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Borobudur oder der steinere Aufstieg zum Nirwana

Veröffentlicht: 03.08.2026

Fahrt
Yogyakarta → … → Yogyakarta
40 km · 1h
Attraktion
Borobudur
Magelang, Indonesia
Sehenswert
Kedu-Ebene
Magelang, Indonesia

4. Juli 2026. Mit einem privaten Fahrer namens David sind wir zu dritt von Yogyakarta hinausgefahren in die Ebene von Kedu. Für die 40 Kilometer haben wir im meist dichten Verkehr eine gute Stunde gebraucht – die Rückfahrt während der abendlichen Stosszeit sollte dann noch länger dau-ern, aber der Aufwand hat sich gelohnt: Auf einer kleinen Anhöhe in der Kedu-Ebene liegt Borobodur, ein Bauwerk der Superlative. Das bestätigt sowohl die Unesco, die Borobodur 1991 ins Verzeichnis des Weltkul-turerbes aufgenommen hat, als auch das Guiness-Buch der Rekorde, das die Anlage 2005 zum grössten buddhistischen Tempel der Welt und zur grössten buddhistischen archäologischen Stätte ernannt hat.

Die Ebene von Kedu ist auf drei Seiten von Vulkanen und weiteren Bergen umgeben. Einer, der Merapi, gilt als hoch aktiv, wie mir Caca, meine Frem-denführerin in Yogyakarta, erzählt hatte. Er speit regelmässig Asche aus, und gelegentlich gibt es Lava-Abgänge. Der Krater des Merapi ist von Boro-bodur und vom Zentrum der Grossstadt Yogyakarta jeweils rund 30 Kilo-meter entfernt, und beide werden gelegentlich mit Ascheregen eingedeckt. Aber die Stadt und der Tempel liegen, so beteuern Behörden und Wissen-schaftler, ausserhalb der direkten Gefahrenzone für Pyroklastische Ströme.

Borobodur, wenn es sich am Horizont in der flimmernden Hitze des Tages abzuzeichnen beginnt, ist zuerst einmal gigantisch: Die quadratische Grundfläche beträgt 123 mal 123, die Höhe etwa 35 Meter. Verbaut wurden 1,6 Millionen Steinblöcke – fast vergleichbar mit der Cheops-Pyramide in Gizeh, die aus rund 2,5 Millionen Blöcken zusammengefügt wurde.

Angelegt ist auch Borobodur als Pyramide, jedoch begehbar, mit neun Stu-fen: sechs quadratische Terrassen, darüber drei kreisförmige Plattformen.

Buddhistische Kosmologie

Die Symbolik von Borobodur stammt aus der buddhistischen Kosmologie. Auf drei Ebenen stellt der Tempel den Weg des Menschen vom banalen Alltag bis hin zur Erleuchtung dar, also dem Nirwana. Auf der untersten Stufe finden wir die Welt der Begierden. Darüber, auf fünf quadratischen Terrassen, wird auf kilometerlangen, detaillierten Reliefbändern das Leben Buddhas und seine Lehre dargestellt. Auf den drei kreisförmigen obersten Terrassen ragen 72 glockenförmige Stupas in den Himmel und zuoberst eine zentrale Haupt-Stupa als Symbol für das Nirwana. In jeder dieser Stu-pas thront ein Buddha; zwei hat man freigelegt, um das zu demonstrieren.

Der buddhistische Tempel Borobudur und die Anlage von Prambanan mit sowohl hinduistischen als auch buddhistischen Tempeln entstanden un-gefähr gleichzeitig. (Diese Anlage habe ich in meinem vorherigen Blog «Prambanan – in Stein gemeisselte Götter» vom 3. Juli 2026 beschrieben.) Sie dienten nicht nur religiösen Zwecken, sondern waren auch steinge-wordene Machtdemonstrationen der wichtigsten Clans, die um die Vor-herrschaft im Königreich Mataram, später auch Medang genannt, in der Region von Zentral-Java rivalisierten: die buddhistische Syailendra- und die hinduistische Sanjaya-Dynastie.

Macht, Herrlichkeit und Niedergang

Für mich ist Borobodur das Symbol für den ewigen Widerstreit zwischen Vergänglichkeit und Beständigkeit. Der Bau der Anlage, der um 750 n.Chr. begann, beanspruchte Jahrzehnte und wurde Anfang des 9. Jahrhunderts vermutlich unter König Sri Maharaja Samaratungga aus der Syailendra-Dynastie vollendet. (Forscher haben vergeblich nach schriftlichen Zeug-nissen vom Bau gefahndet; sie mussten die Baujahre mit Stilvergleichen, architektonischen Analysen und anhand von Inschriften schätzen.

