Chapter eight 🥰
Blaese, James und die Zipline.


Veröffentlicht: 25.07.2025
Am nächsten Morgen packte ich meine Koffer und machte mich auf den Weg zum Flughafen. Die Busse, die man buchen kann, um beispielsweise an den Flughafen in Vancouver zu gelangen, sind einfach „amazing“ – und dazu noch so günstig! Ich fühlte mich fast wie ein VIP, während ich in dem komfortablen Bus saß, der mich durch die Stadt kutschierte.
Wenig Stress hatte ich auch mit dem Flughafen und dem Flug nach Calgary. Ich schaffte es sogar, meine Sicherheitskontrolle ohne das übliche Chaos zu überstehen. Die Wolken waren traumhaft schön da oben, fast so, als hätte jemand ein riesiges, flauschiges Bett aus Zuckerwatte über die Landschaft gelegt.
In Calgary angekommen, musste ich mich neu orientieren. Andere Busfahrpläne, andere Apps, die man nutzt, andere Straßennamen. Wie gewohnt nutzte ich Google Maps, um mir den Weg zu meiner Unterkunft, die ich bei Booking.com gebucht hatte, zu zeigen. Im Bus eingestiegen, saß ich dann einfach da – so etwa 25 Minuten. Irgendwann dachte ich, meine Haltestelle kommt nicht, und stieg in einem Kurzschlussverfahren aus. (Die Skills mit den Bussen habe ich bis zum Ende nicht gelernt – dazu später mehr.) Ich richtete Google Maps neu aus: 40 Minuten zu Fuß und 18 Minuten mit dem Bus (mit dreimal umsteigen). Ich entschied mich, den Weg zu laufen.
An der Seite, zwischen den Bäumen, sah ich viele Eichhörnchen, während mich die Mücken halb aufaßen. Irgendwann sah ich eine dicke, fette Wolke am Himmel, und ich lief genau auf sie zu. Während ich schon Blitze am Himmel sah, gab mein Navi noch 15 Minuten an. Ich konnte nicht anders, als Bilder von den Wolken zu machen, und schon schüttete es wie aus Eimern. Ich war schneller nass, als ich „Oh nein!“ sagen konnte.
15 Minuten lief ich durch den Regen, nichts zum Unterstellen, bis ich schließlich vor der Unterkunft stand. Doch wie komme ich rein? Ich stand da, tropfnass und mit einem Ausdruck, der wahrscheinlich irgendwo zwischen „Ich habe gerade einen Marathon im Regen gewonnen“ und „Ich bin ein begossener Pudel“ lag. Ich klopfte an die Tür, und plötzlich öffnete mir ein Mann die Tür. Leider nicht mein Traumprinz, sondern ein 50-jähriger Chinese. Er sah aus, als hätte er mich nicht erwartet, während ich mich fragte, ob ich im richtigen Haus bin.
Er besorgte mir ein Handtuch und redete irgendwie in einer Sprache, die ich absolut nicht verstand – eine Mischung aus Chinesisch und Englisch, die ich als „Chinlish“ bezeichnen würde. Er führte mich zu den Treppen, die nach unten führten. Ich schickte meiner Mama den Standort per WhatsApp, weil ich nicht wusste, was mich da unten erwartete. Im Keller! Ich sah verschiedene Zimmer, und er führte mich in meines. Es schien alles okay zu sein, und während er redete, wollte ich einfach nur aus den nassen Klamotten raus (nass ist untertrieben).
Als er dann endlich ging, konnte ich mich trocknen. Ich schloss die Zimmertür und als ich 10 Minuten später meine Zähne putzen wollte, bekam ich die Tür nicht mehr auf. „Jetzt ist es soweit, Horrorfilm“, dachte ich. Das erste, was ich machte, war, an den Fenstern zu schauen, ob es Gitter gibt. Waren keine. Aber das Fenster ging auch nicht auf. Ich überlegte hin und her und nahm meinen Mut zusammen und schrieb dem Mann per WhatsApp, dass er mir bitte die Tür aufmachen soll.
Zwei Minuten später tat er das. Es stellte sich heraus, dass ich einfach zu wenig gezogen hatte. Man musste wirklich richtig dolle ziehen, was mich die folgenden Tage echt auf die Nerven ging. Aber Robert (der Mann) stellte sich als der netteste Gastgeber heraus, den ich jemals getroffen habe. Er half mir bei allem, fragte immer nach und war sehr zuvorkommend. Nichts ist so, wie es scheint – sowohl negativ als auch positiv.
