Day-X

2 Jungs, eine Bestimmung. 183 Tage. von Neuseeland nach Argentinien. Einmal um den halben Erdball.

"You never know about the weather in patagonia"

Tag 119


Mittlerweile sind wir ganz im Süden von Argentinien, in El Calafate. Wir waren schon mal hier vor ein paar Tagen, nur für eine Nacht. Es ging dann aber direkt ins zwei Stunden nördlich gelegene El Chaltén, weil kein Bus direkt dort hin fuhr und so mussten wir zuerst hierher, um nun wieder da zu sein. Klingt alles verwirrend, ist es auch, aber nun sind wir eben wieder hier und bleiben bis Sonntag, um morgen den riesigen Perito Moreno Gletscher zu sehen.

Die letzten zwei Tage galten dem Wandereldorado El Chaltén, wo wir zwei längere Wanderungen gemacht haben und den Mythos des berühmten Fitz Roy Bergmassivs hautnah zu spüren bekamen. Auf einer insgesamt neunstündigen Wanderung durch dichte Wälder und die grüne, weite Landschaft, wurde uns klar, dass dieser Wanderweg nicht ohne Grund zu einem der schönsten der Welt gehört. Man geht erst einmal ein Stück lang nur bergauf, kommt dann erschöpft an einem Aussichtspunkt an, an dem man nicht nur über die wunderschöne Natur vor einem staunt, sondern auch darüber, wie viele Höhenmeter man in der kurzen Zeit gemacht hat. Dann geht es weiter entlang eines Flussdeltas, zwischen den wild verwachsenen Bäumen hindurch, über Steine und Felsen, bis man ihn das erste mal sieht. Den Fitz Roy. Die Spitzen des Cerro Fitz Roy, die wie Haifischzähne in den Himmel ragen und von dichtem Nebel umgeben sind, spornen ein an weiterzugehen, und diesem beeindruckendem 3400 Meter hohem Berg näher zu kommen. Nach etwa drei Stunden kommt man dann an einem Schild an, welches den Beginn des letzten Abschnittes bis zur „Laguna de los tres“ markiert. Dies ist der See, der direkt vor dem Berg liegt und den Höhepunkt dieser Wanderung darstellt. In einem Prospekt über El Chaltén stand, dass dieser Abschnitt der Kategorie „difficult“ angehört, da er sehr steil und anstrengend sein soll und wir wussten bis wir an dem Schild ankamen gar nicht, ob wir das letzte Stück überhaupt machen sollten. Auch auf dem Hinweisschild stand, man müsse eine sehr gute physische Verfassung haben, um den Weg bestreiten zu können und müsse darüber hinaus sehr vorsichtig sein. Da die Sonne aber schien und wir eigentlich auch noch nicht komplett außer Atem waren, beschlossen wir das letzte Stück anzupacken. Dieses war in der tat mit Abstand der steilste und anstrengendste Weg, den wir bis Dato vielleicht gegangen sind, aber, es hat sich gelohnt. Es hat sich wirklich gelohnt. Endlich hatte ich das Titelbild meines Reiseführers, das mich immer so fasziniert hatte, direkt vor Augen. Der unwirklich im Nebel schimmernde Fitz Roy war zum greifen nah und vor ihm der spiegelglatte Bergsee. Zugegebenermaßen haben wir die Schönheit dieses Naturphänomens erst etwas später genossen, da wir uns, sobald wir oben ankamen erst mal das Lunchpaket reinkloppen mussten. Nach viereinhalb Stunden harter Arbeit hat man eben Hunger. Und dann machten wir ein Foto nach dem anderen und blickten still auf dieses kahle kantige Bergmassiv, genau wie alle anderen Begeisterten neben uns. Da oben beim See, war die ganze Welt von Rucksacktouristen vertreten. „Die kommen aus aller Welt“, sagte ich mehrmals zu Linus, als wir unsere Brötchen aßen und um uns herum blickten. Aus Schweden, aus Kanada, Frankreich, England, den USA, Japan... Überall her. Das merkt man auch beim wandern, wenn einem alle paar Meter irgendwelche Leute mit einem gezwungenem „ola“ begegnen, weil beide wissen, dass keiner der Beteiligten spanisch spricht. In El Chaltén gibt es schätzungsweise mehr Hostels, als normale Häuser und im Supermarkt hört man alle Sprachen, die es gibt. Urige Typen laufen da herum. Nach etwa neun Stunden, 27 Kilometern und etwa 37.000 Schritten, waren wir wieder im Hostel, in dem wir uns mit zwei weiteren Deutschen und zwei Engländern ein Zimmer teilten. Wir wurden, als wir ankamen, direkt von einem aufgedrehtem Typen begrüßt, der sich oft lässiger dastehen lässt, als er vielleicht ist und dem auch mal weise Sätze wie „You never know about the weather in patagonia“ herausrutschen, obwohl er ja eigentlich aus Deutschland kommt. Wir nannten ihn nur den Waschmann, weil er uns andrehen wollte, für 200 Pesos unsere Wäsche zu waschen. Im Großen und ganzen war er aber doch eigentlich ganz lustig, wenn auch eigen, aber das macht die Wanderverrückten Urlauber in dieser Gegend eben aus.

Am nächsten Tag waren wir wieder wandern, jedoch nicht ganz so lange. Es ging zum Cerro Torre, den man aufgrund des noch besseren Wetters enorm gut sehen konnte und der auch wirklich sehr beeindruckend war. Auf dem Rückweg sagten wir öfter „Ich kann nicht mehr“, als wir Schritte machten und nachdem wir das dritte mal in Folge Nudeln gegessen hatten (alles andere ist so unfassbar teuer in El Chaltén), fielen wir nur noch erschöpft ins Bett.

Und nun sitzen wir in einem Café in El Calafate. Seit zehn Tagen bin ich ohne Handy, das klappt bis jetzt ziemlich gut. Wir trinken noch unseren Kakao aus, dann kochen wir nachher irgendwas. Morgen geht es zum Gletscher und in zwei Tagen geht es mit dem Flugzeug weiter. Ans Ende der Welt.

Es sind 20 Grad. Morgen sollen es 24 Grad werden und nächste Woche zehn Grad. Aber wir wissen ja: You never know about the weather in patagonia.

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