Doch wenn uns die überwältigenden Anlagen von Borobodur und Pram-banan heute ein metaphysisches Gefühl der Unendlichkeit geben, so haben wir den zweiten Teil der Geschichte, jenen des raschen Niedergangs, nicht verinnerlicht: So stolz Borobodur und Prambanan heute dastehen, so kurz war ihre Blütezeit. Prambanan wurde nur etwa 80 bis 100 Jahre intensiv genutzt. Und Borobudurs Bedeutung schwand nach 100 oder höchstens 200 Jahren.

Im Laufe der Jahrhunderte begruben Vulkanasche und die dichte Vege-tation des Dschungels Borobodur. Erdbebeben verschoben Wände; Stupas stürzten ein. Regenwasser und Wurzeldruck beeinträchtigten die Statik; der Tempel drohte, im Boden zu versinken.

1814, also etwa eintausend Jahre nach der Vollendung von Borobodur erhielt ein niederländischer Ingenieur den Auftrag, das tief im Dschungel versteckte Bauwerk von Bäumen und Erde zu befreien. Erst fast hundert Jahre später, 1907 bis 1911, wurden die obersten Terrassen und Stupas sta-bilisiert.

Das Erbe bewahren

Doch die entscheidende Phase zur Rettung des Denkmals begann 1975. Während sieben Jahren führte die indonesische Regierung zusammen mit der Unesco eines der aufwändigsten Restaurierungsprojekte durch, das die Menschheit je gesehen hat: Mehr als eine Million Steinblöcke wurden abge-tragen, katalogisiert und gereinigt. Ein modernes Entwässerungssystem wurde angelegt, und der Kern des Tempels wurde mit Beton verstärkt. Dann wurde Borobodur mit den originalen Steinblöcken wieder aufgebaut. 

Neben einem Sinnbild für Macht, Herrlichkeit und Beständigkeit ist Bor-obodur auch zu einem Symbol des wissenschaftlichen Fortschritts gewor-den: Im Denkmalschutz hat sein Wiederaufbau neue Massstäbe gesetzt.

Nach den überwältigenden Eindrücken, als wir den Rückweg nach Yogyakarta antreten, machen wir ausserhalb der umzäunten Anlage von Borobodur eine profanere, aber trotzdem überraschende Entdeckung: Plötzlich tuckern mehrere, in Bonbonfarben gehaltene VW-Kübelwagen, besetzt mit winkenden Touristen, vorbei. Das offiziell 181 oder auch «Ku-rierwagen» genannte, offene VW-Modell mit seiner kantigen Karosserie und dem Käfer-Boxermotor im Heck erinnert an die Kübelwagen der Wehrmacht zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. In Deutschland wurde der VW 181, ursprünglich für die Bundeswehr entworfen, von 1968 bis 1978 gebaut.

Aber wie kommt der exotische Oldtimer nach Borobodur? Unser Guide kennt die Antwort: Von 1972 bis 1980 wurde der VW 181, in Indonesien offiziell VW Safari genannt, auch in einem Werk bei Jakarta montiert. Die Fahrzeuge wurden an das indonesische Militär ausgeliefert. 1977 stattete der Staat zudem die Verwaltungsleiter der gut 7000 indonesischen Dis-trikte und weitere Beamte mit dem zuverlässigen, simplen und gelände-gängigen Gefährt aus. Die Distriktleiter heissen in Indonesien «Camat»; bald gab der Volksmund den in auffälligem Orange gehaltenen Dienst-fahrzeugen den Übernamen «VW Camat».

Nach vielen Dienstjahren wurden die VW Camat ausgemustert. Statt sie zu verschrotten, übernahmen Oldtimer-Club und Tourismusorganisationen viele der Fahrzeuge, setzten sie instand und spritzten sie in allen möglichen Farben. Heute werden die nostalgischen Cabriolets für Touren durch die Reisfelder, Wälder und Dörfer eingesetzt.

Hier die monumentale Steinpyramide, dort die kleinen, blechernen Kisten, beide sorgfältig restauriert – der Massstab ist nicht vergleichbar, die Idee, mit dem eigenen Erbe sorgfältig umzugehen, schon.   

Auf einen Blick

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Kulturell
  • Borobudur
  • private Fahrt von Yogyakarta in die Kedu-Ebene
  • buddhistische Tempelanlage und Reliefs
  • Restaurierung durch Indonesien und Unesco
KulturGeschichteArchitekturRoadtrip
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