Kuala Lumpurs imperiale Imponierarchitektur
Die zweite Juni-Hälfte 2026 verbringe ich in Kuala Lumpur und befasse mich dort mit dem Einfluss der chinesischen Einwanderer und der britischen Kolonisatoren.

Veröffentlicht: 30.07.2026














Java lässt mich sprachlos: Aus dem Flugzeug präsentiert sich die nächtlich beleuchtete Insel wie eine fast flächendeckende Grossstadt. Die Zahlen bestätigen den Eindruck: Java ist mit 132.000 Quadratkilometern gut drei-mal so gross wie die Schweiz oder weniger als doppelt so gross wie Bayern. Es leben aber 160 Millionen Menschen auf der Insel, was vergleichbar wäre mit einer Schweizer Einwohnerzahl von 50 Millionen (statt der aktuellen neun) oder 85 Millionen Bayern (statt der heutigen gut 13).
Ebenso verrückt sind die Zahlen für die Hauptstadt Jakarta, welche die nordwestliche Ecke Javas ausfüllt: Der Ballungsraum Jakarta zählt laut Da-ten des UNO World Urbanization Prospect 42 Millionen Einwohner und ist damit die grösste städtische Agglomeration der Welt, so gross wie Paris, London, Berlin und New York City zusammen.
Ich bin ein neugieriger Mensch, aber wenn die Neugier nur mit Masochis-mus zu stillen wäre, passe ich und lasse der Vernunft die Oberhand. Ich ha-be Jakarta grossräumig umgangen bzw. umflogen und bin am 1. Juli 2026 von Kuala Lumpur direkt nach Yogyakarta gereist. Jogja (ausgesprochen «Dschogdschah»), wie die Stadt von den Einheimischen genannt wird, ist zwar, mit rund anderthalb Millionen Menschen im erweiterten Stadtgebiet, auch nicht gerade ein Dorf, und der Verkehr nimmt es mit jeder Metropole auf: Er ist grauenhaft. Aber immerhin ist Jogja überschaubar.
Genau wegen dieses Verkehrs habe ich einen Guide mit Motorroller ge-bucht, nicht mit einem Auto. Es kommt die 22-jährige Caca (ausge-sprochen «Tschatscha»), holt mich in meinem Gästehaus namens «Duta» ab, stülpt mir einen Motorradhelm über und fährt mit mir als gewichtigem Passagier los.
Mein Gästehaus, das sogar einen Pool mit einem kleinen Wasserfall besitzt (der abends abgeschaltet wird), liegt an der Prawiro-taman-Strasse etwa drei Kilometer südlich des Stadtzentrums, das an der Kreuzung des Titik Nol («Kilometer null») verortet ist. Am Titik Nol steht unter anderem das historische Gebäude der indonesischen Zentralbank mit seinen massiven weissen Mauern, symmetrischen Türmen und grossen Fensterreihen.
Befreiungskämpfer, Batik, Bierbars
Die Prawirotaman wäre eine eigene Story wert. Der Name geht auf Kyai Prawirotomo zurück, einen Adligen, dem der Sultan von Yogyakarta (auf den komme ich noch zurück) das Land im 19. Jahrhundert schenkte. Ur-sprünglich lebten hier die Soldaten der Palastgarde. Während des Unab-hängigkeitskrieges gegen die Niederlande von 1945 bis 1949 operierten Freiheitskämpfer von diesem Quartier aus.
Danach wandelte sich Prawirotaman zu einem wichtigen Zentrum der Batik-Produktion. Deren Niedergang koinzidierte mit der Ankunft der ersten Rucksacktouristen in den 1970er-Jahren, und clevere Anwohner verwandelten ihre Werkstätten und Wohnhäuser in Pensionen und Gäste-häuser. Die Prawirotaman wurde zum Ausgehviertel mit Pensionen, Cafés, Restaurants, Bars und Tour-Anbietern und ist abends sehr belebt.
Demnächst eine Sultanin?
Caca studiert Tourismus und arbeitet nur auf Abruf als Fremdenführerin, um Geld zu verdienen. Aber sie erweist sich als perfekte Gesprächs-partnerin, weil sie erstens sehr gut Englisch spricht und zweitens auf jede Frage eine Antwort weiss.
Yogyakarta ist die Hauptstadt des gleichnamigen Sultanates. (Zwischen-bemerkung: Von 1946 und 1949 war sie auch die provisorische Hauptstadt der Republik, weil Jakarta von den Niederländern besetzt war.) Das Sul-tanat Yogyakarta entstand 1755 aus einem Teil des zerfallenden früheren Islamischen Königreiches Mataram und bleibt ein Kuriosum innerhalb der Republik Indonesien: Da der Sultan sich im Freiheitskampf auf die Seite der Republik schlug, konnte er an der Macht bleiben.
