Chapter three 🦝
Zwischen Abgeschlagenheit und Wahnsinn.


Veröffentlicht: 14.07.2025
Ich habe ja erzählt, dass ich versehentlich den Stanley Park drei Stunden lang umrundet habe. Danach dauerte es noch zwei Stunden, bis ich endlich wieder im Hostel war. Während ich am Strand, an dem ich angekommen war, eine Pause machte, fiel mir eine Taube auf, die schwer humpelte und teilweise vor sich hin fiel. Sie sah aus wie eine Damen-Taube, und neben ihr stand ihr Partner. Das erkannte ich daran, dass er ihr nicht von der Seite wich. Es war rührend zu sehen, wie diese beiden Tauben trotz der Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert waren, zusammenhielten.
Ich beobachtete, wie sie am Strand zusammen mit den Enten, Möwen und Raben lebten, ohne ständig von Menschen aus Spaß gejagt zu werden. Bis auf einen Jungen mit seinem Vater, der es spaßig fand, nach den Tauben zu treten. Da die eben genannte Taube nur ein Bein hatte und schon sehr geschwächt war, konnte sie gerade so etwas wegfliegen. Viele Menschen denken nicht darüber nach, dass Vögel auch erschöpft sein können. Sie sind ständig auf Futtersuche, sind der Hitze ausgesetzt und müssen sich dann noch von solchen Menschen quälen lassen. Auch Tiere haben körperliche Beschwerden. Ich mag das sowieso nicht, wenn Menschen durch Tauben durchlaufen, als wären sie nicht da. Lauft doch einfach um sie herum. Es nimmt uns nichts, freundlich zu anderen Lebewesen zu sein.
Und ja, ich finde, dass es Quälerei ist, Tauben zu jagen. Sie sind kein Spielzeug und vor allem ihrem traurigen Schicksal ausgesetzt. Sie sind Haustiere, vom Menschen gezüchtet. Sie werden als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet, weil sie kein artgerechtes Futter bekommen, um einen festen Kot zu produzieren. Sie müssen ständig schauen, dass sie Nistplätze finden, weil ihr Brutzwang angezüchtet ist. Und wir Menschen treten sie wortwörtlich mit Füßen, obwohl die Spezies Mensch verantwortlich ist für ihr Leid. Versteht mich nicht falsch, Ich oder Du können nichts direkt dafür. Doch wie stehen in der Verantwortung, den Tieren ihren Lebensraum zurückzugeben, beziehungsweise ihnen einen zu schaffen.
Zuhause würde ich einen Karton holen und sie zum Tierarzt bringen. Doch hier? Was sollte ich tun? Ich versuchte, in der Tiernothilfe jemanden zu erreichen, aber mit Misserfolg. Niemand meldete sich zurück. Auf einer Internetseite entdeckte ich, dass ich verletzte Tiere melden kann, was ich auch tat. Ich bekam eine Bestätigungsemail, dass meine Nachricht angekommen ist. Mit schwerem Herzen verließ ich den Platz. Ich gab der Taube und den anderen Tauben ein paar Körner und schüttete Wasser auf die Wiese. Auch hier in Kanada darf man keine Wildtiere füttern, doch dass Tauben eigentlich Haustiere sind und auf die menschliche Fürsorge und artgerechte Körner angewiesen sind, wissen die wenigsten. Ansonsten verhungern sie. Es war ein kleiner Akt, aber ich wusste, dass es nicht genug war und trotzdem machte ich mich mit diesem Weltschmerz auf den Weg zurück ins Hostel und zog mich in mein Bett zurück, um zu schlafen. Gegen 19 Uhr dachte ich dann daran, mir etwas zu essen zu machen. Ich hatte Brot, Aufstrich und Tomaten. Nachdem ich mir in den Hintern getreten hatte, endlich aufzustehen, schaute ich in der Gemeinschaftsküche vorbei. Mit einem Ohr hörte ich deutsches Gelaber. Da ich nicht einfach „HALLO, HIER BIN ICH“ rufen wollte, schob ich mit einem leisen „Vorsicht“ hinter dem Jungen am Kühlschrank vorbei. Das blieb natürlich nicht lange unbemerkt, und ich kam mit Noah und Gyde ins Gespräch. Noah war gerade angekommen, während Gyde schon etwas länger da war. Auch Gyde fand es schwierig, hier Anschluss zu finden, und wir tauschten Geschichten über unsere Erfahrungen im Hostel aus.
Wir waren froh, unsere Nummern auszutauschen. Und tatsächlich saßen wir uns direkt im Gemeinschaftsraum gegenüber und redeten zwei Stunden über Gott und die Welt. Was sie in dem Moment noch nicht wussten, war, dass sie mit einer Flunkermaus am Tisch saßen, die eigentlich schon 28 Jahre alt ist und nicht wie zuvor erwähnt – 27. Später machten sie sich dann darüber lustig, dass ich mich nur ein Jahr jünger gemacht hab. An diesem Abend trennten sich erstmal unsere Wege, die aber am nächsten Tag wieder zusammenfinden sollten.