Am nächsten Morgen ging ich durch die Straßen, mit meiner äußerst emotionalen Musik in meinen Ohren. Kurz vorher hatte ich Videos von meinen Turnmädels, meiner Katze und ein paar anderen Personen gesehen, und verschiedene Gerüche stiegen in meine Nase. Mein Kopf ratterte mit der Musik. Weißt du, wie ich meine? Wenn das ein Film wäre, würden unterschiedliche Frequenzen abgespielt werden. Ein Zwischenfazit, bevor ich mich in den Calgary Tower begab, war, dass das Ganze hier Zeit braucht. Ich hatte keine vertrauten Personen um mich. Dass ich Umarmungen brauche, um runterzukommen, habe ich ja schon erzählt. Aber ich kann hier ja schlecht fremde Menschen umarmen, haha. Mein Plan ist, eine Stadt zu finden, in der ich mich wohlfühle. Aber auch wohlfühlen kannst du dich ja erst, wenn du Menschen und Umgebungen kennst. Calgary ist sehr groß. Wahrscheinlich gäbe es hier einen Ort, doch mein Budget ist begrenzt. Vielleicht reise ich in die nächste Stadt oder in einen anderen Ortsteil. Ich nutze auf jeden Fall die paar Tage, um Calgary kennenzulernen und vielleicht auch 1-2 Gymnastics Clubs zu besuchen oder mich in einem Ski Resort zu bewerben. Erstmal muss ich hier wieder 2-3 Tage ankommen. Und am vierten entscheide ich mich dann, wohin es geht. Zwischen Banff und Jasper soll es sehr schön sein, hat mir Kristin erzählt, die ich aus Vaniii kenne.
Nach meinem Stadtrundgang mit den beeindruckenden großen Gebäuden lief ich an der Calgary Library vorbei und beschloss, reinzugehen. Jessy hatte mir erzählt, dass man da kostenlos rein durfte. Ich versuche gerade, face-to-face mit englischer Literatur zu gehen, um die Sprache etwas zu vertiefen. Nach 15 Seiten dachte ich mir: „Fair enough“, was so viel heißt wie „gut genug“. Es ist sehr anstrengend für meinen Kopf, aber es war schön, ein paar neue Begriffe zu lernen. Wahrscheinlich werde ich in Deutschland dann geduldiger, weil ich jetzt weiß, wie schwer es ist, plötzlich in einer anderen Kultur mit einer anderen Sprache zu sein, die man vorher nur sporadisch kannte.
Ich fing an Leute von den Fenster aus zu beobachten, und mir wurde nochmal bewusst, dass jeder gerade seine eigenen Gedanken sprudeln hat. Es ist so krass, wie viele Menschen oder im Allgemeinen Seelen auf der Erde gibt. Wenn man sich vorstellen würde, dass man alle Gedanken hören könnte, wäre das ja nur noch eine sehr hohe Sequenz. Mindfuck.
Und meine Gedanken kreisen weiter. Ich habe ja von dem Guide in Whistler erzählt, James. Irgendwie hat er es mir angetan. Ich fand seine Aussprache so toll und seine Energie so faszinierend. Mit dem Lied im Ohr „IDK U yet“ dachte ich daran, dass ich mehr solche Menschen kennenlernen will. Aber dann wirklich kennenlernen für einen längeren Zeitraum. Ich weiß, dass es privilegiert ist, solche Chancen wie ein Work and Travel nutzen zu können. Aber nach den 16 Tagen, in denen ich hier bin, brauche ich, glaube ich, noch 1-2 Wochen, um zu wissen, wo ich bleiben will. Mit der stillen Hoffnung, dass ich es nicht ganz so aktiv entscheiden muss, sondern dass das Leben einfach seinen Lauf nimmt und dieses Gedankenkarussell mal eine Pause macht, damit ich das Leben hier genießen kann.
Auf der Rückfahrt im Bus sah ich einen Rollstuhlfahrer, circa 19 Jahre alt, ohne Beine. Warum fällt es mir so schwer, glücklich zu sein? Ich habe einen gesunden, funktionierenden Körper, einen gesunden Geist, und doch halten mich störende Gedanken zurück.
Es wäre zu einfach, etwas zu machen, was ich schon kenne. Natürlich ist nichts dabei, mal in einem Gymnastics Club reinzuschnuppern. Aber ich wollte mich abseits von den Sachen in Deutschland kennenlernen. Ich weiß, dass ich die Arbeit mit den Kindern vermisse; ich brauche dafür keinen Beweis. Ich will in diesem Jahr Dinge machen, die ich sonst nicht machen würde. Bisher klappt es ganz gut. Ob ich mich gut fühle? Nein, natürlich nicht. Es ist fucking schwer, sich neu kennenzulernen und Dinge nicht mehr machen zu können, die einem vorher so viel Halt gegeben haben. Und so verabschiedete sich mein Gedankenkarussell erstmal in die Pause und ich bereitete mich auf mein nächstes Abenteuer vor.