Gemäss einem Vertrag zwischen dem Zentralstaat und dem Sultanat Yog-yakarta wird dessen Gouverneur nicht vom Volk gewählt, sondern das Amt wird vom Sultan selber ausgeübt. Der Sultan von Yogyakarta ist damit der einzige traditionelle regionale, durch Erbfolge besgtimmte Herrscher in In-donesien, der heute noch eine politische Funktion ausübt.
Hamengku Buwono X. ist seit 1989 Sultan von Yogyakarta. Er ist 80 Jahre alt und fährt noch jeden Tag in sein Büro im zentralen Stadtquartier Malioboro, wie mir Caca erzählt. Doch in diesem Alter stellt sich die Frage nach der Nachfolge. Hamengku Buwono X. hat fünf Töchter und keinen Sohn. Er versucht, seine älteste Tochter Gusti Kanjeng Ratu Pembayun (ge-boren 1972) als Nachfolgerin zu installieren.
Doch ein weiblicher Sultan wäre in der jahrhundertealten Geschichte Yog-yakartas und ganz Indonesiens eine Première; entsprechend vehement ist die Opposition vor allem im religiösen islamischen Establishment. Ich bin gespannt, wer dereinst die Nachfolge des beliebten Sultans antritt.
Der Sultan, seine Frauen und Konkubinen
Mit Caca besuche ich den Keraton Ngayogyakarta Hadiningrat, den Sul-tanspalast. Der Keraton ist kein Palast im europäischen Sinn; wer an Buckingham oder Elysée denkt, liegt komplett falsch. Er kann sich auch nicht mit asiatischen Königspalästen wie jenem in Bangkok oder in Phnom Penh oder mit der Verbotenen Stadt in Peking messen, welche durch ihre schiere Grösse und ihre ausufernde Pracht imponieren. Vielmehr finden wir im Keraton diverse Pavillons im javanischen Stil, die Residenz des Sul-tans, die man von einer Absperrung aus beäugen kann, einen ehemaligen Weinkeller (die Sultane von Yogykarta sind Muslime, dies nur nebenbei) und diverse weitere Gebäude.
Im Palast gibt es auch grosse, seitlich offene Eventhallen, in denen Rituale und Zeremonien, Vorführungen traditioneller Musik und lokaler Tänze ab-gehalten werden. Der Keraton ist ein lebendiger Komplex, zwar von impo-santen, weiss getünchten Festungsmauern umgeben, aber mit einer sicht-baren Beziehung zur Stadtbevölkerung.
Der Wasserpalast Taman Sari (was übersetzt «Schöner Garten» bedeutet, wie Caca erklärt), angelegt Mitte des 18. Jahrhunderts, war der Ort, wo sich frühere Sultane mit ihren Frauen, Konkubinen und Kindern ver-lustierten. Es gibt inmitten von Gärten einen Badekomplex mit drei gros-sen Becken – zwei für Frauen und Kinder, welche der Sultan von einem Turm aus beobachten konnte, und eines für den Herrscher selbst.
Obwohl Taman Sari wie eine friedliche Freizeitoase wirkt, diente die An-lage auch der Verteidigung: Unterirdische Geheimgänge verbanden die Ge-bäude untereinander. Im Fall eines Angriffs hätte die königliche Familie unbemerkt fliehen können. Und eine kreisrunde Moschee, nur durch einen der Tunnel erreichbar, liegt tief unter der Erde und hätte im Notfall als Schutzraum gedient. Leider ist sie wegen Einsturzgefahr für Besucher geschlossen.
Oberirdisch betraten der König und seine Entourage den Taman Sari vom Keraton aus durch ein prächtiges Tor, Gedhong Gapura Hageng. Es wurde 1765 erbaut und ist über und über mit kunstvollen Reliefs von Vögeln und Blumen dekoriert.
Erdbebenzone
Keraton und Taman Sari wurden zweimal durch Erdbeben schwer be-schädigt und jeweils wieder aufgebaut: im Juni 1867 und wieder am 27. Mai 2006. Das Beben vor 20 Jahren richtete in der ganzen Stadt massive Schäden an; fast 6000 Menschen kamen ums Leben. Yogyakarta ist beson-ders gefährdet: Erstens ist einer der aktivsten Vulkane der Erde, der Me-rapi, weniger als 30 km entfernt. Zweitens liegt Yogyakarta direkt an einem Bruch in der Erdkruste. Und drittens droht auch Gefahr von massiven See-beben an der Südküste, ebenfalls nur 25 km entfernt.
Yogyakarta ist eine dicht bewohnte, junge, aktive Provinzhauptstadt mit starker kultureller Identität. Ihr Reiz liegt in der Mischung von höfischer Tradition, religiöser Praxis und einem urbanen, auch von den Studenten mehrerer Universitäten geprägten Alltag.
Doch im Gegensatz zu vielen Indonesiern, die Yogyakarta als Feriendesti-nation besuchen, ist die Stadt für die meisten ausländischen Touristen nur Ausgangspunkt für den Besuch der gigantischen Tempelanlagen, dem hinduistisch und buddhistisch geprägten Prambanan und dem welt-grössten buddhistischen Tempel von Borobudur, beide weit mehr als tau-send Jahre alt.