Am nächsten Morgen ging ich in die Küche, um mir Frühstück zu machen. Da ich mich nicht in den vollen Raum setzen wollte, beschloss ich, raus auf dir Terrasse zu frühstücken. Bis ich ein „Hey ya, it's free?“ hörte, war ich tief in meinem Handybildschirm verschwunden. Um nicht unfreundlich zu wirken, obwohl ich eigentlich nur unsicher mit der Sprache war, fragte ich sie, woher sie kommt. Zu meiner Überraschung konnte ich mich dann gleich auf Deutsch mit ihr unterhalten. Wie sich herausstellte, bestand das Hostel gefühlt nur aus deutschen Kartoffeln. Nach dem Frühstück verkroch ich mich mit Jessy auf die Dachterrasse und erzählte ihr von den Ängsten und Sorgen, die mich plagten, auch wenn ich diese gar nicht wirklich greifen konnte. Ich hatte Sorge, dass ich mit meinem begrenzten Budget nicht hinkommen würde, dass ich niemanden finde, mit dem ich etwas unternehmen kann, dass ich mich nicht richtig verständigen kann. Ich erzählte ihr, dass ich mich die ersten zwei Tage verloren gefühlt hatte. Sie sagte mir ganz klar: „Du bist zwei Tage hier, das erste Mal in einem fremden Land. Und ja, das ist ein Jetlag. Und nein, du kannst nicht den ganzen Tag jede Minute etwas unternehmen. Dein Körper braucht eine Pause von dem Flug. Dein Geist muss hier erstmal ankommen.“ Jessy war zwei Jahre älter als ich und hatte bereits mehr Erfahrung mit dem Reisen, was mir ein wenig Trost gab. Das hat mir in dem Moment so geholfen. Jemand Fremdes holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück und gibt mir zu spüren, dass das, was ich fühle, normal ist. Ich bin sowieso ein sehr kritischer und perfektionistischer Mensch. Auch wenn ich in meinem privaten Umfeld nie so wirke, bin ich doch sehr verkopft und kann mich nicht so leicht runterfahren.
Auf dem Boden der Tatsachen zurück entspannte ich mich erstmal auf der Dachterrasse und ging danach zum Strand. Auch hier war es schön zu sehen, dass die Enten im Meer schwammen, im Sand entspannten und die Menschen sich um sie herum setzten und ihnen ihren Platz ließen. Obwohl es Sommer ist, ist die Wassertemperatur bei 16 °C, und ich konnte mich nicht überreden, ins Wasser zu gehen. Der Pazifik ist ja generell kühler, sodass ich auf meinem Handtuch dem Meeresrauschen lauschte und mein Buch las. Ganze vier Stunden verbrachte ich dort, zwischendrin lief ich immer ein bisschen weiter und genoss den Ausblick des Sunset Beach.
Auf dem Nachhauseweg verabredete ich mich mit Noah und Gyde zum Sonnenuntergang mit Pizza am Strand. Zuerst lernte ich aber meine neue Zimmernachbarin kennen. Kristin ist für zwei Tage hier, kommt aus Deutschland und ist Physiotherapeutin. Ich war so frei und lud sie direkt mit zum Strand ein. Wenn man selbst weiß, wie es einem ging, kann man sich bemühen, zuvorkommend und einladend zu sein. Ich zeigte ihr alles im Hostel, und nach dem Sonnenuntergang klangen Noah, Gyde und ich den Abend in der Küche aus. Kristin war sehr müde vom Flug und hatte am nächsten Tag noch einiges vor an Sightseeing.
Damit wir im nächsten Kapitel darüber sprechen können, dass ich auf einmal vier Menschen um mich herum hatte, mit denen ich quatschen und Zeit verbringen konnte, muss ich euch sagen, dass an diesem Abend noch jemand dazugekommen ist. Noah und ich standen in der Küche, während Güde ihr Essen kochte, und da stand er. Frisch aus Amerika kam Rouven dazu. Und mit „dazu“ meine ich wirklich dazu. Wir saßen uns zu viert in den Gemeinschaftsraum und redeten, als würden wir uns schon ewig kennen. Rouven erzählte vom Anfang seiner Weltreise ab Guatemala, Güde sagte, dass sie müde sei, und Noah gab seine sarkastischen Kommentare dazu. Man braucht für seine Weltreise nur drei (später waren es vier) Unterhosen. Mit diesem neuen Wissen konnte ich dann in Ruhe einschlafen.
