wir die 10 km bewältigt! Der Lohn für die Anstrengung ist ein wunderschöner Ausblick auf die Berge und den Dunlewey Lough. Nun ist es nicht mehr weit bis zum Campingplatz Sleepy Hollow, welch ein Name! Unterwegs knacken wir die 1000-km-Marke - nun liegen noch rund 1000 km auf es zu Irlands Straßen und Wegen vor uns, gespickt mit vielen knackigen Anstiegen. Gleich um die Ecke vom Campingplatz ist Leo's Tavern, the home of Clannad. Ich (Harald). freue mich wie Harry😀, habe ich doch in jungen Jahren Clannad mit Begeisterung gehört und Konzerte besucht. Also die alten Platten raus oder bei YouTube, Spotify reingehört! Im Lokal hängen Plakate, Fotos, goldene Schallplatten - zum Erinnern und Genießen. Beim Blogschreiben greifen dann die Midges an, so dass ich mich schnell zu Dominique ins Zelt verkrieche.
Am Morgen fängt es zu nieseln an, so dass wir schnell das Zelt abbauen. Dominique macht das schnell und perfekt. Die ersten Kilometer ist irisches Wetter - drizzle. Und auch die Midges begleiten uns und greifen an, wenn wir stehen und Regenkleidung an- oder ausziehen. Und wir haben mit den topographischen Gegebenheiten zu kämpfen, es geht kurz und steil nach oben und dann wieder bergab. 600 hm auf 40 km verlangen uns alles ab. Gefühlt geht es nur bergauf und bergab. Und es gibt keine Möglichkeit zur Kaffeepause. Da relativiert sich die Schönheit der Landschaft etwas! Dafür ist der Halt nach 47 km passend, schönes Café mit großer Kuchenauswahl. So gestärkt lässt sich auch der Glengesh Pass bewältigen. Wir sind nun in einer wunderschönen heideartigen Landschaft mit tollen Ausblicken auf das Meer. Die Strecke heute ist durchgehend mit EV1-Schildern gekennzeichnet und asphaltiert. Bei einem Anstieg mit mehr als 15 % müssen wir schieben, doch danach geht es gleich wieder rasant ins Tal. Wir fragen uns immer wieder wie die Menschen in den einfachen Häusern entlang des Weges ihren Unterhalt finanzieren. Bekannt ist, dass der Nordwesten Irlands über viele Jahre sehr arm und auf Unterstützung durch die Zentralregierung in Dublin angewiesen war. Inzwischen soll der Tourismus helfen. Von den Touristen sehen wir einige in Donegal, unserem heutigen Zielort. Es gibt wohl einige Amerikaner, die sich auf die Spuren ihrer Vorfahren gemacht haben. Im Pub, das wir aufsuchen, singt eine Amerikanerin in Erinnerung an ihren Vater und ihre Onkel das Lied von Donegal. Ein rührender Moment. Die Iren hatten unter der britischen Unterdrückung schwer zu leiden und von 1820 bis 1930 kamen 4,5 Millionen Iren in die USA, die meisten von ihnen nach der Großen Hungersnot in Irland von 1845 bis 1852. Viele von ihnen zogen in die schnell wachsenden irischen Viertel in den amerikanischen Städten. Die Hungersnot traf irische Männer und Frauen gleichermaßen, insbesondere die ärmsten und landlosen und ganze Familien verließen ihre Heimat. Die Einwohnerzahl Irlands sank in der Folge von 8,2 Millionen (1841) auf 4,7 Millionen (1891). Heute leben etwa 40 Millionen sogenannte Irischamerikaner in den USA.
Am Morgen scheint die Sonne, keine Wolke am Himmel. Traumwetter, alles passt für einen perfekten Radtag. Wir starten voller Energie und müssen auch nicht gleich zu viel nach oben strampeln. Auf kleinen Nebenstraßen radeln wir vorbei an kleinen Gehöften, Cottages, Ferienhäusern und Schafweiden durch den saftig grünen Norden Irlands. Einziges besonderes Vorkommnis ist, dass es Dominique zu wohl wird und sie sich mit dem Rad in den Graben legt - ohne Anlass und ohne Folgen. Von den Hügeln hat man einen schönen Blick auf die nördliche Seite der Bucht von Donegal mit den Klippen von Slieve Leagues an der Westspitze. Die steil ins Meer abfallenden Klippen gehören mit ihren 601 Metern Höhe zu den höchsten Klippen in Europa. Nach 25 km erreichen wir Ballyshannon, den Geburtsort der Gitarrenlegende Rory Gallagher. Ihm zu Ehren gibt es jedes Jahr dort ein großes Festival. Unbedingt Mal wieder seine Musik hören! 6 km weiter gibt es in dem touristischen Surferstädtchen Bundoran Kaffee und Kuchen. Wenig später bitten wir zwei Spaziergänger um ein Foto (siehe Titelbild). Die Fotografin empfiehlt uns, die kleine Halbinsel Mullaghmore zu besuchen. Kurz entschlossen ändern wir die Route, was sich als äußerst lohnenswert erweist. Man kann direkt zu den Klippen radeln, links liegt Classiebawn Castle, der ehemalige Wohnsitz von Lord Mountbatten, letzter Vizekönig von Indien sowie erster Generalgouverneur Indiens nach der Teilung, der 1972 von der IRA durch ein Bombenattentat auf seinem Boot in der Bucht vor dem Schloss getötet wurde. Um das Schloss herum gibt es viele mystische Geschichten, die auf einer Tafel dokumentiert sind. Es geht weiter entlang des Tafelbergs Ben Bulben, der sich auf 527 m erhebt und einer der bekanntesten Berge Irlands ist. Wir müssen nicht da hoch, doch wie jeden Tag machen wir noch einige knackige Steigungen bis zu unserem Zielort Sligo. Unterwegs besuchen wir das Grab von W.B. Yeats, dem neben James Joyce bekanntesten irischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und Literaturnobelpreisträger (keine Leseempfehlung). Auf Empfehlung unseres Vermieters besuchen wir am Abend noch das Mc Loughlins in Sligo, wo wir einen typischen irischen Pub-Abend erleben dürfen. Zwölf Leute mit unterschiedlichen Instrumenten spielen gemeinsam irische Musik - herrlich. Als wir um 23 Uhr zurück zum Hotel gehen, ist es immer noch nicht dunkel. Mit dem Einschlafen habe ich heute ausnahmsweise Probleme, die Angriffe der Midges haben Spuren hinterlassen.