Chapter two 🤦🏼♀️
Chaos und Charisma.


Veröffentlicht: 13.07.2025
Der Kopf ratterte, bevor meine Augen sich öffneten. Ich hatte tief geschlafen, war aber trotzdem von Kummer geplagt. Was mache ich hier? Diese Gedanken hielten mich im Bett gefangen, bis ich schließlich beschloss, meine sieben Sachen zu schnappen und einfach loszulaufen. Das mache ich ganz gerne, wenn ich irgendwo das erste Mal bin – es hilft mir, einen Überblick zu gewinnen.
Der Plan war schnell gemacht, ohne zu bedenken, dass ich bis auf mein Handy, Duschzeug und die Kleider von gestern gar nicht an meine Sachen kam. Aber ehrlich gesagt, war es mir egal. Ich schlich die Treppen des Hostels hinunter, und der nette Mann von gestern war leider nicht mehr da. So zog ich die Haustür auf und ging die Straße entlang. Es war 6 Uhr morgens, und die Straßen waren dementsprechend leer.
Nach einem Spaziergang, der von vielen Gedanken und einer gewissen Leere in meinem Herzen geprägt war, suchte ich das erstbeste Café auf und bestellte mein erstes kanadisches Essen. Auf der Suche nach veganen Optionen fand ich mich schließlich bei einem Sandwich für 9,99 Dollar wieder. Für die Nahbarkeit, dachte ich mir. Das sind circa 6,20 Euro. Für die Größe des Sandwiches war der Preis also eigentlich in Ordnung – auch wenn ich mir insgeheim wünschte, dass es ein bisschen mehr wie ein Kunstwerk und weniger wie ein schnödes Brot mit Füllung aussähe.
Ich verbrachte etwa zwei Stunden in dem Café, weil ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte. In der Zeit beobachtete ich die wenigen anderen Gäste, die wie ich in ihren Gedanken versunken waren. Ein älterer Herr am Nachbartisch schien mit seinem Kaffee ein tiefes Gespräch zu führen – mit sich selbst. Ich konnte nicht anders, als mir vorzustellen, dass er vielleicht der nächste große Philosoph Kanadas war, der gerade seine besten Ideen ausarbeitete.
Der Tag verging wie im Flug. Wenn ich ehrlich bin, schreibe ich diesen Text eine Woche später, und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, was ich an meinem ersten "richtigen" Tag, Samstag, den 05. Juli, gemacht habe. Ich erinnere mich allerdings noch sehr genau an meine Gefühle, die ich etwa vier Stunden an diesem Tag mit meiner Mama am Telefon und mit meinen drei engsten Bezugspersonen bei WhatsApp diskutiert habe. Der Konsens war, dass ich einfach machen und es genießen soll – die neuen Erfahrungen, die Freiheit und die Möglichkeit, mich selbst zu entdecken. Leichter gesagt als getan. Die Gefühle, die man so hat, scheinen oft isolierend zu sein; man denkt, man muss sie alleine spüren. Bis man jemandem trifft, der einem das Gefühl gibt, nicht alleine solche Gefühle zu haben. Zwei Tage später traf ich jemanden, der mir dieses Gefühl gab – aber dazu später mehr.
Da ich nicht mehr weiß, was an diesem Tag so abging, führe ich nun mit meinem zweiten Tag fort. Auch am Sonntag fiel ich früh aus dem Bett. Nachdem ich am Vorabend mein Schloss geknackt hatte, kam ich endlich wieder an meine Sachen. Ich beschloss, den Sonnenaufgang am Meer zu betrachten. Um sich zu besinnen, gibt es einfach nichts Besseres. Ich schlenderte den Berg hinunter und spürte langsam die frische Ozeanluft. Es ist kein typischer Strand; es sieht eher aus wie ein Hafen mit Sand. Nichtsdestotrotz war die Landschaft unglaublich schön, sodass es mich nicht ganz so ärgerte, dass der Sonnenaufgang auf der anderen Seite der Stadt ist, abgeschottet von den ganzen Hochhäusern.
Um mehr vom Strand zu sehen, beschloss ich, weiterzugehen – und weiter und weiter. Ich dachte, es würde einen Punkt geben, an dem ich einfach hoch in die Stadt gehen könnte. Nach einer Stunde allerdings war ich so weit gelaufen, dass ich mir dachte, zurücklaufen lohnt sich nicht mehr. Ich werde ja irgendwo rauskommen. Nach zusätzlichen zweieinhalb Stunden bemerkte ich dann, dass ich versehentlich eine große Wanderung um den Stanley Park gemacht hatte. Jetzt weiß ich wenigstens, was der Stanley Park ist! Während ich durch den Park schlenderte, entstanden viele neue Aufnahmen auf meinem Handy. Ich hielt an, um die beeindruckenden Ausblicke des weiten Ozean und großen Berge festzuhalten. Einmal sah ich sogar einen kleinen Waschbären, der neugierig aus einem Mülleimer lugte – ich konnte nicht anders, als zu lachen und mir vorzustellen, dass er der wahre Herrscher des Parks war.
Doch während ich die Schönheit der Natur genoss, bemerkte ich auch die Blasen an meinen Füßen. Wie eine typisch deutsche Standardregel hätte ich mir Wanderschuhe anziehen und mich eincremen sollen. Obwohl ich wusste, wie wichtig das Eincremen bei meiner hellen Haut ist, war es mir heute Morgen einfach wichtiger, schnell aus dem Zimmer rauszukommen. Und außerdem war der "Spaziergang" ja jetzt auch sehr überraschend. Ich hatte abends zuvor zwei neue Mitbewohner bekommen. Ich wollte aber eigentlich einfach für mich alleine sein, um die Reise hier her bewusst wahrnehmen zu können. (Um ehrlich zu sein, konnte ich die beiden nicht so leiden, was wahrscheinlich mit meinem inneren Gefühl der Einsamkeit geprägt war.)
Mit Sonnenbrand im Gesicht sollte sich aber abends das Alleinsein und Unwohlsein ändern. Ich fand zwei Menschen, mit denen ich die nächsten vier Tage verbringen würde. Es war fast so, als hätte das Universum mir einen kleinen Schubs gegeben, um aus meiner Komfortzone herauszukommen. Ich erinnere mich, wie wir uns in der Küche trafen und sofort ins Gespräch kamen – es war, als hätten wir uns schon ewig gekannt.
